Roseanne Barr Die gescheiterte Annäherung

Die Entscheidung, "Roseanne" wegen rassistischer Tweets von Hauptdarstellerin Roseanne Barr abzusetzen, war richtig. Problematisch ist das Denken, das zur Neuauflage der Serie geführt hat.

Roseanne Barr (links), Channing Dungey
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Roseanne Barr (links), Channing Dungey

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Es war nicht Disney-CEO Bob Iger, der die Entscheidung bekannt gab. Und es war auch nicht der Präsident der Disney-ABC-Fernsehsparte oder eine Sprecherin oder ein Sprecher des Senders. Es war ABC-Chefin Channing Dungey, die am Montag verkündete, die Comedy-Serie "Roseanne" wegen rassistischer Tweets von Hauptdarstellerin Roseanne Barr mit sofortiger Wirkung einzustellen.

Dungey ist die erste Afroamerikanerin an der Spitze eines Networks, und das hat sie zu einer einzigartigen Handlung befähigt. Nicht nur hat sie als schwarze Frau entschieden, genug davon zu haben, sich Vergleiche mit Affen anhören zu müssen. Sie hatte auch die Macht, diese Entscheidung durchzusetzen und mit empfindlichen Konsequenzen für Barr zu versehen.

Damit hat Dungey etwas ausgelebt, was man die große kollektive Fantasie unserer Zeit nennen könnte: sich vom Opfer einer Erniedrigung sofort zur strafenden Instanz ebendieser Erniedrigung zu wandeln.

Als konkretes Bild ist etwas ganz Ähnliches vor Kurzem durch die Medien gegangen: die Aufnahmen von der Polizistin, die Harvey Weinstein in Handschellen aus dem New Yorker Police Department abgeführt hat. Sie hat damit eine interessante Position im möglichen Prozess gegen Weinstein eingenommen - nämlich über ihn und seine persönliche Freiheit verfügen zu können statt andersherum.

Harvey Weinstein beim Verlassen einer New Yorker Polizeistelle am 25. Mai
REUTERS

Harvey Weinstein beim Verlassen einer New Yorker Polizeistelle am 25. Mai

Abstrakt ist diese kollektive Fantasie, vom Passiven umstandslos ins Aktive wechseln zu können, noch viel größer und weitreichender. Sie speist unter anderem seit bald anderthalb Jahren den Glauben daran, dass Donald Trump mittels Amtsenthebungsverfahren aus dem Weißen Haus entfernt werden könnte. Nicht durch Wahlen, bei denen man sich mit seinen "fellow Americans" zusammentun muss, sondern durch einen selbstbewussten Akt der Legislative, die damit die Verletzungen ungeschehen macht, die ihnr der Anti-Establishment-Kandidat Trump durch seinen Wahlsieg zugefügt hat.

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Nach rassistischem Tweet der Hauptdarstellerin: Das Ende von "Roseanne"

Reden statt impeachen

Ob es jemals zu einem Amtsenthebungsverfahren kommen wird, ist heute genauso ungewiss wie am ersten Arbeitstag von Sonderermittler Robert Mueller. Genauso lang wie über ein mögliches Impeachment wird derweil darüber gestritten, wie sehr so ein Verfahren das Problem der politischen Spaltung in den USA befördern könnte, statt es zu lösen. Müsste nicht vielmehr die Auseinandersetzung mit den politisch Andersdenkenden gesucht werden, statt einfach ihren größten Fürsprecher aus dem Amt zu entfernen?

Im Video: Sender ABC setzt "Roseanne" ab

Auch hier lohnt ein Blick auf Channing Dungey, denn Ersteres hat die ABC-Chefin probiert: Nach Trumps Wahlsieg hatte ihr Sender die sogenannte "heartland strategy" ausgerufen. Statt sich auf das Publikum an den liberal gesinnten Küsten der USA zu konzentrieren, sollten vermehrt Programme für das "heartland", das konservativ gestimmte Landesinnere, gemacht werden.

"Wir haben sehr viel Zeit darauf verwendet, eine Vielfalt an Stimmen von People of Color und Angehörigen verschiedener Religionen und sogar Leuten, die eine andere Sichtweise auf Geschlechterfragen haben, zu suchen", so Dungey im Interview mit der "New York Times" im März. "Aber wir haben nicht annähernd genug über unterschiedliche wirtschaftliche Situationen nachgedacht und über andere kulturelle Spaltungen in unserem Land. Der Wahlsieg von Trump hat uns für so etwas wirklich die Augen geöffnet."

Keine Gegenforderungen

Aus diesem Impuls heraus war es dann auch Dungey, die ein besonderes Prestigeprojekt von ABC vorantrieb: die Neuauflage von "Roseanne" - mit der für ihre Twitter-Hetze bekannten Hauptdarstellerin Roseanne Barr.

Nun liegt es auch an Dungey, sich zu fragen, was sie sich wohl davon erhoffte, mit neuem, möglichst vorurteilsfreien Blick auf das "heartland" zu schauen, ohne dies auch von der Gegenseite einzufordern. Roseanne Barr hat nämlich mit ihrem alten, vorurteilsbeladenen Blick zurückgeschaut - und in einer schwarzen Frau einen Affen gesehen.

Womöglich markiert die Absetzung von "Roseanne" eine Zäsur im politischen Diskurs, denn öffentlicher hätten die naiven Bemühungen eines liberalen Medienkonzerns um rechtskonservative Kundschaft nicht scheitern können. Offenheit und Verständnis anzubieten, ohne sie gleichzeitig einzufordern, hat sich als grobe Fehleinschätzung tatsächlicher politischer Verhältnisse erwiesen. Wer nicht als Standard die Abwesenheit von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Islamophobie etc. festlegt, öffnet sich nicht, sondern beschränkt sich, weil er so Platz an rechte Kräfte abtritt.

ABC hat sich mit seiner Entscheidung gegen Roseanne Barr wieder Diskursraum zurückerobert. Warum der Sender ihn ihr überhaupt eingeräumt hat, führt nun hoffentlich zu einer Selbstbefragung weit größerer Teile der liberalen Medienlandschaft.



insgesamt 32 Beiträge
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herbie33 30.05.2018
1. Eine bessere, gerechtere Lösung
...als die Absetzung der Sendung hätte es gegeben in Form einer weiteren Staffel - ohne Rosanne Barr. Es ist klar, dass die Absetzung eine aus dem Affekt heraus richtige Handlung ist, so ist Barr ohne diese Serienfigur nichts, steht also für ein Image, welches auch den Sender präsentiert - und ist daher nicht länger tragbar als Star. Aber wäre es nicht auch eine Chance gewesen eine Metaebene zu schaffen? Rosanne wird Opfer eines rechtsradikalen Amokschützen, ihre Familie muss sich daraufhin mit der Trauer auseinander setzen, aber sieht sich auch in Konfrontation mit den Folgen Trumpscher Politik. Gute Autoren hätten hieraus ein bitteres, schwarzhumoriges und selbstreflecktierendes Stück machen können, dass eine Rosanne Barr noch mehr bestraft hätte, dafür aber nicht den Rest des Teams. Und ein stärkeres und nachhaltigeres politisches Statement als eine Absetzung wäre es auch gewesen. Schade eigentlich.
Oberlon 30.05.2018
2. Abwegig
Nicht ein Jude als Richter hat Herrn Eichmann verurteilt (explizites Bsp). Keine Polizistin hat einen Herrn Weinstein festgesetzt. Keine Schwarze eine Serie aufgrund der Äußerungen der Hauptdarstellerin abgesetzt. Bitte denken Sie in anderen Kategorien. Diese Personen haben ihre Funktion und Pflicht wahrgenommen. Getreu ihrer Äußerung "Wer nicht als Standard die Abwesenheit von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Islamophobie etc festlegt, öffnet sich nicht, sondern beschränkt sich, weil er so Platz an rechte Kräfte abtritt."
sven2016 30.05.2018
3.
Korrekte Entscheidung. Und diese Schauspielerin hat sich inzwischen auch schon als Opfer dargestellt, in guter Trump-Manier.
hausfeen 30.05.2018
4. Man stelle sich vor, Heinz Schubert, Ekel Alfred, hätte ...
.... sich als flammender Neonazi geoutet.
Thomas Mank 30.05.2018
5. Selbsterfüllende Prophezeiung?
Aber sind es nicht gerade Medienunternehmen, also „die Medien“, welche jene „kollektive Fantasie, vom Passiven umstandslos ins Aktive wechseln zu können“ in ihren Produkten täglich unzählige Male erschaffen und versenden? Insofern mag es konsequent sein, dass die Erfüllung eines solchen Traums dann auch der Leiterin eines solchen Unternehmens vorbehalten bleibt, das zunächst selbst die Vorgaben dafür erschaffen hatte. Fragt sich, ob durch die rasche Entscheidung wirklich ein neuer Diskurs eröffnet wird oder ob sie selbst als Akt des medialen Heldenmythos verbleibt. Produktpflege sozusagen.
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