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18. Januar 2013, 15:58 Uhr

"Polizeiruf" aus Rostock

Der Fischer und seine Faust

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Im Netz herrscht Ebbe, im Bauch brodelt die Wut: In Rostock gibt's Tote unter Berufsfischern. Der NDR-"Polizeiruf" verknüpft das Gestern mit dem Heute, er erzählt von DDR-Altlasten und Irak-Flüchtlingen. Und er überzeugt als Milieu-Schocker, der auf Sentimentalitäten pfeift. Große ehrliche Krimi-Kunst.

Blauer Hintergrund, zwölf gelbe Sterne im Kreis - und mittendrin eine Faust mit ausgestrecktem Mittelfinger. Die Fischer am Rostocker Hafen zeigen deutlich, was sie über die EU denken. Brüssel kommt ihnen mit Fangquoten, aber der polnische Kutter ein Hafenbecken weiter fischt - trotz Verbot - heimlich mit engmaschigen Netzen. Also den Frust mal schön an den "Polacken" auslassen - Netze klauen, Buttersäure aufs Deck schmeißen, Fresse polieren.

Bald gibt es Tote. Erst einen erschossenen deutschen Fischer, dann einen erdrosselten Polen. Kommissar Bukow (Charly Hübner) ist auf einmal wieder mittendrin in seinem alten Revier, also in einer Welt, in der man am Kneipentresen mit der rechten Hand den Korn liebkost und mit dem linken Arm den Gegenspieler in den Schwitzkasten nimmt. Mit einem der Verdächtigen war Bukow sogar früher in einer Gang. Fragt Kollegin König (Anneke Kim Sarnau), wie die hieß. Sagt Bukow: "Na eben genau so: die Gäääng!"

Wie wir diesen Rostocker Milieu-Minimalismus lieben. Dabei untersagen sich die Macher allzu große Sentimentalitäten. Nur weil man auf der Verliererseite steht, gehört man ja nicht gleich zu den Guten, und einem Kerl wie Bukows einstigem Kumpel Ronny (gespielt vom elegant verbeulten Jens Münchow) möchte man auch nicht unbedingt nachts allein am Hafen begegnen. Der schiebt einen Hass auf alles und jeden und macht die Polen und die EU sogar dafür verantwortlich, dass seine Frau samt Kind das Weite gesucht hat. Wenn so einer wie Ronny einen Hammer griffbereit hat, benutzt er den auch.

Fluchthelfer oder Schlepper?

Was im neuen Dortmunder "Tatort" etwas zu lautstark vermittelt wird, dafür findet der Rostocker "Polizeiruf" die richtige Tonalität: Hier wie dort geht es um die sozialen Rückstände, die gesellschaftliche Umbrüche hinterlassen. In Rostock sind das die Altlasten aus DDR-Zeiten und eine Hafenindustrie, die unter der Globalisierung leidet.

Es bleibt allerdings nicht bei der Besichtigung des pittoresk verpeilten Fischer-Prekariats und dem pflichtschuldigen Gedenken an DDR-Unrecht. Immer wieder entwickeln die Filmemacher eine erzählerische Wucht, indem sie plausibel das Gestern mit dem Heute verknüpfen. So geht es in der aktuellen Episode "Fischerkrieg" (Buch: Florian Oeller, Regie: Alexander Dierbach) um einstige DDR-Fluchtmaßnahmen, an denen Rostocker Fischer beteiligt waren - sowie um heutige Flüchtlinge aus dem Irak, die über die Ostsee nach Schweden geschippert werden.

Mit in dem Geschäft drin hängt auch Bukows Vater Veit (Klaus Manchen). Schwarz gefangener Edelfisch, Prostitution, Menschenschmuggel - der Alte ist ein Überbleibsel aus der alten DDR-Schattenwirtschaft, dem es heute besser geht denn je und der seinem Polizistensohn ständig Bündel von Scheinen rüberzuschieben versucht. Nur weil er auf der Gewinnerseite steht, muss er ja nicht gleich zu Schlechten gehören.

Wie auch an dem breit aufgestellten Gauner gesellschaftsphilosophische Fragen durchgespielt werden, zeigt die ganze Stärke des Rostocker "Polizeiruf": Dafür, dass Bukow senior und seine Leute DDR-Flüchtlinge gegen Geld über die Ostsee in den Westen gebracht haben, wurden sie später als Heroen gefeiert. Doch wer heute arme Schlucker aus anderen kaputten Staaten auf dem gleichen Weg über die Grenze bringt, gilt als Schlepper.

Eine treffsichere Pointe in diesem rabiat ehrlichen "Polizeiruf": Früher wartete auf Fluchthelfer das Bundesverdienstkreuz. Heute das Gefängnis.


"Polizeiruf 110: Fischerkrieg", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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