Tschechische Reality-Soap Nazi-Besatzungszeit aus "Big Brother"-Perspektive

"Urlaub im Protektorat": Ein tschechischer Fernsehsender lässt eine Familie die Zeit der Nazi-Besatzung erleben - in Form einer Reality-Show.

Szene aus "Urlaub im Protektorat": Ferien mit Militär-Flair
Ceska Televize

Szene aus "Urlaub im Protektorat": Ferien mit Militär-Flair

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Das Thema Reality-Soap ist immer wieder gut für Schlagzeilen. Mal werden bei Fernsehformaten dieser Art viel nackte Haut und sexuelle Handlungen gezeigt, etwa bei der Container-Show "Big Brother". Mal greifen die Produzenten in den Verlauf der angeblich authentischen "Sozialexperimente" ein, um für ein bisschen Brisanz zu sorgen, so wie es jüngst offensichtlich bei der Sat.1-Sendung "Newtopia" geschehen ist.

Das tschechische Fernsehen hat nun noch mal an der Skandalisierungsschraube gedreht - und eine Familie zurück in die nationalsozialistische Besatzungszeit versetzt.

"Genauso wie ihre Vorfahren vor 70 Jahren leben sie in ständiger Angst vor der Gestapo", erklärte der Sender CT am Dienstag in einem Statement. Die Doku-Serie "Urlaub im Protektorat" wird am 23. Mai erstmals ausgestrahlt.

Hitler hatte die Wehrmacht im März 1939 in die Tschechoslowakei einmarschieren lassen und hatte das sogenannte "Protektorat Böhmen und Mähren" errichtet.

In der Histo-Soap lebt eine echte Familie aus Nordböhmen auf einem Bauernhof und muss dabei auf alle modernen Errungenschaften verzichten. Die Eltern Ivana und Milda, ihre Söhne Marek und Kuba sowie Großeltern und ein Neffe sollen mit Lebensmittelkarten und willkürlichen Verfügungen klarkommen. Für die Aufnahmen wurde ein Gut in einer abgelegenen Bergregion zeitgemäß hergerichtet.

cbu/dpa

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insgesamt 9 Beiträge
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redbayer 12.05.2015
1. Warum denn nicht?
Die Tschechen haben genug unter den Deutschen gelitten. Das ist schon einen Bog Brother Serie wert. Natürlich wäre es besser gewesen nicht nur Geschichte aufzuarbeiten, sondern auch aktuelle Bezüge herzustellen. Denn in der deutschen EU werden die Tschechen wieder herum kommandiert, was sie zu tun oder zu lassen haben.
keery 12.05.2015
2. Wohl auch eine Form, der Vergangenheit zu begegnen
Solange es nicht die einzige Form ist, sehe ich kein Problem. Problematisch wird es erst, wenn es als Propaganda missbraucht wird und parallel kritische, faktenbasierte Auseinandersetzung ausgehebelt wird. Da sehe ich aber in Tschechien keine Gefahr, da gibt es andere Kandidaten in der EU, die da anfälliger wären...
alf_o01 12.05.2015
3. Aufarbeitung ist wichtig
Wenn man Charly Hebdo zulässt, dann muss man auch so was akzeptieren können. Wir können uns oft nicht in die Psyche eines Volkes hineinversetzen. Vor 25 Jahren hatten die Tschechen wohl noch ein ganz anderes Bild von uns als heute. Der Wandel im Osten war so rasant, dass da wohl einiges an Aufarbeitung liegen geblieben ist. Viele mögen es nicht so sehen - aber zum einen ist das Unheil das die Nazis über die Tschechen gebracht hat - zum anderen ist aber auch das Verschwinden fast aller Deutschen und Juden aus dem Land. Kulturell und auch menschlich war da vieles fast bis ins Mittelalter zurückgefallen. Ich hoffe, dass die Sendung nicht allein für diejenigen ist, die noch gerne am negativen Deutschlandbild festhalten möchten.
Checkweg 12.05.2015
4. Show hier nichts weiter...
Hallo, ich (gebürtiger Rheinländer)lebe und arbeite seit 8 .5 Jahren in CZ und bin seit 13 Jahren mit einer Tschechin zusammen, kenne also ein bisschen von dem Land. Ich habe bisher noch NIE irgendein Erlebnis gehabt das mir jemand "deutschfeindlich" begegnet ist..Im Gegenteil gehen die Menschen hier wesentlich entspannter mit der (gemeinsamen) Vergangenheit um als -wenn ich das mal so generell sagen darf-"DIe Deutschen". Man erinnert sich was passiert ist, aber die Ressentiments sind z.B. den Russen gegenüber weitaus grosser als den Deutschen gegenüber-jedenfalls die, welche sich aus der gemeinsamen Geschichte unserer 3 Volker speisen. Vieles hier im Fernsehen ist sozusagen eher "amerikanisch" geprägt, wie z.B. die Lieb zu bestimmten Seifenopern, Klatsch auf Bild Niveau (und darunter) etc. Ich würde deswegen so eine Fernsehshow (von der Station "Nova" vielleicht-das waren die mit der nackten wetterfee kurz nach dem Fall des eisernen Vorhangs!!)nicht als Vehikel für Deutschfeindlichkeit, Geschichtsaufarbeitung oder sonstwas sehen, sondern eher was es ist-Show, nicht mehr nich weniger. Indiesem Sinne, Grüsse aus Brno/Brünn
NauMax 12.05.2015
5.
Zitat von alf_o01Wenn man Charly Hebdo zulässt, dann muss man auch so was akzeptieren können. Wir können uns oft nicht in die Psyche eines Volkes hineinversetzen. Vor 25 Jahren hatten die Tschechen wohl noch ein ganz anderes Bild von uns als heute. Der Wandel im Osten war so rasant, dass da wohl einiges an Aufarbeitung liegen geblieben ist. Viele mögen es nicht so sehen - aber zum einen ist das Unheil das die Nazis über die Tschechen gebracht hat - zum anderen ist aber auch das Verschwinden fast aller Deutschen und Juden aus dem Land. Kulturell und auch menschlich war da vieles fast bis ins Mittelalter zurückgefallen. Ich hoffe, dass die Sendung nicht allein für diejenigen ist, die noch gerne am negativen Deutschlandbild festhalten möchten.
Ich weiß nicht, ob dieser geschichtliche Abschnitt Europas für eine Reality-Soap geeignet ist. Anders als die Konzepte "Leben wie vor 100 Jahren" oder "Utopia-Projekt" steht hier ja keine alternative Lebensgestaltung im Mittelpunkt, sondern die Anpassung oder eben Nicht-Anpassung an eine unmenschliche Besatzungsmacht. Ich kann das Konzept nicht so wirklich nachvollziehen. Bisher kam doch auch keine Soap über das Leben im Dreißigjährigen Krieg. Ebenso wie die Franzosen keine Show über den grande Terreur nach der Revolution produzieren würden. Damals hatte eine falsche Entscheidung, ein falsches Wort u.U. tödliche Konsequenzen. Wenn sich also einer der Beteiligten der Besatzungsmacht gegenüber "unkorrekt" verhält, müssten ihm ultimative Konsequenzen ("Serientod", also das Ausscheiden) drohen. Dies könnte aber zu einem überaus unkontrollierbaren Schwund in der Besatzung führen und der Show so zu einem recht schnellen Ende verhelfen.
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