"Tatort"-Murks aus Münster: Bis zum Kopf im Kuhdung

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Weibische Kommissare, müde Zuchtbullen, schlappe Cowboys - mit der Männlichkeit geht es im neuen Münsteraner "Tatort" steil bergab. Mit der Dramaturgie auch: Als Höhepunkt gibt es für Professor Boerne eine Ladung Kuhdung direkt in die Visage.

"Tatort" aus Münster: Aufwachen, Cowboys! Fotos
WDR

Der Bulle bringt es nicht mehr, Kuh Greta steht ziemlich allein auf der Weide. Professor Boerne (Jan Josef Liefers), der für die Verwesungsarten der Toten genauso viel wissenschaftliche Leidenschaft aufbringt wie für die Fortpflanzungstechniken der Lebenden, fühlt sich in seinem Ehrgeiz angespornt und redet schneidig gestikulierend auf den Viehzüchter ein.

Wie denn die bevorzugte Technik der Befruchtung sei - erst deutet Boerne fragend eine Rammelbewegung der Rinder an, dann stößt er mit der Faust in eine imaginäre Körperöffnung. Da dreht sich selbst der Bauer angewidert weg.

Auf dem Nachbarhof ging es in Sachen Befruchtung offensichtlich eleganter und effizienter zur Sache. Dort besuchten bis vor kurzem noch verzweifelte Frauen aus aller Welt einen Heilpraktiker, der ihnen ihren Kinderwunsch möglich machen sollte. Meist klappte es mit dem Nachwuchs, der Heilpraktiker hatte offensichtlich unfehlbare Methoden. Jetzt ist der Wunderdoktor tot, und irgendwie scheinen die Rinder-Nachwuchssorgen auf dem einen Hof mit den Nachwuchshoffnungen auf dem anderen zusammenzuhängen.

Das Ende der Männlichkeit

Das Kreatürliche hat im Münsteraner "Tatort" ja schon immer eine große Rolle gespielt. In keinem anderen TV-Revier wird derart ungeniert gesäftelt. Trieb und Tod werden hier in ihrer unappetitlichsten Form gezeigt; mit schwarzhumorigem Blick wird auf das geschaut, was die Lust und das Leben am Ende übrig lässt: verbrauchte Körper, verweste Leichen.

Oft aber geht der forcierte Bad-Taste-Humor nicht recht mit dem kriminalistischen Drama zusammen. Mit Grauen erinnern wir uns an die Episode "Spargelzeit", in der ein Missbrauchsdrama mit Gags über männliche Frühlingstriebe kombiniert wurden. Sexuelle Gewalt lässt sich aber nicht in einer Komödie verarbeiten und erst recht nicht mit Anspielungen auf - höhö - die Macht des Lenzes.

Sagen wir mal so: Den Verantwortlichen des Münsteraner "Tatort" fehlt das Fingerspitzengefühl. Wem die Quote recht gibt, der muss in Geschmacksfrage wohl nicht übertrieben zimperlich sein. Zum zehnjährigen Jubiläum gönnt sich der WDR nun eine besonders unappetitliche Folge, eine Abfolge von ironischen Betrachtung zum Thema Kinderwunsch und Rinderzucht, für deren Höhepunkt Professor Boerne eine Ladung Kuhdung direkt aus der Quelle in sein Gesicht gepupt wird.

Autor Wolfgang Stauch hat zuvor schöne Folgen für den Rostocker und für den Brandenburger "Polizeiruf" geschrieben, er hat normalerweise ein gutes Händchen für schräge Figuren. Regisseur Matthias Tiefenbacher hat bereits durch zwei vorherige Boerne/Thiel-Folgen den saloppen Sound des Münsteraner "Tatort" mitgeprägt. Für "Das Wunder von Wolbeck" haben die beiden nun versucht, den Exkremente-Humor vor Country-Kulisse samt Western-Personal in Szene zu setzen. Es zirpt die Western-Gitarre, es röhren die Burschen im örtlichen Saloon. Man ahnt es schon, die drei Brüder, die hier in leicht lädierter Männlichkeit am Tresen der Mutter hocken, waren eng mit dem toten Kinderwunsch-Wunderdoc verbandelt.

Das finden Boerne und sein Kollege Thiel (Axel Prahl) recht schnell heraus, während sie sich - auch nicht gerade komisch - wie ein altes Ehepaar bepöbeln. Weibische Kommissare, müde Zuchtbullen, schlappe Cowboys: Was ein schöner Abgesang auf den Männlichkeitskult hätte werden können, ist am Ende aber doch nur eine weitere Körpersaft-Burleske aus dem Münsterland.


"Tatort: Das Wunder von Wolbeck", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 114 Beiträge
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1. Die armen Kinderlosen
ponyrage 23.11.2012
Das ist ja fast schon so schlimm wie ein Todesfall in der Familie. Get a Life.
2. Eine schlechte Spiegel-Vorabkritik....
patricka1 23.11.2012
Zitat von sysopWDRWeibische Kommissare, müde Zuchtbullen, schlappe Cowboys - mit der Männlichkeit geht es im neuen Münsteraner "Tatort" steil bergab. Mit der Dramaturgie auch: Als Höhepunkt gibt es für Professor Boerne eine Ladung Kuhdung direkt in die Visage. http://www.spiegel.de/kultur/tv/rezension-zum-tatort-aus-muenster-mit-boerne-und-thiel-a-866976.html
...ist meist der Garant für einen unterhaltsamen Tatort. Übrigens thematisiert offenbar dieser Tatort das, was die sogenannten Rezensierer offenbar den ganzen Tag so von sich geben...
3. Eine schlechte Spiegel-Vorab-Kritik...
patricka1 23.11.2012
Zitat von sysopWDRWeibische Kommissare, müde Zuchtbullen, schlappe Cowboys - mit der Männlichkeit geht es im neuen Münsteraner "Tatort" steil bergab. Mit der Dramaturgie auch: Als Höhepunkt gibt es für Professor Boerne eine Ladung Kuhdung direkt in die Visage. http://www.spiegel.de/kultur/tv/rezension-zum-tatort-aus-muenster-mit-boerne-und-thiel-a-866976.html
...ist meist der Garant für einen unterhaltsamen Tatort. Übrigens thematisiert offenbar dieser Tatort das, was die sogenannten Rezensierer offenbar den ganzen Tag so von sich geben...
4. ggg-
projektraum 23.11.2012
Herr Buß ! tun Sie nicht so bigott- Satire ist nun mal Satire- und wer den Münsterianer-Tatort kennt, der weiss auch, was ihn erwartet.
5. Erfolg schafft Neider!
Sevilla 23.11.2012
Natürlich sind die Münsteraner Tatorte nichts für sanfte Gemüter und Krimi-Feingeister, auch logisch sind sie wenig ( Seit wann arbeitet ein Pathologe so eng mit einem Kommissar zusammen?) Aber sie sind unterhaltsam! Mir jedenfalls lieber als alle anderen Komissarinnen und Komissare mit Ihren privaten Problemen (Alkohol, Beziehungen, Dachschaden, Suizidgefährdung usw.). Die Kritik am Münsteraner Tatort mag berechtigt sein, ich seh ihn mir trotzdem an (und nehme ihn niemals ernst!)
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Zum Autor
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.