Quoten-Offensive bei Arte: Huch, wo ist denn unser Anspruch hin?

Von Peter Luley

Wer es intelligent mag, schaut Arte - das galt zumindest bislang. Eine große Programmoffensive im kommenden Jahr soll dem Sender eine "gewisse Leichtigkeit" und mehr Zuschauer bringen. Damit droht der eigene Anspruch des Kulturkanals flöten zu gehen.

Programmreform: Quo vadis, Arte? Fotos
Randee St Nicholas

Wenn der Kulturkanal Arte mal populär sein wollte, sah das bislang so aus: Da wurde in diesem Jahr der "Summer of Girls" ausgerufen und der Zuschauer zur Wahl der "Queen of Pop" gebeten. In 25-minütigen Porträtclips wurden Künstlerinnen von Blondie bis Britney Spears vorgestellt, und bei der großen Abstimmungs-Finalshow in Hamburg traten dann aufstrebende Jungtalente wie Mimi Westernhagen als "Paten" auf, während ein deutsch-französisches Moderatoren-Duo gemeinsam die Aussprache des Wortes "Fischauktionshalle" übte. Bestes bilinguales Bildungsfernsehen also - oder anders ausgedrückt: Bisher durften die ungelenken Arte-Vorstöße in die fremde Welt des Mainstreams noch milde belächelt werden. Das aber soll nun anders werden.

Mit einer Programmreform, die 2012 in Kraft tritt und am Montag in Hamburg der Presse vorgestellt werden soll, verordnet sich der Sender eine populärere Ausrichtung. Die Ankündigung klingt besorgniserregend: Der Ton müsse "freundlicher, emotionaler und zugänglicher" werden, heißt es in der internen Begründung des Beschlussvorschlags zum neuen Sendeschema, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Und weiter: "An die Stelle mehrerer Einzelformate werden erwartbare Programmflächen, die dem Zuschauer jeweils eine gemeinsame Programmfarbe vermitteln, treten."

Klar, wer wollte etwas dagegen haben, dass Kultur "verständlich und zugänglich gemacht" wird, wie es an einer Stelle des Papiers heißt; wer wollte sich schon darüber beschweren, dass "eine gewisse Leichtigkeit" ins Arte-Programm einziehen soll? Kultur soll ja auch Spaß bringen. Doch lassen einige Formulierungen in der Absichtserklärung eine Verflachung befürchten.

Analysen? Nein, danke!

So soll etwa am Sonntagnachmittag, wo sonst starke Biografien liefen, auf leichtere Vermittlung gesetzt werden: Vermehrt seien "serielle dokumentarische Erzählformen" anzudenken, "klassische Porträts sind hier nicht erwünscht". Und weiter heißt es: "Monografien sind auf dem Sendeplatz nur gerechtfertigt, sofern es sich bei der Person um eine bedeutende Persönlichkeit des kulturellen Lebens handelt und ein Zugang zum Film ohne Vorwissen möglich ist". Im Klartext heißt das: Liebe Filmemacher, kommt uns bloß nicht mit irgendwelchen Kulturheinis, die nicht wirklich jeder kennt!

Schlimmes erahnen, lässt auch diese neue Leitlinie zum Sonntagnachmittag: Der "Musikinhalt" müsse bei mindestens 50 Prozent liegen. Sprich: Kleistert die Tonspur ordentlich mit Songs voll, damit der Zuschauer auch schön überwältigt wird!

Auch was die Arte-Macher zum Thema "Gesellschaft" geschrieben haben, stimmt nachdenklich: "Soziologische, politische und wirtschaftliche Analysen sind ebenso wenig gefragt wie reine Beobachtungen." Also mischt man einfach nur Bildchen zu schöner Musik zusammen? So allerdings wird man der in dem unveröffentlichten Papier formulierten Zielsetzung wohl auch nicht nachkommen können. Schließlich gehe es darum, "die Zuschauerschaft zu erneuern und zu vergrößern".

Unter Dokumentarfilmern, die in Arte bislang ihren wohl wichtigsten Abnehmer haben, geht inzwischen angesichts dieser Neuausrichtung die Angst um. Thomas Frickel etwa, Geschäftsführer des Dokumentarfilmerverbands AG DOK, sagt: "Das sind Töne, die wir bislang von Arte nicht kannten". Er befürchtet, dass der kreative Freiraum schwindet, den der Sender bisher bot.

Hochglanz-Bilderbögen statt Tiefgang-Dokus

Bereits im Juni, als bekanntgegeben wurde, dass man das Arte-Programm reformieren wolle, hatte die AG DOK gemeinsam mit zwei französischen Produzentenverbänden auf dem Branchentreffen "Sunny Side of the Doc" in La Rochelle ihrer Sorge Ausdruck verliehen und eine "Abkehr von den Gründungsidealen" des Kulturkanals beklagt. Im Oktober trafen sich die Organisationen auf der Leipziger Dokumentarfilmwoche erneut - und legten nach.

Sie beklagen unter anderem, dass die Zahl der deutsch-französischen Co-Produktionen gesunken sei und es künftig am Abend unterschiedliche Programme für beide Länder geben soll. So wird das Magazin "Accueil" künftig in Frankreich gegen acht Uhr abends, in Deutschland aber nach Mitternacht ausgestrahlt. Dies widerspreche der ursprünglichen Idee eines Gemeinschaftsprogramms. Des Weiteren befürchten sie, dass es weniger Sendeplätze für 90-minütige Dokumentationen geben wird und stattdessen mehr serielle Formate à la "Die schönsten Küsten Frankreichs" gefordert werden.

Hochglanz-Bilderbögen statt Tiefenanalyse? Diese Befürchtung erscheint aufgrund der neuen Leitlinien nicht ganz unbegründet. Nicht zuletzt vermutet Frickel, dass eine verstärkte Querverwertung der Arte-Inhalte in ARD, ZDF und den dritten Programmen als Motivation hinter den neuen Kriterien stehen könnte. "So verkommt Arte zum Selbstbedienungsladen von ARD und ZDF", erklärt er.

Tatsächlich provozieren die Popularisierungsmaßnahmen die Frage nach der Berechtigung von Arte, in Quote zu denken. So legitim es erscheint, dass ein Sender mehr Publikum hinzugewinnen möchte, so unausweichlich ist die Frage: Wenn man schon den gebührenfinanzierten Hauptsendern ARD und ZDF zugesteht, dass sie aus Akzeptanzgründen auch auf Marktanteile achten, müssten dann nicht wenigstens die öffentlich-rechtlichen Nischensender wie 3sat und eben Arte noch Raum für Nischenprogramme bieten?

Weder Arte-Programmdirektor Christoph Hauser noch Vizepräsident Gottfried Langenstein waren trotz mehrfacher Anfrage für eine Stellungnahme zu erreichen.

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insgesamt 168 Beiträge
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1. #
super_nanny 11.11.2011
Zitat von sysopWenn man schon den gebührenfinanzierten Hauptsendern ARD und ZDF zugesteht, dass sie aus Akzeptanzgründen auch auf Marktanteile achten, müssten dann nicht wenigstens die öffentlich-rechtlichen Nischensender wie 3sat und eben Arte noch Raum für Nischenprogramme bieten?
Zustimmung. Nach dem jetzt Soaps auf dem ehemaligen ZDF-Dokukanal laufen erwischt es jetzt auch noch Arte. Ich hätte eher ein schlechtes Gewissen weil ich die Werbung im Web blockiere als dafür die GEZ-Gebühr nicht mehr zu bezahlen, ehrlich gesagt.
2. Ohne Anspruch.
montgomery-burns 11.11.2011
Ich hoffe doch, dass man sich das noch mal bei Arte überlegt. Es ist schließlich einer der wenigen Sender den man sich noch ansehen kann ohne total zu verblöden.
3. Titel, wo?
Chekov 11.11.2011
Breaking Bad auszustrahlen ist doch mal ein guter Anfang. Solange das mit "Leichtigkeit" gemeint ist, soll es mir recht sein. Tatort-Wiederholungen auf arte würden mich hingegen in die Flucht schlagen!
4. Wenn diese Analyse auch nur annähernd zutrifft ...
Europa! 11.11.2011
Wenn diese Analyse auch nur annähernd zutrifft, haben die Öffentlich-Rechtlichen endgültig ihre Existenzberechtigung verloren. Im Abendprogramm von ARD und ZDF nur noch quatsch, quatsch, quatsch, quatsch, quatsch, quatsch, quatsch, sabbel, sabbel, sabbel, sabbel und jetzt auch noch ARTE plattmachen. Ich zahle keine Gebühren mehr.
5. gerade jetzt?
3of5 11.11.2011
Zitat von sysopWer es intelligent mag, schaut Arte - das galt zumindest bislang. Eine große Programmoffensive im kommenden Jahr soll dem Sender eine "gewisse Leichtigkeit"*und mehr Zuschauer bringen.*Damit droht der eigene Anspruch des Kulturkanals flöten zu gehen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,797181,00.html
Aus welcher Richtung weht denn dieser Wind, gerade jetzt, wo die Beschäftigung mit Soziologie und Politik wieder salonfähig und wichtig wird. Wo sich Millionen Menschen Antworten auf Fragen im Internet suchen, die sie noch vor ein paar Jahren nicht zu stellen wagten. Gerade jetzt will Arte auf seicht umschalten anstatt dieses erwachende Verlangen nach Information und Diskussion auf intellektuell anspruchsvollem Niveau zu begegnen? Also Galileo wird das nicht schaffen und MTV ist mittlerweile auch schon wieder überflüssig.
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