Es ist ein Dilemma. Wenn irgendwas "die Nation" spaltet, findet man sich oft unversehens auf der einen oder der anderen Seite wieder. Es gibt für diesen Effekt zahllose ernsthafte Beispiele - die Atomkraft etwa oder die FDP. Aber im leichten Fach ist diese Spaltung nirgendwo so gut zu beobachten wie bei "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Das Programm "polarisiert", wie die Profis sagen.
Und das macht seinen irrsinnigen Erfolg aus. Die Sendung treibt durch "die Gesellschaft" einen Riss so präzise und scharfkantig, dass man sich daran schneiden könnte. Die schweigende Mehrheit wendet sich schulterzuckend bis schaudernd ab. Die anderen haben sich nicht so und schauen halt hin. So wie man - wenn man ohnehin daran vorbeifahren muss - sich für ein paar Herzschläge am Blaulicht in der Nacht und an den ineinander verkeilten Wracks auf der Gegenfahrbahn ergötzt.
Zuletzt waren das durchschnittlich 7,45 Millionen Menschen, was einem Marktanteil von rund 30 Prozent entsprach. Das ist zwar keine Mehrheit, wäre in gewissen Konstellationen aber doch regierungsfähiger als die vielfach zersplitterte Gruppe der Nichtgucker. Beide Parteien haben voneinander keine sonderlich hohe Meinung. Verächter halten passionierte Zuschauer für Opfer von Verblendungszusammenhängen, passionierte Zuschauer die Verächter für miesepetrige Spaßbremsen.
Ich wüsste auch nicht, ob das nun "gut gemachtes Fernsehen" war. Oder was damit gewonnen wäre, es als solches zu bezeichnen oder ihm, umgekehrt, diese Güte abzusprechen. Es fand statt, das genügte. Zumal die Fronten zwischen den Exegeten klar waren: Hier charakterlose Sado-Hedonisten im Zustand fortgeschrittener Herzensverwahrlosung, dort bedenkenträgerische Abendlandbewahrer mit keimendem Magengeschwür. Hier Affirmation, dort Aversion.
Wir wussten, was uns erwartete
Im Niemandsland zwischen den Schützengräben nun hoppelten kaninchengleich Journalisten wie ich, die fürs Zuschauen "im Schweiße ihres Arschgesichts" (Josef Winkler) bezahlt wurden, wie die Kandidaten fürs Mitmachen. Wir durften uns also nachher nicht beklagen. Etwa darüber, wider Willen zu Komplizen der einen oder zu Anwälten der anderen Seite geworden zu sein. Oder darüber, wie mürbe einen das Zuschauen manchmal machte. Wir wussten, was uns erwartete.
Nun wussten meine Proletenfreunde oft nicht, was das Dschungelcamp eigentlich ist, weil sie wegen ihrer Frühschicht in der Wursthüllenfabrik um 22.15 Uhr schon im Bett lagen. Während mich Akademikerfreunde für meine Arbeit auf eine Weise bedauerten, die nicht von der Häme einer Sonja Zietlow zu unterscheiden war.
Welche Haltung wäre also einzunehmen? Vielleicht die, mit der ein Chirurg dem Tumor begegnet, den er gerade entfernt: professionelle Indifferenz. Damit macht man es sich einfach. Aber, Hand aufs Herz, das ist auch nicht einfacher als die linke Kulturkritik oder der rechte Kulturpessimismus. Beide bekamen das Problem immer nur so kurz zu packen, wie die entwischte Seife in der Badewanne.
Es dauerte bedenkliche zwölf Tage, bis ich die innere Haltung gefunden hatte, mit der sich das Dilemma halbwegs auflösen und die Macht des Faktischen ertragen ließ. Diese Haltung konnte nicht die des Meinungsritters sein, der auf dem stolzen Ross seiner guten Argumente mit weithin sichtbarem Federbusch am Helm seine Seite der Front abreitet, Lob verteilt, Übertretungen ahndet. Nein, ich musste mich als neutralen Meldegänger begreifen. Shit happened, ich erzählte davon - und vermied es möglichst, mitten hineinzutreten, um "eine Position" einzunehmen.
Wenn ein Format auf Spaltung setzt, ist die Spalte zwischen den beiden Seiten manchmal der einzig erträgliche Ort. Es ist ein verdächtig stiller Ort, um den die Fliegen kreisen.
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