Promi-Kegelabend auf RTL II Krämpfe

Ableckbestrafung, Gebärhockenwürfe und simpelste, witzlose Wörtlichkeit: Der RTL-II-Promi-Kegelabend war ein Debakel. Wer diese Sendung bis zum Schluss ausgehalten hat, in dem ist etwas zerbrochen.

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Für alle, die am Sonntagabend durch glückliche Umstände (Besuch der extrem bösartigen Schwiegermutter, anhaltender fontänenartiger Durchfall des Hausbernhardiners oder eigene Ohnmacht) vom Fernsehschauen abgehalten wurden: Stellen Sie sich einfach eine Rocky-Horror-Picture-Show-artige Ausgangslage vor.

Sie fahren mit Ihrem Auto bei weltuntergangsreifem Unwetter durch eine wenig anziehende Öd-Gegend, als die Nuckelpinne plötzlich ihren Geist aufgibt und Sie zu Fuß weiter müssen.

Das einzige beleuchtete Gebäude, an dem Sie irgendwann vorbeikommen, ist eine Art Gemeindehaus. Zögerlich öffnen Sie die knarzende Tür - und treffen auf die Dorfbewohner, die sich dort zu einem Kegelabend versammelt haben.

Teils sind sie wunderlich anzusehen, teils wirken sie bestürzend tumb. Sie wollen gerade gehen, als Sie merken, wie hinter Ihnen die Türe verriegelt wird, und Sie den Anführer sagen hören: "So, der Robert Geiss kommt jetzt auch mal zum Lecken her!"

So ungefähr war das am Sonntagabend beim Promikegeln von RTL II, live aus dem Eventpalast Winterberg im Sauerland.

Einer fast schon faszinierend lieblosen, langatmigen und fremdschamfröstel-intensiven Veranstaltung, deren größtes Problem noch nicht einmal ihr Personal war, das sich, wie es sich für eine RTL-II-Veranstaltung gehört, aus Eigenproduktionen speiste: Natürlich die Geissens, die Lombardis, der unvermeidliche Auswanderer Conny Reimann, welche vom "Trödel-Trupp", von "Zuhause im Glück", irgendwelche Fitness-Fredis und Darsteller aus der Schlichtsoap "Köln 50667".

Das wäre ja noch irgendwie okay gewesen, ähnlich wie seine Verwandtschaft kann man sich als TV-Sender ja auch sein Ensemble nicht aussuchen (na, eigentlich doch).

Schade nur, dass "Frauentausch" kein Team stellte, bestehend aus Allstars wie Erdbeerkäse-Ekelhaff-Nadine. Und überhaupt schade, dass nicht das Konzept umgesetzt wurde, welches einem beim Hören des Begriffs "Promikegeln" reflexhaft als erstes in den Kopf kommt: Mit breitem Klebeband in Pinform fixierte Fernsehbekannte, die in Formation gebracht und dann mit einer riesigen Kugel, nun ja, umgekegelt werden.

Eintänzer auf einer Mosel-Flusskreuzfahrt

Was war nun so schlimm?

Zuerst einmal die Moderatoren. Giovanni Zarrella, am ehesten bekannt als Brosis-Mitglied, moderierte semiroutiniert ölig wie ein Eintänzer auf einer Mosel-Flusskreuzfahrt mit "ich bin so Italienisch, ich liebe blonde Frauen"-Auswürfen.

Co-Moderatorin Sandra Schneiders malte derweil wie ein braves Assistenzweibchen die erkegelten Punkte an eine Tafel und las zum Auftakt die Wikipedia-Definition für Kegeln vor - warum ist es im Jahr 2016 immer noch so undenkbar, sich das in vertauschten Rollen vorzustellen?

Schlimmer noch war aber die generelle Haltung der ganzen Chose, die sich schon in den Einspielern der Kandidaten-Vorstellungen zeigte. "Mit Kugeln kenne ich mich aus. Allerdings haben meine zwei mehr gekostet als die ganze Bahn hier", betete die brustoptimierte Carmen Geiss ihr Simpel-Verslein her. "Ich bleibe bei der fünf", sagt sie einmal ihren nächsten Wurf an. "Die hat mir einmal Glück gebracht und einmal Unglück, und nach Unglück kommt wieder Glück." "So ist es mit dem Regen und der Sonne auch", sagt Moderator Zarrella. Krämpfe.

Willkommen in der Stumpfhölle, wo es keinen Witz, keine zweite Ebene, keinen doppelten Boden, keine geistige Tapetentür gibt.

Wenn ein Pudel geworfen wird, die Kugel also in der Bahnrinne landet, muss das Saalpublikum pinkfarbene Schilder mit einem - ach was: Pudel - darauf hochhalten. Bei so viel fahler Wörtlichkeit wünschte man sich zu Hause schon, es würden vielleicht alternativ bei jedem Nullwurf die noch lebenden singenden Jacob-Sisters mit ihrer Pudelschar auf die Bahn marschieren (um sich im selben Moment dafür zu schämen).

Bereit für Promi-"Spitz pass auf!"

Sehr lang konnten einem die mittelmäßig spannenden Kegelvorgänge werden, abgesehen von wenigen stilistischen Ausreißern wie Sarah Lombardi, die ihre Kugel in einer Art beidhändiger Gebärhockeposition auf die Bahn wuchtete. Diese Gleichförmigkeit ist aber kein generelles Problem, am Abend zuvor hatten hervorragende Einschaltquoten bei "Ninja Warrior Germany" bewiesen, dass der Zuschauer durchaus bereit ist, sich in wohliger Einlullung 28 Mal denselben Parcours anzusehen. Bisschen interessant muss das Ganze halt sein.

Statt für "interessant" hat man sich bei RTL II allerdings doch lieber für "behämmert infantil" entschieden.

So kindisch sind vor allem die Bestrafungen für einen Pudel, dass sich vermutlich auch 14-Jährige, die halbwegs bei Sinnen sind, weigern würden, sie auszuführen: Jeder im Team muss ein Bier exen. Jeder muss eine Zitrone essen. Jeder muss sich selbst ein Haar rausreißen. Jeder muss sich fünf Minuten Sprühsahne in den Mund drücken ("Applaus für die Sahne!", jubelte Moderatorin Schneiders). Jeder muss an drei Dingen lecken, die auf dem Tisch stehen (es traf die lieblos züngelnden Geissens). Das Allerdümmste dabei: Irgendwann ist Schluss mit den Pudel-Bestrafungen, obwohl noch viele, viele Nuller geworfen werden - aber die vorbereiteten Bestrafungsideen sind ausgegangen. Schade, es hätte vielleicht noch jemand einen Regenwurm essen oder man sich gegenseitig die Flusen aus dem Bauchnabel pulen können.

Dabei müsste eine Formatidee wie das Promikegeln nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt sein, gemäß einer philosophischen Einlassung von Pietro Lombardi: "Ich finde Mängel ganz gut, weil Mängel können behoben werden. Wenn die nicht da sind, können sie auch nicht behoben werden. Logisches Denken!"

Das Gute am gestrigen Fernsehabend darf man zum Schluss auch nicht verschweigen: Wer die ganzen vier Stunden bis Mitternacht durchgehalten hat, in dem ist etwas so nachhaltig zerbrochen, dass er nun alles überstehen wird. Das große Promi-"Spitz pass auf!", Die große Promi-Steuererklärung, Das große Promi-Fischstäbchenbraten, Das große Promi-Denken - bring it on.

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Phi-Kappa 01.08.2016
1. Nachhaltig zerbrochen
Rützel, du warst schon mal besser. Ist dein Wortwitz womöglich nachhaltig zerbrochen? - Gute Besserung!
Bitjaeger 01.08.2016
2. Trashartikel über Trash TV
Ich habe den Artikel nur überflogen... Ein Trashartikel über Trash TV... Warum muss über Müll noch geredet werden? Ignorieren dieses Formats wäre die beste Variante. Die Autorin scheint sich aber beruflich mit Trash TV zu beschäftigen... Mein Beileid
zynik 01.08.2016
3.
Wer diese Sender konsumiert, hat ehrlich gesagt auch nichts anderes verdient.
meineidbauer 01.08.2016
4.
Wer solche Formate erträgt, in dem war schon zuvor etwas zerbrochen, der Rest hätte sich dabei erbrochen.
frenchie3 01.08.2016
5. Eine Frechheit
da auch nur irgendwie auf Rocky Horror zu kommen. Selbst wenn man könnte, so rein ablauftechnisch. Hätte es wenigstens dann auch das Ende gegeben, man hätte verzeihen können. Aber so? Ein Glück daß die Geißens dabei waren, da kommt mir nicht mal im Tremens Delirium der Gedanke das einzuschalten. Ich hab das "Robeeeert" auf Band. Sobald ich Mäuse im Keller sehe spiele ich das zwei mal ab. Mindestens 4 Wochen mäusefrei danach!! Voll Bio und rückstandsfrei
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