Robin Williams in "Club der toten Dichter" O Captain! My Captain!

Was hat dieser Film mit uns gemacht? Robin Williams' "Club der toten Dichter" verfiel eine ganze Schüler-Generation. Wir erträumten uns inspirierende Lehrer - später war es uns peinlich.

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Nanu-Nanu, Mork vom Ork unterrichtet englische Literatur? Diese sepiagetönte Erinnerung trügt vielleicht ein wenig, aber so ähnlich lautete unsere erste, erstaunte Reaktion, als "Der Club der toten Dichter" im Januar 1990 endlich in den deutschen Kinos anlief.

Wir, die 15- bis 17-Jährigen aus der niedersächsischen Provinz, wussten es einfach nicht besser. Immerhin, als kleine Entschuldigung, unsere Ignoranz war orts- und generationsbedingt: Robin Williams kannten wir aus frühen öffentlich-rechtlichen Fernsehtagen eben nur als gestrandeten Außerirdischen, der uns und seine irdische Mitbewohnerin Mindy mit putzigen Wortschöpfungen unterhielt.

Wir hatten hingegen keine Ahnung, dass Williams in den USA ein längst legendärer Stand-up-Comedian war. Ebenso wenig konnten wir ihn als ernstzunehmenden Darsteller in der John-Irving-Verfilmung "Garp und wie er die Welt sah" (1982) oder in der Tragikomödie "Good Morning, Vietnam" (1987) kennen, denn dafür waren wir schlicht zu klein.

So brauchten wir Peter Weirs Drama über das intellektuelle und emotionale Frühlingserwachen einer Handvoll amerikanischer Internatsschüler Ende der Fünfziger, um verspätet den Schauspieler Robin Williams kennenzulernen. Und ganz so fern von Mork war seine Rolle als Englischlehrer John Keating dann ja auch nicht angesiedelt.

In der Welton Academy, einer rigiden Elitelehranstalt in Vermont, ist der Neuankömmling Keating ein Fremdkörper, nicht ungleich einem kuriosen Alien. Entsprechend bestaunen ihn seine Schüler bei der ersten Unterrichtsstunde, unter ihnen einige vielversprechende Hollywood-Milchgesichter: Ethan Hawke, Josh Charles und Robert Sean Leonard gaben blendend aussehende Identifikationsfiguren, die gefrustete Gymnasiasten beiderlei Geschlechts schwärmen und mitleiden ließen.

Diesen Stellvertretern des heranwachsenden Publikums eröffnete Williams als impulsiver Idealist Keating einen lustvollen Zugang zur Sprache und zur Kunst. Er ließ sie die autoritären Lehrsätze über vermeintlich gute Lyrik aus den Büchern reißen, entrümpelte mit schwungvoller Geste den verstaubten Literaturkanon und animierte sie mit unorthodoxen Maßnahmen zur kreativen Brüderschaft im Geiste mit William Shakespeare, Henry David Thoreau, E. E. Cummings, Robert Frost und, natürlich, Walt Whitman.

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Robin Williams ist tot: Seine Karriere in Bildern
Mitgerissen von so viel Sturm und Drang sahen wir begeistert, wie Keatings Schüler in ihrer "Dead Poets Society" den Aufstand gegen Eltern, Konventionen und das Establishment probten.

Ebenso litten wir mit, als ihre Selbstverwirklichungsversuche auf grausames Unverständnis stießen, oder im Fall des sensiblen Neil (Robert Sean Leonard), der sich gegen den Willen seines strengen Vaters als Puck in Shakespeares "Mittsommernachtstraum" versuchte, sogar im Suizid endeten. Dann weinten wir mehr oder minder still, als Keating vom menschen- und sinnesfeindlichen Bildungsapparat zum Sündenbock gemacht wurde. Und die letzten Dämme brachen spätestens, als seine Schüler zum Abschied auf Tische und Stühle stiegen und mit Whitmans "O Captain! My Captain!" ihre Loyalität und Dankbarkeit bekundeten.

Was uns in diesem Winter so rührte, sollte uns nur wenig später hochpeinlich sein. Weirs bürgerliches Qualitätskino erschien uns mit zunehmendem Alter als Erbauungskunst, die nicht nur oft haarscharf am Kitsch vorbeischrammte, sondern mehr als einmal mittenrein in den Schmalztiegel langte.

Keatings befeuerndes "Carpe Diem" wurde uns zur ironischen Floskel, so wie die rebellische Schlussszene zum dankbaren Gegenstand zahlloser Parodien geriet. Kurz: Wir schämten uns für unsere hormonell übersteuerte Begeisterung und die naive Sehnsucht nach einem Lehrer, der uns tatsächlich etwas über das Leben beibringen möge. Und man will gar nicht wissen, wie viele durch diesen Film enthusiasmierte Pädagogikstudenten in der Realität Schiffbruch erlitten.

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Robin Williams: Schauspieler, Komiker, Mensch
Aber vielleicht wird "Der Club der toten Dichter" von uns deshalb so bereitwillig als Klischee verlacht oder als "guilty pleasure" abgetan, weil er uns damals, an genau diesem Ort und genau zu dieser Zeit so naheging. Sieht man den Film heute erneut und blendet alles Ornamentale aus, die schwelgerischen Bildkompositionen von Kameramann John Seale, Maurice Jarres gefühligen Soundtrack und Weirs wahrlich nicht subtile Dramaturgie, dann bleibt da immer noch Robin Williams zurückgenommene, berührende Darstellung des freigeistigen aber keinesfalls unfehlbaren Mentors.

Auch deshalb bleibt "Der Club der toten Dichter" für unsere Generation ein prägender Film, denn in ihm erkannten wir Ahnungslosen Robin Williams erst als den vielseitigen Künstler, der er war.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Der Pay-TV-Sender Sky zeigt nächste Woche "Big Wedding". Mit "Toys", "Insomnia", "Ein Vater zuviel", "Schatten der Vergangenheit" und "Mrs. Doubtfire" bietet der Sender zudem ein Williams-Paket in seinem Video-On-Demand-Angebot Sky Snap.


Wegen des Todes von Robin Williams haben einige Fernsehsender ihr Programm geändert. Tele 5 zeigt am Mittwoch um 20.15 Uhr die Komödie "Birdcage - ein Paradies für schrille Vögel" (1996). Das ZDF nimmt am Mittwoch um 22.45 Uhr den Thriller "Insomnia - Schlaflos" (2002) ins Programm. Die ARD strahlt in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 0.35 Uhr das Drama "Zeit des Erwachens" (1990) aus. Freitagabend folgt der Digitalsender ZDFneo mit einer ganzen Themennacht. Ab 20.15 Uhr zeigt der Sender "Good Will Hunting", "Insomnia" und "The Big White". Der Bezahlsender Sky zeigt am 23. August "The Big Wedding."



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insgesamt 66 Beiträge
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PointerX 12.08.2014
1. Solch ein Lehrer hätte uns noch gefehlt...
Ne, danke! Ich denke, gute Literatur reißt auch ohne Gebrauchsanweisung mit. In Eliteschulen zählen natürlich andere Werte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ein wirklich schlechter Film mit einer mehr als fragwürdigen Botschaft. Aber Filme sind halt Geschmacksache.
critique 12.08.2014
2. wieso peinlich?
Man sollte auch als Erwachsener zu seinen früheren Idolen stehen und diese nicht verlachen lassen. Man verrät nicht die Helden seiner Kindheit.
Mr T 12.08.2014
3. wohl wahr
Zitat von PointerXNe, danke! Ich denke, gute Literatur reißt auch ohne Gebrauchsanweisung mit. In Eliteschulen zählen natürlich andere Werte. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ein wirklich schlechter Film mit einer mehr als fragwürdigen Botschaft. Aber Filme sind halt Geschmacksache.
Ja, wir wollen nur Lehrer, die der Jugend von heute MINTfaecher schmackhaft machen und so werden wie wir!
pekaef 12.08.2014
4. Wenn nur einer durch die rebellische Schlussszene ...
... den aufrechten Gang gelernt hat, dann hat sich der Film schon gelohnt. Peinlich finde ich nur, wenn man nicht mehr zu dem steht, was einem einmal sehr wichtig war.
brusselsstreet 12.08.2014
5. peinlich?
Wenn Ihnen Ihr Handeln von früher peinlich ist, haben Sie die Botschaft des Films immer noch nicht verstanden. Wer sich seiner Kindheit und Jugend schämt ist voll und ganz im Establishment aufgegangen. Glückwunsch!
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