Roche bei Maischberger Das literarische Sex-Tett

Ist die Gesellschaft übersexualisiert? Oder wird Sex überproblematisiert? Bei Sandra Maischberger stritt Charlotte Roche für das Recht auf Seitensprünge und Pornogucken - stieß damit allerdings auf erbitterten Widerstand. Am Ende verteufelte die Talkrunde alles: Puffbesuche genauso wie Enthaltsamkeit.

WDR

Von Daniela Zinser


Die gute Nachricht vorneweg: Sex kann auch Spaß machen. Gut, dass das Jutta Ditfurth am Schluss noch eingefallen ist. Also natürlich nur unter Umständen macht das Spaß. Unter idealen moralischen, ethischen, ideologischen, klimatischen und sprachlichen Bedingungen. Das lehrten die vorangegangenen 75 Minuten von "Menschen bei Maischberger" am Dienstagabend. Es kann also Spaß machen. "Auch der Frau", sagt Charlotte Roche noch. Das letzte Wort aber hat Jutta Ditfurth: "Man kann auch nicht verheiratet sein."

Gut, dass das Thema der Gesprächsrunde "Sexualmoral 2011: Kein Anstand, kein Tabu?" mit klarer zeitlicher Verortung daherkam. Denn da wurden freudlos Dinge diskutiert, die spätestens 1977 geklärt schienen - und seitdem schon in mehreren Maischberger-Sendungen abgehandelt wurden.

Um was es so gehen soll, umreißt die Moderatorin, als sie zu Anfang alles Schmuddelige unserer Zeit aufzählt: die schamlose Charlotte, Schwarzenegger, Strauss-Kahn, die schleswig-holsteinische Teenager-Affäre und das Bordell in Budapest als Belohnung für Versicherungsmitarbeiter. Was Leichtes für nach der Sommerpause also. Wenn es allerdings dröge und wirr weitergeht, sieht es nicht gut aus für die neue Talkoffensive der ARD, die mit Maischberges Sendung startete.

Das ist doch alles Satire

Wild durcheinander geht es um erniedrigte Frauen, orientierungslose Jugendliche, ausgebeutete Prostituierte, fundamentale Christen, Vergewaltigung - und vor allem um "Schoßgebete". Damit klar ist, wer hier abzuschießen ist, sitzt Autorin Charlotte Roche im knalligen Kleid inmitten von viel Grau und Dunkelblau. Maischberger reduziert sie auf die eingängige Losung "Sex ist das Allheilmittel und das Wichtigste im Leben", und los geht das Literarische Sex-Tett.

Über weite Strecken der Sendung wird nun der Feminismus, das Christentum, die Jugend oder die Literatur gegen das Buch verteidigt. Darf man wirklich dem Mann ausgiebig einen blasen, mit ihm Pornos gucken oder sogar in den Puff gehen, wenn er das mag? Traurig ist das, finden die Feministinnen. Ex-Grüne und Soziologin Jutta Ditfurth ärgert sich über das "biedere Pärchen" in "Schoßgebete", Moderatorin und Frauenrechtlerin Bettina Böttinger missfällt das Bild der Frau als Sexdienerin, die versucht, ihrem Mann möglichst alles recht zu machen.

Der überzeugte Christ und Journalist Tobias-Benjamin Ottmar weiß, warum die Romanheldin - und damit auch die Autorin - so viele Probleme hat: "Weil sie in einer Familie aufgewachsen ist, in der Sexualität unverbindlich war." Ärztin Esther Schoonbrood sieht eine "Borderline-gestörte Persönlichkeit" und wirft beständig "Gedenket der Kinder" ein, denn die sind taumelnd in einer übersexualisierten Welt. Daran ist aber eher das Internet schuld, weniger Charlotte Roche. Überhaupt, sagt Literaturkritiker Hellmuth Karasek, ist das doch alles Satire.

Wo bleibt die hässliche und stinkende Sexualität?

"Schoßgebete" wird mal als Anleitung zur anhaltenden Freude in Ehe und eheähnlichen Gemeinschaften, mal als Sexreport, mal als Roches Tagebuch interpretiert. Sie selbst, sagt sie, war bisher nur zu Recherchezwecken im Puff, wünscht sich aber einen für Frauen mit "jungen Typen in kurzen Hosen". Da würde sie hingehen. Aber eigentlich gefällt Charlotte Roche die übersexualisierte Gesellschaft nicht und dass "jede C&A-Werbung aussieht wie ein Pornobild". Wo bleibt da die hässliche, verschwitze, stinkende Sexualität? Und ihre Tochter dürfe Pornos frühestens mit 18 gucken. Aber es gibt auch wirklich gute. Da sind die anderen in der Runde skeptisch.

Um Tabus sollte es ja eigentlich gehen und um die mutmaßlich verkommene Sexualmoral. Am Ende war alles irgendwie verteufelt. Fremdgehen ist böse und Treue auch, Pornos und Puffs eh, Strauss-Kahn und Roche ebenso, die Ehe ist es auch, das Christentum sowieso und die 68er haben auch viel Leid gebracht. Und Spaß macht schon mal gar nichts. Nostalgisch denkt man da an die lustvollen und lustigen Maischberger-Runden mit Lady Bitch Ray und Oswalt Kolle vor vier Jahren oder Playboy Eden gegen Entsager Langhans im vergangenen März.

Doch diesmal ruft die Talkgastgeberin nur immer wieder flehentlich: "Nein, nein, nicht das Buch. Weg mit dem Buch. Wir sind in der Realität" - und will unbedingt wissen: "Was darf man denn jetzt machen, damit eine Ehe hält?" Schwierig. Denn soll man überhaupt heiraten? "Die Gesellschaft ist so bieder, wie sie früher war", sagt Karasek.

Lustigerweise merkt man das vor allem, als Tobias-Benjamin Ottmar, der überzeugte Christ, sich dafür verteidigen muss, keinen Sex vor der Ehe gehabt zu haben. Wie das denn überhaupt geht? Ach Gottchen, lasst ihn doch! Und die Frauen tun alles, um den Männern zu gefallen, die Jugend will mit 16 schon heiraten und Menschen sind doch eh halbe Tiere, dreiviertel sogar. Sagt Karasek. Und Ottmar geht noch weiter: "Männer sind Schweine."

Die Gesellschaft ist übersexualisiert - und Sex überproblematisiert. Deprimierend wäre das, wären da nicht zwei Straßenumfragen, die Maischberger einspielt: "Soll man mit seiner Frau ins Bordell?" lautet die eine. "Wie viel Sex muss eine Ehe haben?" lautet die andere. Darauf antworten die Leute da draußen mit einem schallenden Lachen. Das ist ein guter Anfang.

insgesamt 141 Beiträge
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WertPacket 31.08.2011
1. Verschlafen
Danke für diesen unterhaltsamen Artikel. Habe die Sendung nun mal verschlafen aber kann mir nun lebhaft vorstellen wie es gewesen ist. Die Roche mag zwar einen angenehmen Weg gefunden haben Geld zu verdienen aber die entsetzten Reaktionen auf ihr Buch geben ihr nun doch irgendwie auch wieder eine gewisse Existenzberechtigung.
marvinw 31.08.2011
2. Dummschwätzer
Das wirkliche Problem ist dass jeder einzelne glaubt er hätte Recht auf irgendwas und braucht dabei das Recht des Anderen bzw. der Gesellschaft nicht zu achten. So kann man 24 Stunden lang im Kreis rumlabern und man kommt nicht zur Lösung des Problems. Wobei sie einfach ist: respektiere deinen Nächsten und fordere nicht nur alles für dich alleine.
janne2109 31.08.2011
3. gelacht
war ich gerade auf dem Klo? Schallend gelacht hat niemand bei der Umfrage auf der Straße, im Gegenteil. Deutschland sexelt sich erstaunlich oft durch das Leben. Karasek in der Satire liegt vielleicht wirklich die Wahrheit? Ottmar sehr blass, Schoonbrod dünne, Roche hats gut ausgehalten Ditfurth erstaunlich gelassen und unbissig, fast schon angenehm. Zum Glück wurde das Thema nicht zu bierernst genommen
easyguard 31.08.2011
4. Intoleranz
War erstaunt, wieviel Intoleranz dem Vertreter der christlichen Variante (kein Sex vor der Ehe) entgegengebracht wurde. Von Maischberger nur belächelt wurde er von der Jutta Dithfurth mehrfach vernichtend angegangen. Die Dithfurt fand ich unerträglich. Einerseits böse austeilen, selbst aber immer gleich beleidigt und unverstanden reagieren. Gefallen hat mir der Karasek. Der war mit Abstand am coolsten von allen beteiligten.
baloo55 31.08.2011
5. was ganz persönliches
Die eigene Sexualität ist was ganz persönliches und verschließt sich somit solchen Runden. Im Grunde, nicht zuletzt wegen Karasek, war es eine vergnügliche Abendunterhaltung, konzentrierte man sich auf die Teilnehmer als Person, nicht so sehr auf den Inhalt und Sinn ihrer Redebeiträge. Frau Roche scheint mir jedoch schon sehr einfach strukturiert zu sein. Dass manche doch ihre Haut zum Markte tragen gehört zwar auch dazu, ist aber unerheblich für mich.
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