TV-Doku über Maßregelvollzug Das kleine Glück der Mörder

Die TV-Dokumentation "Restrisiko" steigt tief in die Welt von Mördern und Vergewaltigern ein, die im Maßregelvollzug mit ihrem inneren Monster Frieden zu schließen versuchen. Ein kluger, verstörender Film über Anomalie und Alltag. Und eine Zumutung.

BR

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Früher hat er nur Gewaltfilme geguckt. Heute, so sagt er, guckt er romantische Komödien. Früher versuchte er mit Porno und Horror die Vergewaltigungsphantasien zu stimulieren, die in ihm schlummerten. Heute will er anhand von Beziehungsfilmen lernen, wie gesunde Menschen leben und lieben. Nur mal so aus Neugier. Nicht, dass er die Hoffnung hat, irgendwann selbst einmal wie ein gesunder Mensch zu leben und zu lieben: Der freundliche rundliche Mann mit Kindergesicht und Kinderhosenträgern, der hier von seinem Dasein im Maßregelvollzug erzählt, will auf keinen Fall die Anstalt verlassen, in der er therapiert und bewacht wird. Er traut dem Monster nicht, das in ihm haust.

Einmal die Woche kocht der freundliche rundliche Mann für Mitgefangene in einem hochgesicherten Kulturzentrum, mit Liebesfilmen in der Glotze vertreibt er sich die einsamen Abende, vor seinem Zellenfenster hat er Geranien gepflanzt. Glück ist für ihn nur hinter Gitterstäben vorstellbar.

Es ist eine sonderbare Parallelwelt, in die der Dokumentarfilm "Restrisiko" hinabsteigt, heimelig und unheimlich zugleich. Die Produktion des Bayerischen Rundfunks begleitet eine Gruppe von Patienten der forensischen Psychiatrie Eickelborn durch ihren Alltag. Mörder und Vergewaltiger, die wenig Hoffnung haben, ihre destruktiven Triebe jemals verlässlich unter Kontrolle zu bringen.

"Sex ist eine Waffe"

Mit erstaunlicher Klarheit beschreiben und analysieren die Männer ihre Taten. Einer, der immer wieder Mädchen um die 12 Jahre missbraucht hat, antwortet auf die Frage, ob er pädophil sei, trocken: "Nein, Kinder waren für mich einfach leichte Beute." Ein anderer erklärt mit fast philosophischer Schärfe: "Sex ist eine Waffe, mit der man andere erniedrigt und kleinhält. Ich habe diese Waffe benutzt."

Verblüffend, wie klug die Patienten vor der Kamera über ihre stumpfen Verbrechen Auskunft geben. Manchmal vielleicht ein bisschen zu klug. Einmal sagt einer: "Mein Gutachter hat gesagt, dass ich eine Übertestosteronbildung habe." Man merkt, dass sich die Insassen in ihrer Therapie ausgiebig über ihre Gewalttaten unterhalten haben. Aus einigen scheint große Einsicht zu sprechen, andere stellen sich als Opfer von Umständen dar, alle reden höchst eloquent über den unheilvollen Trieb. Was bleibt ihnen auch anderes übrig; er ist der bestimmende Teil ihrer Identität. Was immer ihnen das Leben noch bringt, er wird dabei sein. Ein ständiger Begleiter, wenn auch kein Freund.

Für viele Zuschauer dürfte der Film von Katrin Bühlig eine Zumutung sein. Er taucht 90 Minuten in die Welt von Pädophilen und Sadisten ein, zeigt ihr (relatives) Glück hinter Gittern. Filmemacherin Bühlig hat für einige der besten Episoden der Krimi-Reihe "Bella Block" die Drehbücher geliefert; mörderische Anomalie und bürgerliche Normalität lagen da immer dicht beisammen. In ihrer Doku "Restrisiko" sucht sie nun gleichsam die Normalität des Alltags, die sich trotz der Anomalie ihrer Protagonisten einstellt.

Da hilft keine romantische Komödie

So stößt "Restrisiko" gleich zwei Gruppen vor den Kopf: jene Zuschauer, die es ungeheuerlich finden, dass man Mörder und Vergewaltiger dabei zeigt, wie sie ein würdevolles Leben leben. Aber auch jene, die an eine Heilung der Triebtäter um jeden Preis glauben wollen; für die das Wegsperren auf Lebenszeit unheilvolle Erinnerungen an Gustl Mollath weckt. Also an jenen Mann, der aufgrund strittiger Umstände in die Psychiatrie eingewiesen und dessen Fall nun aufgerollt wurde.

"Restrisiko" war abgedreht, bevor der Fall Mollath in der Öffentlichkeit debattiert wurde, die Störungen der Männer im Film sind eindeutig. Allerdings hat jeder seine eigene Wahrheit zu seiner Störung. Indem Filmemacherin Bühlig auf Tuchfühlung mit den Mördern und Vergewaltigern geht, setzt sie sich auch der Gefahr der Manipulation aus. Das ist das (durchaus bewusste) Restrisiko, das in dieser Art der filmischen Annäherung liegt. Einer der Interviewten beschreibt immer wieder, wie er in den Kinderheimen in der DDR missbraucht wurde und wie er diese Taten als Erwachsener quasi in umgekehrten Konstellationen mit Jugendlichen wiederholte.

Ist Missbrauch also immer Folge eines vorausgegangen Missbrauchs? Eben nicht, betont die Leiterin der Psychiatrie. Manchmal ist es so, oft aber auch nicht. Gezeigt wird in "Restrisiko" auch ein Mann, der wieder und wieder kaltblütig jüngere Männer und Jungs vergewaltigt hat - der aber ganz tolle Eltern hat. Einmal sieht man ihn, wie ihn Mutter und Vater in seiner Zelle auf Kaffee und Kuchen besuchen, wie sie fürsorglich darüber sprechen, was er fürs Wochenende plane, ob er denn auch Spaß mit den anderen Insassen habe.

Eine Normalität, die einem beinahe die Sprache verschlägt - und die später im Film bröckelt. Da laufen der alten Mutter Tränen übers Gesicht, weil sie an den eigenen Tod denkt und ihr klar wird: "Wenn wir nicht mehr sind, hat er niemanden mehr, der ihn gernhat." Ein Vakuum, das auch die schönste romantische Komödie nicht füllt.


"Restrisiko", Dienstag, 22.45 Uhr, Bayern

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