Von Christian Buß
Es ist der Moment, der alles zum Kippen bringen kann. Auf der einen Seite des Talk-Tisches sitzen Michael Buback, Jörg Schleyer und Corinna Ponto, die Kinder dreier prominenter RAF-Opfer. Sie wollen Anerkennung und moralische Genugtuung im Sinne der Toten. Auf der anderen Seite sitzt der Regisseur Andres Veiel, der gerade mit "Wer wenn nicht wir" einen vieldiskutierten Film zur Vorgeschichte der Terrorgruppe ins Kino gebracht hat. Er will Aufarbeitung und psychologische Analyse mit Blick auf die Täter.
Dann sagt Veiel diesen Satz: "Auch die Täter, die später Monster wurden, brauchen eine Biografie, so dass man sie verstehen kann." Auf der anderen Seite des Tisches wird hörbar auf den Stühlen gerutscht, Empörung scheint sich auszubreiten, schon wieder ist da einer, der sich in die Verbrecher einfühlen will - und so die Opfer zu Statisten der Geschichte zu degradieren droht. Empathie für die Mörder, Apathie für die Ermordeten?
Normalerweise bricht genau an solchen Stellen der Dialog ab, bei Reinhold Beckmann aber ging er hier erst los. Es war nicht eine wirklich brillant strukturierte oder moderierte Sendung, aber eine, in der vielleicht zum ersten Mal im größeren Stil eine Würdigung der Opfer mit einem Verstehenwollen der RAF zusammenging - ohne dass das zynisch, plakativ oder vollkommen desolat wirkte.
Der tiefere Grund für das Gelingen des Experiments lag in der ersten halben Stunde, in der Corinna Ponto und Julia Albrecht ihr gemeinsames Buch "Patentöchter. Im Schatten der RAF - ein Dialog" vorstellten. Die eine Autorin ist die Tochter von Jürgen Ponto, dem Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank, der am 30. Juli 1977 in seinem Haus in Oberursel von einem Kommando der RAF erschossen wurde; die andere ist die Schwester von Susanne Albrecht, der Terroristin, die den Mord mitgeplant und mitausgeführt hat.
"Hallo Schwesterchen"
Die Pontos und die Albrechts waren eng befreundete Familien, die jeweils über die Kinder der anderen die Patenschaft übernommen hatten. Der Terroranschlag trieb sie unversöhnbar auseinander, eine jede vereinsamte mit dem eigenen unbewältigten Trauma. Erst durch die Kontaktaufnahme von Corinna, der Opfertochter, und Julia, der Täterschwester, kamen sie nach über drei Jahrzehnten wieder zusammen - im Dialog arbeiteten sie sich zum schwarzen Loch beider Familien vor, das auch ein schwarzes Loch deutscher Geschichte ist.
Ungeheuerlich, wie Corinna Ponto bei Beckmann von den lustigen Treffen mit Susanne Albrecht in ihrem Zuhause erzählte - die der anderen doch nur dazu dienten, den Ort auszuspähen: "Sie brachte eine ungeheure Energie mit", erinnerte sich Ponto. Eine positiv wirkende Energie, die doch ganz auf den Anschlag gerichtet war.
Ungeheuerlich auch, wie die beim Attentat 13-jährige Julia Albrecht durch das Verbrechen ihrer Schwester aus allen sozialen Zusammenhängen gerissen wurde, wie sie in ihrer Hilflosigkeit die Abgetauchte auf den überall aushängenden Fahndungsplakaten grüßte: "Hallo Schwesterchen." Und wie sie schließlich die Stammheim-Prozesse besuchte und dort jedes Wort mitprotokollierte, weil ihr das der einzige Weg schien, der fremden Schwester ein wenig näher zu kommen.
So berührend diese Schilderungen sind und so hoffnungsfroh die zarte Wiederannäherung der beiden auseinandergerissenen Familien stimmt - das Buch hat einen weit größeren als nur einen privaten therapeutischen Wert: Es zeigt, wie der Terror damals aus der deutschen Wohlstandszone erwuchs und diese nachhaltig erschütterte. Der Terror kam eben nicht von irgendwoher, nicht von ein paar Verrückten, die sich sowieso nicht verstehen ließen, er erwuchs aus der eigenen Familie oder aus den Familien der besten Freunde. Das ist es, was die Aufarbeitung bis heute so schwierig, manchmal gar unmöglich erscheinen lässt.
Die RAF, die unendliche Geschichte
Aber was passiert mit jenen, die sich wirklich ernsthaft dieser Aufarbeitung stellen? Sie werden ratlos stehen gelassen vor jenem Loch, das der RAF-Deuter Veiel am Montag den "Krater der deutschen Geschichte" nannte. Die Ermittlungen zu den noch immer nicht ganz geklärten Verbrechen ziehen sich hin, die Täter schweigen und nehmen auf diese Weise die Angehörigen ihrer Opfer als Geisel. Und natürlich gestand Autorin Julia Albrecht am Ende ein, dass ihr Buch auch die Funktion habe, vielleicht doch noch ihre Schwester zum Sprechen zu bringen. Sich aus ihrer eisigen wortlosen Umklammerung zu lösen.
Noch einmal also: "Hallo Schwesterchen."
Die Aufarbeitung des Deutschen Herbstes, das zeigte die Diskussion bei einem ungewohnt zurückhaltenden Beckmann, ist ein noch immer undurchsichtiges Machtspielchen, in das Täter und staatliche Ermittlungsbehörden gleichermaßen verstrickt scheinen. Dazu passt, dass die Opferkinder einen Brief an Angela Merkel geschrieben haben, auf den nicht mal eine formale Antwort zurückkam. Ein Vorgang, der Verschwörungstheorien Nahrung gibt. Von den Stammheimselbstmorden bis zu den Spekulationen zu den V-Frau-Verstrickungen im Fall Verena Becker bleibt bis heute vieles undurchsichtig.
"Die RAF-Story", so Ponto-Tochter Corinna in Anspielung auf die schleppende Verhandlung bei der Wiederaufnahme des Falles Buback und auf das partielle Schweigen der Politik, "ist kein Generationenroman, sondern ein Geheimdienstroman." Sie forderte deshalb unter Zustimmung aller Anwesenden, dass eine unabhängige Historikerkommission eine Neubewertung der Prozesse vornehme.
Der lange Arm der RAF, der kalte Atem der Geschichte, beides ist an diesem Abend grausam zu spüren. Diese Geschichte kennt kein Ende. Fortsetzung folgt.
Muss folgen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH