Von Mathias Zschaler
Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hatte ein extrabreites, um nicht zu sagen selbstzufriedenes Lächeln mitgebracht, ihr Konkurrent Hermann Gröhe von der CDU jede Menge angestrengten, sowohl staats- als auch parteitragenden Ernst und Rainer Brüderle gab den FDP-Fraktionsvorsitzenden noch ein bisschen säuerlicher als gewohnt, während Grünenchef Cem Özdemir versuchte, genauso bedeutungsvoll zu sein, wie es der Größe des Ereignisses angemessen schien.
Denn es ist ja nun auch etwas überaus Wichtiges geschehen, etwas so und vor allem jetzt kaum für möglich Gehaltenes. Plötzlich und unerwartet hat es der deutschen Sozialdemokratie gefallen, eine personelle Alternative zur alternativlosen Kanzlerin zu präsentieren - im Wege einer regelrechten "Sturzgeburt", wie "Hart aber fair"-Gastgeber Frank Plasberg es ausdrücken zu müssen meinte.
Kantigkeit, Kompetenz und Kühle
Wie folgenreich dieser Vorgang ist, ließ sich denn auch prompt anhand dieser Sendung besichtigen. Denn es wurde nicht nur der Kanzlerkandidat einer ziemlich akribischen Inspektion einschließlich Faktencheck bezüglich Kantigkeit, Kompetenz, Kühle und leichter Neigung zur Arroganz unterzogen, sondern zugleich auch dem Zuschauer eine lebhafte Ahnung davon vermittelt, was ihm für die kommenden zwölf Monate als Wahlbürger bevorsteht.
Einen einlullenden, asymmetrischen Wahlkampf wie beim letzten Mal wird sich die Merkel-CDU gegenüber einem Herausforderer Peer Steinbrück nicht mehr leisten können, so viel immerhin zeichnete sich als praktische Konsequenz bereits ab. Dazu ist dieser Kandidat zu schwergewichtig und zu schwierig, auch was seine Positionierung in der eigenen, eher links gestimmten Partei anbelangt, was für diese aber kein Nachteil sein muss. Politiker mit eigenem Profil und Kopf und Durchsetzungswillen erlangen ihre Gestaltungsmacht bekanntlich meist gerade in einem gewissen Abstand zu jener Partei, der sie angehören, mit "Beinfreiheit", wie Steinbrück es nennt. Dass dies als Ergebnis und Erkenntnis aus einer insgesamt recht unterhaltsamen Talkshow heraus destilliert werden konnte, war allerdings nicht unbedingt das Verdienst der versammelten Parteipolitiker.
Die hatten nämlich in erster Linie nichts Besseres zu tun, als die Gelegenheit zu ein paar ersten Scharmützeln der leider allzu bekannten Art zu nutzen, als hätten sie noch nie davon gehört, dass sich hinter der oft behaupteten Politikmüdigkeit großer Bevölkerungsteile in Wirklichkeit nichts anderes verbirgt als ein enormer Verdruss an dem ewig gleichen selbstbezogenen Gespreize der Parteien.
Die erfolgreichste Bundesregierung aller Zeiten
Genüsslich mokierte sich Frau Nahles darüber, dass die Kanzlerin ihre Sozialministerin mit deren Rentenplänen allein gelassen habe. Nicht minder eifernd delektierten sich die beiden Herren von Schwarz-Gelb daran, wie doch eben die Rentenpolitik ein Problem für den Kandidaten werden könne, von dem man ja ohnedies nicht wisse, ob seine Partei ihm folgen oder er von ihr auf Linkskurs gezwungen werde. Herr Brüderle erklärte allen Ernstes, bei der amtierenden Koalition handele es sich um die erfolgreichste Bundesregierung aller Zeiten, während CDU-Propagandist Gröhe Steinbrück einerseits als Spalter titulierte, andererseits dessen Vorliebe für Klartext begrüßte und zugleich behauptete, gerade Frau Merkel sei dafür bekannt, dass sie stets Klartext rede.
Zwischendurch versuchte Özdemir vergeblich, die Aufmerksamkeit auf die familienpolitischen Vorstellungen der Grünen zu lenken. Das konnte man wahlweise komisch oder auch ärgerlich finden, nahezu bizarr jedoch wurde es, als die Rede auf jenes Thema kam, mit dem der Kandidat sein unvermutetes Erscheinen in der Wahlkampfarena sozusagen programmatisch intoniert hat: Bankenregulierung und Bändigung der Finanzmärkte. Folgt man Herrn Brüderle, so gibt es hier eigentlich gar nichts mehr zu tun, weil die Regierung bereits alles bestens geregelt hat. Und die Äußerungen Gröhes ließen vor allem eines deutlich werden, nämlich wie sehr Steinbrück durch die Fokussierung auf genau diese Probleme ein Problem für die Amtsinhaberin werden könnte.
Jörges als leibhaftiger Lügendetektor
Hierzu bedurfte es indes der tätigen Mithilfe des "Stern"-Journalisten Hans-Ulrich Jörges, der an diesem Abend neben dem Moderator eine wichtige Funktion im Dienste der Aufklärung übernommen hatte und sich immer wieder als eine Art leibhaftiger Katalysator, wenn nicht Lügendetektor erwies. Erfrischend gnadenlos konfrontierte er die Politiker mit den Tatsachen des Niedergangs der Volksparteien, ihrer schwindenden Bindewirkung und der Notwendigkeit, dass Kandidaten sich mit den Wählern zu verbünden hätten und weniger mit den weniger werdenden Parteimitgliedern.
Es gab eine kleine, eher beiläufige, aber doch aufschlussreiche Szene, die zeigte, wie sehr womöglich jetzt schon mancherorts die Nerven blank liegen. Nachdem Jörges betont hatte, wie wichtig das Bankenthema sei, das übrigens kein linkes sei, sondern auch viele Mittelständler umtreibe, und dass Steinbrück es richtigerweise entdeckt habe, konnte sich der CDU-Mann minutenlang nicht beruhigen wegen dieser Zuschreibung und hakte immer wieder ganz aufgeregt nach, um nur ja sichergestellt zu sehen, dass die Urheberschaft auf gar keinen Fall dem SPD-Kandidaten zustehe, sondern der Merkel-Regierung. "Sie reden dauernd von entdecken, aber das stimmt nicht", beharrte er, bis Jörges schließlich seinerseits darauf bestand, lediglich einmal "entdecken" gesagt zu haben.
Das ultimative Erfolgsmodell
Man fühlte sich ein bisschen an Loriot erinnert. Dennoch landete die Debatte pflichtgemäß dann auch noch bei der Frage, ob es nicht am Ende eine doch große Koalition geben werde, allem Gezänk und dem Steinbrück-Wort zum Trotz, er werde "lieber Finanzminister in Griechenland als Mitglied in einem Kabinett Merkel". Mehr als die Hälfte der Bundesbürger würde solch ein Bündnis begrüßen.
Aber davon wollten selbstverständlich Plasbergs Gäste überhaupt nichts wissen. Die beiden Rot-Grünen versicherten, es werde Rot-Grün geben, Gröhe und Brüderle priesen Schwarz-Gelb als ultimatives Erfolgsmodell. Wie gesagt, der Wahlkampf hat begonnen. Und damit dürfte fortan über so manches, was geredet wird, das meiste schon gesagt sein.
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