Wahlkampf-Eröffnung bei "Hart aber fair": Lügendetektor für Politiker

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Die SPD hat ihren Kandidaten gekürt - und in die politischen Talk-Sendungen hält der Wahlkampf Einzug. Einen Vorgeschmack auf das kommende Jahr lieferte "Hart aber fair" - die üblichen Verdächtigen lobten sich selbst. Gemeinsames Bekenntnis: Eine große Koalition? Niemals!

Polit-Talker Frank Plasberg: Man fühlte sich ein bisschen an Loriot erinnert Zur Großansicht
WDR

Polit-Talker Frank Plasberg: Man fühlte sich ein bisschen an Loriot erinnert

Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles hatte ein extrabreites, um nicht zu sagen selbstzufriedenes Lächeln mitgebracht, ihr Konkurrent Hermann Gröhe von der CDU jede Menge angestrengten, sowohl staats- als auch parteitragenden Ernst und Rainer Brüderle gab den FDP-Fraktionsvorsitzenden noch ein bisschen säuerlicher als gewohnt, während Grünenchef Cem Özdemir versuchte, genauso bedeutungsvoll zu sein, wie es der Größe des Ereignisses angemessen schien.

Denn es ist ja nun auch etwas überaus Wichtiges geschehen, etwas so und vor allem jetzt kaum für möglich Gehaltenes. Plötzlich und unerwartet hat es der deutschen Sozialdemokratie gefallen, eine personelle Alternative zur alternativlosen Kanzlerin zu präsentieren - im Wege einer regelrechten "Sturzgeburt", wie "Hart aber fair"-Gastgeber Frank Plasberg es ausdrücken zu müssen meinte.

Kantigkeit, Kompetenz und Kühle

Wie folgenreich dieser Vorgang ist, ließ sich denn auch prompt anhand dieser Sendung besichtigen. Denn es wurde nicht nur der Kanzlerkandidat einer ziemlich akribischen Inspektion einschließlich Faktencheck bezüglich Kantigkeit, Kompetenz, Kühle und leichter Neigung zur Arroganz unterzogen, sondern zugleich auch dem Zuschauer eine lebhafte Ahnung davon vermittelt, was ihm für die kommenden zwölf Monate als Wahlbürger bevorsteht.

Einen einlullenden, asymmetrischen Wahlkampf wie beim letzten Mal wird sich die Merkel-CDU gegenüber einem Herausforderer Peer Steinbrück nicht mehr leisten können, so viel immerhin zeichnete sich als praktische Konsequenz bereits ab. Dazu ist dieser Kandidat zu schwergewichtig und zu schwierig, auch was seine Positionierung in der eigenen, eher links gestimmten Partei anbelangt, was für diese aber kein Nachteil sein muss. Politiker mit eigenem Profil und Kopf und Durchsetzungswillen erlangen ihre Gestaltungsmacht bekanntlich meist gerade in einem gewissen Abstand zu jener Partei, der sie angehören, mit "Beinfreiheit", wie Steinbrück es nennt. Dass dies als Ergebnis und Erkenntnis aus einer insgesamt recht unterhaltsamen Talkshow heraus destilliert werden konnte, war allerdings nicht unbedingt das Verdienst der versammelten Parteipolitiker.

Die hatten nämlich in erster Linie nichts Besseres zu tun, als die Gelegenheit zu ein paar ersten Scharmützeln der leider allzu bekannten Art zu nutzen, als hätten sie noch nie davon gehört, dass sich hinter der oft behaupteten Politikmüdigkeit großer Bevölkerungsteile in Wirklichkeit nichts anderes verbirgt als ein enormer Verdruss an dem ewig gleichen selbstbezogenen Gespreize der Parteien.

Die erfolgreichste Bundesregierung aller Zeiten

Genüsslich mokierte sich Frau Nahles darüber, dass die Kanzlerin ihre Sozialministerin mit deren Rentenplänen allein gelassen habe. Nicht minder eifernd delektierten sich die beiden Herren von Schwarz-Gelb daran, wie doch eben die Rentenpolitik ein Problem für den Kandidaten werden könne, von dem man ja ohnedies nicht wisse, ob seine Partei ihm folgen oder er von ihr auf Linkskurs gezwungen werde. Herr Brüderle erklärte allen Ernstes, bei der amtierenden Koalition handele es sich um die erfolgreichste Bundesregierung aller Zeiten, während CDU-Propagandist Gröhe Steinbrück einerseits als Spalter titulierte, andererseits dessen Vorliebe für Klartext begrüßte und zugleich behauptete, gerade Frau Merkel sei dafür bekannt, dass sie stets Klartext rede.

Zwischendurch versuchte Özdemir vergeblich, die Aufmerksamkeit auf die familienpolitischen Vorstellungen der Grünen zu lenken. Das konnte man wahlweise komisch oder auch ärgerlich finden, nahezu bizarr jedoch wurde es, als die Rede auf jenes Thema kam, mit dem der Kandidat sein unvermutetes Erscheinen in der Wahlkampfarena sozusagen programmatisch intoniert hat: Bankenregulierung und Bändigung der Finanzmärkte. Folgt man Herrn Brüderle, so gibt es hier eigentlich gar nichts mehr zu tun, weil die Regierung bereits alles bestens geregelt hat. Und die Äußerungen Gröhes ließen vor allem eines deutlich werden, nämlich wie sehr Steinbrück durch die Fokussierung auf genau diese Probleme ein Problem für die Amtsinhaberin werden könnte.

Jörges als leibhaftiger Lügendetektor

Hierzu bedurfte es indes der tätigen Mithilfe des "Stern"-Journalisten Hans-Ulrich Jörges, der an diesem Abend neben dem Moderator eine wichtige Funktion im Dienste der Aufklärung übernommen hatte und sich immer wieder als eine Art leibhaftiger Katalysator, wenn nicht Lügendetektor erwies. Erfrischend gnadenlos konfrontierte er die Politiker mit den Tatsachen des Niedergangs der Volksparteien, ihrer schwindenden Bindewirkung und der Notwendigkeit, dass Kandidaten sich mit den Wählern zu verbünden hätten und weniger mit den weniger werdenden Parteimitgliedern.

Es gab eine kleine, eher beiläufige, aber doch aufschlussreiche Szene, die zeigte, wie sehr womöglich jetzt schon mancherorts die Nerven blank liegen. Nachdem Jörges betont hatte, wie wichtig das Bankenthema sei, das übrigens kein linkes sei, sondern auch viele Mittelständler umtreibe, und dass Steinbrück es richtigerweise entdeckt habe, konnte sich der CDU-Mann minutenlang nicht beruhigen wegen dieser Zuschreibung und hakte immer wieder ganz aufgeregt nach, um nur ja sichergestellt zu sehen, dass die Urheberschaft auf gar keinen Fall dem SPD-Kandidaten zustehe, sondern der Merkel-Regierung. "Sie reden dauernd von entdecken, aber das stimmt nicht", beharrte er, bis Jörges schließlich seinerseits darauf bestand, lediglich einmal "entdecken" gesagt zu haben.

Das ultimative Erfolgsmodell

Man fühlte sich ein bisschen an Loriot erinnert. Dennoch landete die Debatte pflichtgemäß dann auch noch bei der Frage, ob es nicht am Ende eine doch große Koalition geben werde, allem Gezänk und dem Steinbrück-Wort zum Trotz, er werde "lieber Finanzminister in Griechenland als Mitglied in einem Kabinett Merkel". Mehr als die Hälfte der Bundesbürger würde solch ein Bündnis begrüßen.

Aber davon wollten selbstverständlich Plasbergs Gäste überhaupt nichts wissen. Die beiden Rot-Grünen versicherten, es werde Rot-Grün geben, Gröhe und Brüderle priesen Schwarz-Gelb als ultimatives Erfolgsmodell. Wie gesagt, der Wahlkampf hat begonnen. Und damit dürfte fortan über so manches, was geredet wird, das meiste schon gesagt sein.

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insgesamt 81 Beiträge
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1. ...
Niehen 02.10.2012
Tja. Witzfigurenkabinett. Das eigentlichgrößte Armutszeugnis unserer Demokratie sind die Wähler. Da kann man wahweise die größten Kalauer oder einfach gar keine Meinung durch den Äther jagen, die Leute wählen ohnehin fast immer das gleiche. Und die Mitte definiert sich selbst als solche und die eigene Politik erklärt man per Dekret "alternativlos". Eigentlich unterscheiden wir uns nur in Nuancen von China. Nicht der Staat schreibt den Bürgern mehr vor, was Sie zu wählen haben. Das macht der Bürger mittlerweile einfach selbst, da er ja weiß, daß es alternativlos ist. Klasse, da könnten sich auch manche autoritäre Regime ne Scheibe abschneiden ;)
2. schwarz/grün
sichersurfen 02.10.2012
Zitat von sysopWDRDie SPD hat ihren Kandidaten gekürt - und in die politischen Talk-Sendungen hält der Wahlkampf Einzug. Einen Vorgeschmack auf das kommende Jahr lieferte "Hart aber fair" - die üblichen Verdächtigen lobten sich selbst. Gemeinsames Bekenntnis: Eine große Koalition? Niemals! http://www.spiegel.de/kultur/tv/rezension-des-plasberg-talks-hart-aber-fair-zum-eroeffneten-wahlkampf-a-859076.html
Stimmt, eine große Koalition wird es 2013 nicht geben. Für Frau Merkel wird es viel einfacher, wenn sie schwarz/grün wählt. Es gibt nur eine Schwierigkeit, welche Job bekommt Frau Roth.
3. Vollkommen überflüssig!!!
dbrown 02.10.2012
Talkshows sollten abgeschafft werden, die Moderatoren verdienen ein fettes Vermögen, die Gäste sind immer die selben Gestalten und das Gelaber ist mittlerweile nicht mehr zum aushalten, da es sich wöchentlich wiederholt! Schade um das schöne Geld!
4. Steinbrück wird griechischer Finanzminister?
axcellion 02.10.2012
Soso, da wird Steinbrück also "lieber Finanzminister in Griechenland als Mitglied in einem Kabinett Merkel". Hoffentlich ist dann die 7. Kavallerie von Fort Yuma rechtzeitig aus Zürich zurück und kann zum nächsten Angriff ausreiten, damit unser Schattenverteidigungs-/angriffsminister dieses Amt auch antreten kann. Nach dem Griff in die Kiste der Kriegsrhetorik musste ja zwangsläufig der in die des ewigen Besserdeutschen folgen. Gerade jetzt wäre etwas weniger Selbstdarstellung und etwas mehr Inhalt wünschenswert.
5. Erschreckende Einfältigkeit
rolantik 02.10.2012
Schlimmer kann es nicht mehr kommen, da sitzen zwei Möchtegern-Politiker (Nahles - Özdemir) gegenüber 2 sachkundigen Politikern (Brüderle - Gröhes) dazwischen der Oberlehrer Jörges und reden wie im Kindergarten, wenn man den Kindern ein Spielzeug wegnimmt. Diese Oberflächlichkeit ist nicht zu übertreffen. In keinem Moment war erkennbar, wie die einzelnen Parteien Wähler akquirieren wollen, da alle kein Konzept zu haben scheinen. Hohle Schlagworte wie soziale Gerechtigkeit (was ist das genau?) wechselten sich mit gegenseitigen Vorwürfen ab, wer was zuerst zu einem aktuellen Thema in seiner Partei gemacht habe. Dann noch den gekürten Kanzleranwärter Steinbrück zu charakterisieren, als kantigen Menschen, das war allzu primitiv, da ohne Inhalt. Seine eingeforderte Beinfreiheit wäre im Flugzeug am Notausgang, aber niemals im Cockpit. Guten Flug!
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