RTL-2-Show "Tatort Internet": Mit versteckter Kamera gegen Kindesmissbrauch

Von Anna Fischhaber

Alles für die Publicity? Der Trash-Sender RTL 2 hat kurzfristig das Format "Tatort Internet" am Donnerstag ins Programm gehoben: Co-Moderatorin und Ministergattin Stephanie zu Guttenberg stellte in Berlin die Sendung vor, in der potentielle Kinderschänder online aufgespürt werden sollen. 

Stephanie zu Guttenberg moderiert die Auftaktsendung von "Tatort Internet". Zur Großansicht
DPA/ RTL2

Stephanie zu Guttenberg moderiert die Auftaktsendung von "Tatort Internet".

Berlin - Als Präsidentin des Vereins Innocence in Danger kämpft Stephanie zu Guttenberg gegen sexuellen Missbrauch an Kindern. Es ist ein ernstes und bedrückendes Thema, dem sie sich da widmet. Und dafür scheint ihr fast jedes Mittel recht zu sein. Ihr Buch "Schaut nicht weg" stellte sie unlängst in der "Bild"-Zeitung vor, obwohl man dort mit nackten Brüsten Auflage macht. Nun hat sich die Ministergattin den Schmuddelsender RTL 2, bekannt für seine Trash-Formate, mit ins Boot geholt. Dort co-moderiert sie am Donnerstagabend um 20.15 Uhr die Auftaktsendung der zehnteiligen Reihe "Tatort Internet - Schützt endlich unsere Kinder". In einer Schule in Berlin-Charlottenburg stellte sie das Konzept der Sendung am Vormittag vor.

Im Mittelpunkt stehen diesmal nicht leicht bekleidete Popdiven wie Lady Gaga, die zu Guttenberg zuletzt kritisiert hatte, sondern echte Täter. Oder zumindest solche, die es werden könnten. RTL 2 findet die so: Mit fiktiven Chatprofilen werden potentielle Kinderschänder angelockt - und vor die laufende Kamera gezerrt. Der Trailer mutet wie ein Krimi an. Versteckte Kameras, verwackelte Bilder, schnelle Schnitte und dramatische Musik peppen die Doku auf. Eine 18-Jährige spielt den minderjährigen Lockvogel, ein Bodyguard beschützt sie dabei. Die Ministergattin hat nur einen kurzen Auftritt als Expertin, die vor unwissenden Kindern und Eltern warnt.

Selbst ein "Bild"-Journalist fragt nach der Vorführung vorsichtig, ob so eine effektheischerische Sendung denn wirklich das richtige Stilmittel für so ein ernstes Thema sei - dabei hatte seine Zeitung am Donnerstag die Sendung als Titelthema. Stephanie zu Guttenberg, die zu dem Termin in züchtigem schwarzen Hosenanzug erscheint, ist auf diesen Vorwurf vorbereitet. "Unsere Erfahrung ist, dass sich kein Mensch damit auseinandersetzen will", erklärt sie und wird nicht müde, sich für den "Mut" von RTL 2 zu bedanken, sich zur Primetime sexuellem Missbrauch zu widmen.

"Wir ziehen alle an einem Strang", sagt sie dann. Ziel sei die Aufklärung über die Gefahren, die im Internet für Kinder lauerten. "Die Menschen müssen lernen hinzusehen, auch wenn es wehtut." Das sei das "wichtigste Kriterium". Deshalb sei es für sie eine "Freude und Ehre", an der Sendung teilhaben zu dürfen. Unterstützung bekommt sie dabei von Udo Nagel. Der ehemalige Hamburger Polizeipräsident und Innensenator moderiert mit ihr die Sendung. Und auch er ist der Meinung, so ein Format müsse "zielgruppenorientiert" sein. "Bei einer langweiligen Dokumentation ohne Dramatik zappen die Leute weiter", sagt er.

"Der größte Tatort der Welt"

Gesicherte Zahlen über potentielle Kinderschänder, die sich im Netz herumtreiben, kann allerdings auch er nicht präsentieren. Experten gehen davon aus, dass 80 bis 90 Prozent der Taten im nahen sozialen Umfeld der Kinder stattfinden. "Natürlich ist der sexuelle Missbrauch in der Familie nicht zu unterschätzen", beeilt sich Nagel zu bestätigen. Warum sich die Sendung dennoch aufs Internet konzentriert? Es gehe um "Prävention", sagt Nagel. Schließlich tue sich im Internet ein neues soziales Umfeld auf.

"Pädokriminalität wird verstärkt von internationalen Netzwerken organisiert, die sich dabei digitaler Technologie bedienen", heißt es dazu blumig in der Pressemappe von RTL 2. Als "neues, investigatives Format" beschreibt der Sender das Magazin, das das Internet als angeblich "größten Tatort der Welt" in den Blick nehme. Erklärtes Ziel der Sendung ist eine Gesetzesänderung, die grooming, also sexuelle Anmache von Kindern im Netz, unter Strafe stellt.

Auch die Frau des Verteidigungsministers setzt sich dafür ein. Den Appell an die Politik darf an diesem Donnerstag aber Nagel übermitteln. Stephanie zu Guttenberg lächelt kurz und wirkt plötzlich ein wenig abwesend. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition erwähnt Nagel nicht - schließlich könnte das für Ehemann zu Guttenberg unangenehm werden.

Ärger droht der Sendung aber auch von den mutmaßlichen Tätern, die von RTL 2 vor laufender Kamera an den Pranger gestellt werden. Der potentielle Kinderschänder ist im Trailer nur kurz zu sehen. Gepixelt und mit verzerrter Stimme. Er gibt schließlich zu, mit dem minderjährigen Lockvogel unsittlich gechattet zu haben. Ob er wirklich Sex wollte, wie die sonore Erzählerstimme im Hintergrund immer wieder betont, sagt er nicht.

Bereits im Vorfeld hatte sich einer der überführten Männer gegen die Ausstrahlung gewehrt. Nun fürchtet der Sender weitere einstweilige Verfügungen. Auch deshalb hat man sich dafür entschieden, das Magazin so kurzfristig ins Programm zu nehmen. Um Publicity muss sich RTL 2 dank der prominenten Co-Moderatorin Stephanie zu Guttenberg nicht sorgen. Deren Einsatz sei "Gold wert", wie die Produzenten von "Tatort Internet" am Ende noch einmal betonen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 193 Beiträge
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1. widerlich...
readme74 07.10.2010
So sieht also der von der CDU angekündigte PR-Rundumschlag gegen das böse böse Internet aus... Einfach nur unterirdisch. Und so einer dilettantischen Rampensau wie Frau von und zu Guttenberg nun auch noch ihre eigene Fernsehsendung zu geben, das haut nun wirklich dem Faß den Boden raus. Was hat das mit Kinderschutz zu tun? Das ist Panikmache auf unterstem Niveau. Und nur mal zur Erinnerung: sexueller Umgang mit Kindern ist bereits seit Jahrzehnten strafbar - §176 StGB. Selbst der Versuch. Es GIBT keine Gesetzeslücken. Daß "niemand gern darüber sprechen möchte", ist erstens nicht wahr, zweitens ist es wohl vielmehr so, daß man inzwischen Frau Guttenbergs Plattitüden nicht mehr hören kann. Ihr inzwischen völlig geflopptes, mit abgeschriebenem Wikipedia-Wissen und übertriebenen, an den Haaren herbeigezogenen "Tatsachen" gespickt, war ihr wohl nicht genug. Es ist reine Propaganda. Frau Guttenberg und ihr Populistenverein Innocence in Danger machen sich hier mutwillig zum Werkzeug einer Dämonisierungskampagne der Union, um endlich doch noch Netzsperren und eine neue Vorratsdatenspeicherung durchzudrücken.
2. Publicity?
iosono3 07.10.2010
mir egal aus welchen gründen rtl das macht-oder frau guttenberg-hauptsache jemand tut überhaupt was.es gibt viel schlimmere und sinnlosere sendungen auf rtl2-und anderswo.ich schau es trotzdem nicht.
3. Treffend
Hercules Rockefeller, 07.10.2010
Das Wort "Rampensau" trifft bei der Frau vom Gutte wirklich zu. Werde die Sendung wegen dieser unmöglichen Person nicht anschauen. Wer meint, mit BILD und RTL2 eine Partnerschaft zur Rettung von Moral und Rechtsstaat eingehen zu müssen, nur damit man überhaupt gesendet wird, ist in meinen Augen nicht ganz dicht! Die Frau ist so dermaßen mediengeil, kein Wunder, dass ihr Macker dauernd auf Truppenbesuch ist.
4. agent provocateur?
roflem 07.10.2010
wie weit wollen die eigentlich noch gehen? scripted reality ist ja schon das Brechmittel überhaupt aber solche Inszenierungen wie hier beschrieben gehen ja wohl voll über den Rand der Legalität hinaus! Sowohl der Lockvogel als auch die darauf anbeissenden "Täter"....wieviel davon ist noch legal? Die werden sich noch wundern...
5. Rtl2
nonbeliever1911 07.10.2010
Ein Trashsender tut sich mit einer publicitygeilen CDU-Populistentante zusammen und raus kommt sowas. Als ich vorhin den Trailer sah dachte ich schon dass das ein Witz sien müsse, aber nein. Eine so offensichtlich dilletantische, unsachliche und schamlose Sendung habe ich bisher noch nie angekündigt bekommen. Es ist schon eine Schande ein so ernstes Thema auszunutzen um Einschaltquoten (oder wahlweise auch Umfragewerte oder Buchverkäufe)zu steigern - typisch CDU eben.
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