Von Arno Frank
Ein typischer Hartwich-Satz: "Man ist immer nur so alt, wie man sich anfühlt." Und dann steht da eine "89-Jährige". Steht einfach da in Unterwäsche und mit ausgebreiteten Armen, während Roberto Blanco ihren Körper befingert. Oberschenkel, Schultern, Brüste. Beide lächeln ziellos aneinander vorbei in die völlige Dunkelheit, in die sie für diese hochnotpeinliche Szene gehüllt ist. Der beliebte Schlagersänger muss das Alter der greisen Dame erraten. Ist nur ein Spiel mit den Graustufen der Nachtsichtkamera und einem Hauch von "Shades of Grey". Alle sind ganz albern und kieksen oft laut, wenn sie etwas Pelziges berühren. Wir sind bei "Total Blackout", ein in Lizenz hergestelltes Produkt der US-Fernsehindustrie, das am Samstagabend Premiere hatte.
Daniel Hartwich leiht der Sendung sein unverbrauchtes Gesicht. Wie Daniel Hartwich bei RTL überhaupt alles wegmoderiert, was nicht bei " drei!" wieder abgesetzt ist. Ein Dschungelcamp-Spezial, "Let's Dance", nach dem Ausscheiden von Marco Schreyl ganz allein "Das Supertalent" - und nun eben "Total Blackout - Stars im Dunkeln".
Bei den "Stars" handelt es sich um Gestalten wie Lorielle London, Liliana Matthäus, Dolly Buster, Roberto Blanco, Udo Walz, Jimi Blue Ochsenknecht und dessen Mutter Natascha. Das ist alles nicht unterhaltsamer oder depriminierender als das übrige RTL-Programm, zumal auf lästigen Lärm seitens Publikum oder Jury völlig verzichtet wird. Es herrscht eine konzentrierte Studioatmosphäre, in der sich Hartwich wie unter Laborbedingungen studieren lässt. Was hat der 34-Jährige, was andere Moderatoren nicht haben?
Leider in etwas völlig Idiotisches reingerutscht
Daniel Hartwich ist Daniel Hartwich. Er ist keiner dieser neuartigen Robotermoderatoren, die demnächst die Weltherrschaft an sich reißen werden. Er ist ein Mensch. Ein ehemaliger Germanistikstudent, der heute aussieht wie ein ehemaliger Jurastudent. Locker und flockig in Jeans, Turnschuhen und Jackett über einem weit ausgeschnittenen T-Shirt. Dazu die betont kantige und sehr schwarze Brille, die nicht als neckisches Accessoire eines Intellektuellen missverstanden werden soll. Für Hartwich erfüllt das Monstrum den Zweck, seine Augen dahinter zu verbergen. Sie schwimmen hinter den Gläsern wie fröhliche, blasse Fische.
Ebenfalls geschickt vom Gesicht ab lenkt seine jugendlich verwuschelte, gezielt auf "pfiffig" frisierte Sturmfrisur wie aus der "L'Oréal"-Werbung. Dynamik! Wer solche Haare hat, der fährt morgens ohne Helm mit dem Rennrad zur Arbeit. Und unser Mann hat diese Haare sogar auf der Brust - daher der weite Ausschnitt.
Hartwich umweht die tragische Aura eines Menschen, der in etwas völlig Idiotisches reingerutscht ist, das ihm dann aber doch Spaß macht. Vielleicht ist es genau diese leicht passiv-aggressive Förmlichkeit, die ihn für RTL so anziehend macht. Hartwich kann gegenüber Kandidaten die Geschäftsgrundlage seines Metiers ausplaudern, ohne mit der Wimper zu zucken: "Ihr tauscht eure Würde gegen ein bisschen Volksbelustigung. Kleiner Scherz."
Deshalb hat das mit seinem steilem Aufstieg schon seine Richtigkeit. Der Schelm moderiert noch die niedrigsten menschlichen Eigenschaften so linkisch und augenzwinkernd, dass man ihm einfach nicht böse sein kann. Häme wirkt nirgendwo so zeitgemäß harmlos wie bei Hartwich. Er passt in das Programm wie Arsch auf Eimer. Kleiner Scherz.
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