RTL-II-Kindersingen: Frau Schäfer und die lieben Zwerge

Von Daniela Zinser

Hol den Jugendschutz, da singen Kinder im Privatfernsehen! Das galt früher einmal. Doch grell geschminkte Minderjährige im Mini kamen in "Wer ist Deutschlands Bester?" auf RTL II nicht vor - Moderatorin Bärbel Schäfer hat dem Schmuddelsender eine reizende Show beschert. Halleluja!

RTL-II-Wettsingen: Alles so schön normal hier! Fotos
RTL II

Manchmal ist die Zukunft doch besser. Denn es war einmal in den neunziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts, da putzte eine komische blonde Frau kleine Mädchen und Jungen zu Erwachsenen heraus und ließ sie zur Musik großer Stars die Lippen und die Hüften bewegen. "Vorsicht, Pädophilie!", riefen die einen, "Was soll das denn?", die anderen. Die "Mini Playback Show" lief immerhin acht Jahre lang bei RTL.

Wenn heute der Schmuddelsender RTL II daherkommt und eine Castingshow für Kindersänger ankündigt mit dem wenig zur Bescheidenheit aufrufenden Titel "Wer ist Deutschlands Bester?", will man ja schon mal prophylaktisch nach dem Jugendschutz rufen. Und sieht dann doch staunend mit Wohlgefallen die dreistündige Show am Mittwochabend. Denn da treten normale Kinder in normalen Klamotten auf, singen richtig gut, und die blonde Frau heißt hier nicht Marijke Amado, sondern Bärbel Schäfer.

Wie beim Wet-T-Shirt-Wettbewerb

Schäfer moderierte das Ganze, und sie stört vor allem am Anfang. Weil sie noch nicht so ganz verstanden hat, dass das keine Nachmittagstalkshow ist, bauscht sie künstlich Emotionen auf, spricht ständig was von "knallharten Zweikämpfen" und von "jungen Herzen, die brechen". Ihr Co-Moderator für die Backstage-Gefühle, Milos Vukovic ("Unter Uns"), hat noch nicht ganz verstanden, dass er keinen Wet-T-Shirt-Wettbewerb in der Großraumdisco moderiert, lächelt aber einnehmend.

Egal, die beiden werden von den Kandidaten eh an die Wand geredet, gesungen und gespielt - und die Kinder stehen auch noch da und erzählen, wie nett sie einander finden und dass der andere den Sieg aber auch verdient hätte. Bei bundesweiten Castings wurden die zwölf Jungen und Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren ausgewählt. Sie traten erst in Duellen gegeneinander an. Die sechs Kleinen, die danach übrig waren, durften mit einem Promi-Paten auftreten, und im Finale sangen die letzten drei wieder allein. Alles an einem Abend. Das ist hübsch kompakt und wirklich unterhaltsam.

Da ist Henry, 13, aus Lübeck, der "Valerie" von Amy Winehouse singt, seinem Idol. Weil er noch nicht im Stimmbruch ist, sagt er. Und da sind die Männersongs zu tief. Da ist mal fix alles Gender-Problematisieren weggewischt. Die zehnjährige Celina speckt Lady Gaga aufs ganz Wesentliche ab und singt "Born This Way" mit Gitarre als eine Art moderne Nicole im Karokleidchen. Elias, 10, ist gerade bei den Regensburger Domspatzen aufgenommen worden und singt inbrünstig mit rollendem R Schuberts "Ave Marrrria". Gegen ihn tritt Marius an, ein zwölfjähriger Jürgen Drews, dessen Karriere als Alleinunterhalter schon gebucht ist.

Sogar die Jury ist sympathisch

Natürlich kann man sagen: Wie schlimm, die Kinder werden nur auf Erfolg und Show getrimmt, und tatsächlich waren einige schon bei anderen Talentshows, es gibt ja auch genug, von "My Name Is" über "Supertalent" bis hin zu "Dein Song" und so weiter. Aber "Wer ist Deutschlands Bester?" ist das, was man so selten sagen kann übers Fernsehen: nett und normal. Die Kinder sind mal schlagfertig, mal einfach stumm, sie brechen auf der Bühne in Tränen aus oder werfen vor Aufregung ein Wasserglas der Jury um. Sie tragen normale, altersgerechte Klamotten, und hinter der Bühne radebrechen die Eltern ihre Freude.

Sogar die Jury ist sympathisch. Komödiantin Ruth Moschner bringt treffende Analysen ("Henry, so wie du sähe Amy Winehouse aus, wenn sie nicht so viel saufen würden), Sängerin LaFee singt jedes Lied unterstützend mit, und Schauspieler Pete Dwojak rennt schon mal auf die Bühne, als eine ausgeschiedene Kandidatin weint: "Tut mir leid, ich wollte nicht fies sein zu dir." Es wird kurz und knapp ehrlich gelobt und konstruktiv kritisiert, wenn Töne verfehlt, zu wenig Gefühle reingelegt oder zu viele Gesten gemacht wurden.

Jedes Tamtam fehlt, das mag an manchen Stellen billig wirken - der Backstage-Bereich sieht aus wie die Lobby eines Zwei-Sterne-Hotels - nichts ist wirklich A-Klasse, aber auch die Paten, die Teenie-Band "The Black Pony", DJ Ötzi und Sängerin Bahar von der Ex-Castingband "Monrose", sind ganz da, treten bei ihrem Auftritt in den Hintergrund, um die Kinder groß rauszubringen. Da geht Domspatz Elias bei "Ein Stern" sogar ein bisschen aus sich heraus, Henry gibt mit "Scares and Bruises" perfekt The Black Pony. Roman lispelt sich durch Christina Stürmers "Ich Lebe" und zeigt, dass man mit 11 nicht wissen muss, was ein "Masorist" ist. Und Nils wirft sich, als er rausfliegt, erst mal weinend an die ausgestellte Brust seiner Mentorin Bahar.

Nix mit CD, "Cosmopolitan" oder großer Karriere

In der dritten Runde entscheidet das Publikum im Saal, welcher der drei Kandidaten nun "Deutschlands Bester" wird. Es ist Roman, der Lispler aus Riedstadt, der sich schon mal drauf einstellen kann, dass er in 15 Jahren so aussehen wird wie Juror Pete Dwojak. Das Ergebnis verkündet Bärbel Schäfer schnell und ohne all dieses Spannungsgetue. Und am besten ist vielleicht der Hauptpreis: ein Tag in Hamburg beim Musical "König der Löwen". Nix mit CD, "Cosmopolitan" oder großer Karriere.

In der nächsten Woche sucht RTL II dann wieder Kindertalente, diesmal die besten kleinen Tänzer und Akrobaten. Falls Eltern mitgucken wollen, können die sich schon mal eine Antwort auf die Frage zurechtlegen: "Mami, was ist Gleitgel?" Denn solche Werbung zwischen einer Kindersendung, also das hätte es in den Neunzigern nun wirklich nicht gegeben.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Hätte Spiegel Online...
sinnentleerter 21.07.2011
... diesen Schund nicht erwähnt, dann hätte ich nicht einemal von seiner Existenz gewußt. Also, hören Sie auf Plattform für geistlosen Müll sein...
2. Ich gebe keinen Titel mehr an
GyrosPita 21.07.2011
Ein 13-jähriger der Amy Winehouse als sein Idol bezeichnet? Das wäre aber in der Tat mal ein Fall für den Jugendschutz ;)))
3. .
Zavi85 21.07.2011
Immer noch besser als DSDS
4. .
frubi 21.07.2011
Zitat von Zavi85Immer noch besser als DSDS
Eine 90 minütige Aufnahme einer toten Ratte, die von Maden zerfressen wird, wäre besser als DSDS.
5. Ohh Gott
leser_81 21.07.2011
Und schon wieder so eine unterirdische Show ! Haben die Leute die sich so ein Schund anschauen nichts besseres zu tun?
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