"Roche & Böhmermann" auf ZDFkultur: Tempo-Talk mit Trosshure

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Mit Aschenbechern und Whisky versuchen Charlotte Roche und Jan Böhmermann, die Atmosphäre legendärer Talkshows der siebziger Jahre aufleben zu lassen. Das funktionierte bei der Erstausgabe erstaunlich gut - bis sich ein Gastgeber zu einer einzigartigen Fehlleistung hinreißen ließ.

Retro-Talkshow: Die Aschenbecher blieben leer Fotos
ZDF

Wie könnte ein gelungenes erstes Date aussehen? Zumindest wäre es kein Reinfall, wenn man sich angeregt unterhalten hat, von einem Thema zum nächsten gesprungen ist und am Ende - wenn man viel zu früh auseinandergeht - das Gefühl hat, dass es noch eine Menge an losen Gesprächsfäden gibt. Und man sich allein deswegen noch einmal treffen sollte, weil man daran anknüpfen möchte.

Gemessen an diesen Kriterien hinterließ das, was da am Sonntagabend auf ZDFkultur zu besichtigen war, durchaus die Lust auf ein Wiedersehen. Zum ersten Mal luden Charlotte Roche und der als Harald-Schmidt-Sidekick bekannte Jan Böhmermann fünf Gäste zu einer Stunde Plausch.

Nur vier handgestoppte Minuten der Sendung boten mehr als genug Anknüpfungspunkte. Da ging es um die Frage, ob auf den alten Arbeiten des anwesenden DDR-Punk-Fotografen und heute hauptberuflichen Berghain-Türstehers Sven Marquardt Satyrn oder Faune zu sehen seien. Es ging um die Tatsache, dass die Promi-Piratin Marina Weisband ihre Freizeit als "Trosshure" bei Echtzeit-Rollenspielen verbringt. Und schließlich ging es um die inexistenten Heiratspläne von Sido, dem "schlauesten Rapper der Welt" (Roche), der inzwischen ein eigenes Konto für seine Steuerzahlungen führt. Eine Menge Stoff in so kurzer Zeit. Doch auf Vertiefung waren offenbar weder Roche noch Böhmermann aus.

Eine Talkshow ganz im Stil des frühen Fernsehens will "Roche & Böhmermann" laut Eigenauskunft sein. Bezugspunkt sind die legendären Gesprächsrunden der siebziger Jahre, zu denen Dietmar Schönherr ("Je später der Abend") oder Wolfgang Menge ("3 nach 9") illustre Gäste luden - und in denen noch hemmungslos geraucht, getrunken und solcherart aufgelockert frei assoziiert werden durfte. Auch auf programmatische Oberthemen verzichtete man damals noch. Diese Reminiszenz schlägt sich in der durchaus gefälligen Studioausstattung nieder: Überdimensionierte Mikrofone im Retrostil stehen auf dem Tisch, neben demonstrativ platzierten Aschenbechern. Und Roche tat ihr Bestes, um die Gäste zum edlen japanischen Whisky ("in der Nase ein duftendes Zedernholz") zu überreden, der freigiebig gereicht wurde.

Ambiente zwischen Pokertisch und Boxring

So etwas traut sich das ZDF schon mal auf der Spielwiese seines Kultur-Spartensenders, Marktanteil durchschnittlich 0,1 Prozent. Ein Sender, den nicht nur die Protagonisten der täglichen Sat.1-Trash-Talkshow der ebenfalls eingeladenen Britt Hagedorn ungefähr auf Platz 78 einprogrammiert haben dürften, wie Gastgeber Böhmermann unkte.

Dass das Konzept funktionierte, lag allerdings kaum an der offenen Aufforderung zum Suchtmittelgebrauch. Am Whisky nippten Sido und Top-Model-Juror Jorge González höchstens höflich. Die Aschenbecher blieben gar komplett leer. Ihren Reiz bezog die Sendung vor allem aus dem Verzicht auf den ansonsten so genretypisch gewordenen sorgsam durchchoreografierten Ablauf, der jedem Gast die gleiche Zeit und die gleiche Aufmerksamkeit zugesteht und solche Formate regelmäßig zum Promo-Vehikel für das jeweils neue Buch oder den neuen Film der Geladenen verkommen lässt. Und eine regelrechte Wohltat war, wie Böhmermann der inzwischen bekannten Selbstinszenierung der Noch-Geschäftsführerin-aber-bald-nur-noch-Basis-Piratin Weisband Einhalt gebot ("Also pickt ihr euch die Rosinen aus dem Politikbetrieb raus").

Vor allem Böhmermann erweckte nicht einmal den Anschein, sich als guter Gastgeber zurückzunehmen. Wer hier zu Wort kommen will, der muss auch etwas Interessantes oder Schlagfertiges zu sagen haben - und sich durchsetzen. Ansonsten bekommt man als Gast nicht viel mehr Sendezeit als die temporeichen einminütigen Einspieler. Auch die Beleuchtung vermittelte ein Ambiente zwischen Pokertisch und Boxring.

Natürlich kann eine solche Herangehensweise auch im Grunde interessante Gäste verheizen. So kapitulierte Berghain-Türsteher Sven Marquardt bereits nach zehn Minuten in schöner Offenheit: "Ich komme mir langweilig vor." Mit den uninspirierten Fragen nach seinen Türsteher-Kriterien konnte er nichts anfangen. Da hielt sich die Runde auch nicht lange damit auf, näher auf seine zweifellos ergiebigere Vergangenheit als Fotograf der DDR-Punk-Subkultur einzugehen.

Das Recht auf Verteidigung verweigert

Es war nicht der einzige Moment, in dem man sich bei aller Unterhaltsamkeit gewünscht hätte, dass Roche oder Böhmermann einen der Gesprächsfäden nicht gleich wieder fallengelassen hätten. Wie genau interpretiert Marina Weisband denn ihre Rolle als "Trosshure" bei ihren Fantasy-Echtzeit-Rollenspielen? Und warum würde der rein optisch dafür prädestinierte Marquardt nicht die Piraten wählen?

Am Ende wartete Böhmermann noch mit der einzigartigen Fehlleistung auf, Trash-Talkerin Britt Hagedorn schlicht nicht antworten zu lassen - nachdem er ihr in einem regelrechten Furor minutenlang vorgeworfen hatte, sie führe regelmäßig "Menschen am Rande der geistigen Behinderung" vor. Ihre Verteidigung hätte man gern gehört. Roche brachte es anschließend auf den Punkt: "Leute fertigmachen funktioniert nicht."

Solche Fehler können sich die Preisgekrönten Roche und Böhmermann noch leisten, dafür haben sie den Sendeplatz im Experimentierkasten des ZDF.

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insgesamt 68 Beiträge
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1. Innovatives Retro-TV
lil-vin 05.03.2012
Zitat von sysopZDFMit Aschenbechern und Whisky versuchen Charlotte Roche und Jan Böhmermann, die Atmosphäre legendärer Talkshows der siebziger Jahre aufleben zu lassen. Das funktionierte bei der Erstausgabe erstaunlich gut - bis sich ein Gastgeber zu einer einzigartigen Fehlleistung hinreißen ließ. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,819241,00.html
Interessant, dass der SPON-Artikel als Fehlleistung heraushebt, was die Süddeutsche als einziges Plus stehen lässt: Böhmermanns Angriff auf Britt Hagedorn. Angriff ist gut, den anderen sich nicht verteidigen lassen, ist schlecht. Vielleicht reicht auch ein Gast weniger für die 60 Minuten, es wirkte alles etwas gehetzt. Ansonsten: die Sendung hat Potenzial, das Retro-Konzept fühlt sich angenehm frisch an, bitte weiter experimentieren!
2. Gähn
troy_mcclure 05.03.2012
Mal wieder ein Artikel über eine Sendung, die sich niemand anschaut... Aber Charlotte Roche kommt darin vor, sehe ich gerade, dann muss SPON ja was zu schreiben
3.
matzerium 05.03.2012
Wow. Ich fand das Konzept genial und endlich wurde mal nicht der übliche konsenstrash.
4. Selber Gähn...
lil-vin 05.03.2012
Zitat von troy_mcclureMal wieder ein Artikel über eine Sendung, die sich niemand anschaut... Aber Charlotte Roche kommt darin vor, sehe ich gerade, dann muss SPON ja was zu schreiben
Gähn, Roche-Bashing von jemandem, der die Sendung nicht gesehen hat.... Get a life.
5. Dampfplauderei
pepito_sbazzeguti 05.03.2012
Dampfplauderei mit Fusel und Raucherlaubnis - originell.
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