Von Stefan Kuzmany
Es geht wieder los. Nur mal leise muss man anklingen lassen, sich vielleicht, also eventuell, und auch nur, wenn wirklich nichts anderes zu tun sein sollte, also überhaupt gar nichts anderes, dass man dann also unter Umständen ganz kurz mal hineinschauen würde, in die aktuelle Staffel von "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!", besser bekannt als das RTL-Dschungelcamp, aber nur ganz kurz - die Strafe folgt auf den Fuß.
Freunde wenden sich angewidert ab. Partnerinnen und Partner drohen mit Auszug. Kollegen schütteln mit dem Kopf. Ob man denn noch zu retten sei. Ob man denn gar kein Hirn mehr habe. Ob man denn nicht, wie jeder vernünftige Mensch, nur Arte und 3sat sehe oder schon längst sein Fernsehgerät abgeschafft habe.
Am Anfang der ersten Sendung 2011 standen die beiden Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow auf der bekannten Hängebrücke, von welcher aus sie jede Übertragung eröffnen - und reflektierten kurz darüber, ob es überhaupt ziemlich sei, die Sendung auszustrahlen. Kurz vorher hatte es in Australien Überschwemmungen gegeben.
Was für eine unschuldige Zeit das doch war. Der schlimmste Skandal war etwas Dioxin im Hühnerei, die schlimmste Naturgewalt eine mittelmäßige Überschwemmung am anderen Ende der Welt. Das Dschungelcamp eröffnete auf denkbar harmlose Art ein Jahr, das an Katastrophen, Krisen und Umwälzungen schwer zu überbieten sein wird. Darf man sich im Jahr 2012, in einer dramatisch veränderten Welt, überhaupt mit einem Quatsch wie dem Dschungelcamp beschäftigen?
Es sind Menschen von großer Lebensferne, die solche Fragen ernsthaft stellen. Man darf nicht nur - man sollte sogar.
Verzweifelter Kampf um Würde
Denn nirgendwo sonst im deutschen Fernsehen werden aktuelle Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen so pointiert einem Millionenpublikum nahegebracht wie im von RTL angemieteten australischen Dschungel. Stand die Staffel des vergangenen Jahres noch ganz im Zeichen der durch soziale Netzwerke ausgelösten Identitätsdebatte (Wie echt sind Menschen und deren Gefühle auf Bildschirmen?) ist vom diesjährigen Dschungelcamp nicht weniger zu erwarten als ein Anstoß für die stagnierende Debatte um den Bundespräsidenten. Naja, möglicherweise.
Anknüpfungspunkte gäbe es wahrlich genügend: Bei der Mehrzahl der diesjährigen Kandidaten handelt es sich um Menschen, die trotz durchschnittlicher Fähigkeiten nach höchsten Weihen streben und dafür jede Peinlichkeit in Kauf nehmen. Sie sind strauchelnde Aufsteiger, die vom bürgerlichen Glück träumen. Allesamt befinden sie sich in finanziell prekärer Lage und könnten kompetent über Probleme des Kreditwesens Auskunft geben. Und sie werden von der Öffentlichkeit schon lange nicht mehr für voll genommen - kämpfen jedoch verzweifelt um ihre Würde, beziehungsweise um deren Anschein.
Zweifellos werden sich die Dschungel-Insassen vor laufender Kamera um Kopf und Kragen reden, Versprechen abgeben und diese nicht einhalten, Privates preisgeben und verheimlichen und sich mehr oder weniger spannenden Prüfungen in der Öffentlichkeit unterziehen.
Klar, es kann sein, dass im australischen Dschungel kein einziges Wort über Wulff fallen wird. Durchaus möglich, dass die Zuschauer sich diesmal mit einer schrecklich langweiligen Ansammlung schrecklich langweiliger Menschen konfrontiert sehen, die einfach nur um ein Lagerfeuer hocken, wenig reden und nichts tun. Falls es anfangs so aussehen sollte: Lassen Sie sich nicht abschrecken! Denn höchstwahrscheinlich wird sich auch diesmal wieder eine vollkommen unabsehbare Handlung ergeben - eine echte Tragödie im falschen Urwald.
Es gibt nicht viele Orte im deutschen Fernsehen, die tatsächliche Überraschungen bieten können - das Dschungelcamp ist einer dieser wenigen. Die Ausgabe des vergangenen Jahres hat das bewiesen: Was als vermeintlich absehbares Spiel abgehalfterter Ex-Stars begann, entwickelte sich zunehmend zu einem echten Psycho-Kammerspiel um falsche Liebe und echte Tränen. Wer es gesehen hat, wird es nie vergessen. Wer es nicht gesehen hat, wird es niemals verstehen.
Wir werden sehen. Mögen die Spiele beginnen!
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