"Reality Queens auf Safari": Großäugige Ratlosigkeit im Busch

Von Arno Frank

Safari-Trash auf ProSieben: Privatproletariat in Tansania Fotos
ProSieben

Oh nein, die Mücken, "die wollen uns alle identifizieren": In der neuen Trash-Show "Reality Queens auf Safari" zeigen D-Promis ihre Ignoranz, ihre Brüste - und ihren Ekel vor dem Leben im afrikanischen Busch. Einfach nur takataka.

Eben erst endete nebenan bei RTL mit bescheidenem Erfolg "Wild Girls", ein Unsinn von beeindruckender Beschränktheit. Doch zum Zurücklehnen und Aufatmen bleibt kaum Zeit. Schon macht ProSieben mit "Reality Queens auf Safari" den gleichen Fehler.

Tja. In den Niederlanden eingekauft ist eingekauft, und deshalb wird der teure Trash jetzt durchgezogen - auch wenn schon RTL bei den Zuschauern einfach keine neokolonialen Gefühle wecken konnte. Umso verbissener wird das Konzept - silikongefüllte Wohlstandswracks stöckeln durch die Wildnis und gehen sich mit ihren Neurosen gegenseitig auf die Nerven - von ProSieben angekündigt: "So gnadenlos war Fernsehen noch nie!"

Gnadenlos ist dabei nicht einmal so sehr die Geschmacklosigkeit, aufgetakelte "C- und Doppel-D-Promis" ausgerechnet nach Deutsch-Ostafrika zu entsenden - so wie 1906 beim Maji-Maji-Aufstand der Kaiser seine Truppen. Dort, wo "die Naturvölker noch wirklich echt sind", kostete das deutsche Interesse damals 300.000 Menschenleben.

Diesmal geht es glimpflicher über die Bühne. Natürlich dürfen sich die "Damen" ausgiebig über die Armut, den Dreck und die Moskitos entsetzen. Auch machen die Eingeborenen diesmal keinen Hehl aus ihrer Verachtung für das lebensunfähige Pack aus Europa. Nein, gnadenlos ist nur das Zänkische, Gehässige und der Spaß an menschlicher Niedertracht, die wie immer der Motor solcher Sendungen ist. Und das Frauenbild, das uns in scheinbar endloser Wiederholungsschleife präsentiert wird.

"Ich bin ein Internetstar, man kennt mich aus YouTube"

Man weiß nicht recht: Liegt's am skrupellosen Sender? An den Wünschen debiler Zuschauer? An der schlimmen Gesellschaft? Oder an den Frauen selbst? Die wissen nicht nur, worauf sie sich einlassen. Sie wissen auch, was eine Frau ist, wovon sie zu träumen und wie sie sich zu benehmen hat. Sie muss quietschen, hüpfen, kichern, schmollen, zetern und mit den Augen rollen. Sie darf es "unter 5 Sternen" nicht machen, muss sich "täglich die Haare waschen" und "zwei Mal am Tag duschen", sonst finden sie sich "eklig".

Sie zieht sich gerne aus und schwingt die Brüste hin und her, nicht ohne das "supergeile Fahrgestell von der Micaela" missbilligend zur Kenntnis zu nehmen. Sie soll Männern mit einer süßen Schnute begegnen und anderen Frauen mit ausgefahrenen Krallen, ansonsten auf Stöckelschuhen im Mittelpunkt stehen wollen. Sie hat gefälligst so dumm wie zickig und überdies stolz auf beides zu sein. Sie sagt über sich Sätze wie: "Ich bin ich" oder "Das bin ich einfach nicht".

Und dann stehen diese traurigen Abziehbilder auf dem Frankfurter Flughafen herum und lernen sich erst einmal kennen. Ehemalige Pornodarstellerinnen, aktuelle Pornodarstellerinnen und das übliche abgelegte und abgelebte Privatproletariat vom "Bachelor" über "Big Brother" bis zu "Germany's Next Top Model", also mutmaßlich künftige Pornodarstellerinnen. "Und was machst du so?" - "Ich bin ein Internet-Star, man kennt mich aus Youtube." - "Und du, dein Gesicht kommt mir bekannt vor. Bist das Teppichluder, oder?", kurze Einblendung von Dieter Bohlen, worauf das Teppichluder ein wenig schmollt, denn schon sind wir bei Tessa, und "Tessa ist die Ober-Bitch, ich kenn sie ja nur aus dem Fernsehen".

Auftritt Sabrina, das schnoddrige Schlachtross aus "Big Brother", das mit Blick auf die Hüften und "Hupen" (ja doch, es "hupt" immer lustig, wenn Brüste im Bild sind) der anderen feststellt: "Oh Scheiße, hätte ich mal 20 Kilo mehr besser zu Hause gelassen". Als die Damen erfahren, wo es hingeht, macht sich erst einmal großäugige Ratlosigkeit breit. Afrika. Ist das nicht dort, wo die schwarzen Menschen wohnen? "Tansania? Nie gehört." Eine ist sich sicher: "Jesus kommt auf jeden Fall nicht aus Tansania" und zieht dazu eine süße Schnute. Alle freuen sich aber auf eine "supergeile Zeit!"

Tränen fließen, Kippen werden weggeraucht, das Übliche

Ausgiebig wird gequietscht und getanzt und sich in den Armen gelegen, als der Moderator Daniel Aminati, vielleicht bekannt aus "Galileo", die "Hühner" (Aminati) in zwei Gruppen teilt, die "Bunga Babes" (kurze Einblendung von Silvio Berlusconi) und die "Matiti Girls". Matiti ist das kisuahelische Wort für… na, erraten? Die einen werden in ein karges Zelt, die anderen in ein luxuriöses Zeltlager in der Wüste verfrachtet. In der ersten Folge waren dann ausgiebiges Ekeln und Augenrollen über die hygienischen Verhältnisse angesagt. Überdies gibt es "keine Strommasten", dafür Stechmücken: "Die stechen auch, und die haben Malaria, die wollen uns alle identifizieren".

Während die eine Gruppe touristisch bewirtet wird, muss sich die andere mit Mehlspeisen und dem Buschmann Gudo herumschlagen. Der Mann ist so "echt", dass er unter dem traditionellen Federquatsch ein schäbiges Samsung-T-Shirt trägt. Zum erwünschten Clash der Kulturen kommt es, als der Wilde die Frauen zu sich nach Hause einlädt, ein Platz unter freiem Himmel, und Model Micaela in einer Aufwallung von Mitleid und Exhibitionismus darauf besteht, einer seiner Frauen ihr dummes Kleid zu schenken. "So geht das nicht! So geht das nicht!", schimpft die und wendet sich ab. "Du siehst doch", beschwichtigt Gudo: "Die sind nicht normal." - "Egal, die bringen uns Krankheiten, nein, so geht das nicht!"

Irgendwann müssen beide Teams ein Spiel spielen und traditionell Feuer machen. Wenn's brennt, gibt es 10.000 Euro. Aber es brennt nicht, obwohl eine Teilnehmerin nicht müde wird, von ihrem Kurs in Tantra-Sex zu erzählen, da würde man lernen, ausdauernd zu "reiben". Allgemeines Gekicher. Dann wieder Gezeter unbekannten Ursprungs. Das Teppichluder und die "Bachelor"-Frau fordern voneinander Respekt und bekommen ihn nicht. Tränen fließen, Kippen werden weggeraucht, das Übliche. Gut, dass in schön perfiden High-Noon-Auswahlspielchen irgendwann die Frauen selbst entscheiden, wer aus dem Team fliegt. Böse Blicke, wieder Tränen. So kann das jetzt noch ein paar Wochen weitergehen.

Ein Lichtblick ist, dass die Kandidatinnen mit dem Rucksack zu einem originalgetreu nomadischen Leben in der Savanne genötigt werden. Und nicht wissen, was ihnen noch alles blühen wird, beispielsweise eine an surrealer Lächerlichkeit nicht zu überbietende Modeschau bei den Massai. Buschmann Gudo ("Mich nervt er, er ist so dreckig") meint zum Abschied: "Ich würde sie gerne mal in Deutschland besuchen, denn ich habe gesehen, dass sie nicht einmal richtige Kleider tragen. Ich denke, die sind bescheuert", womit er so falsch nicht liegt. Trash gibt es schließlich auch in Tansania. Dort heißt er Takataka.

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insgesamt 109 Beiträge
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1. Die ueberfuellten BHas und die leeren Gesichter!
papayu 23.08.2013
Das wird wieder ein Langweiler!
2. Wow
HamburgerJung2110 23.08.2013
fast 1000 Wörter für dieses Trash-TV? Euch muss ganz schön langweilig sein :)
3. Lieber Spiegel!
explorer88 23.08.2013
Es schaut fast niemand mehr TV! Jeden Tag wandern 100 Bundesbürger ins Internet ab - und sehen - was sie wollen, wann sie wollen, wo sie wollen. Und dann gibt es noch einen kleinen ärmlichen Rest, für den der Spiegel ausgerechnet die armseligsten und uninteressantesten Formate bewirbt?!
4. Totaler
aufdenpunkt 23.08.2013
Trash - warum ueberhaupt mit einer Zeile erwaehnen. Da stehen wir doch drueber-SPON - oder ??
5. Super
diggeler 23.08.2013
Sehr schön geschrieben: herzlich gelacht!
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