RTL-Programmstrategie: Mesut Özil und Conchita Wurst

Von und Arno Frank

Miese Quoten bei RTL: Der Fußball soll's richten Fotos
DPA

Wildlife-Trash, Kuppelshow, Bohlen-Casting: Die alten Formate ziehen nicht mehr wie früher, RTL gehen die Zuschauer flöten. Jetzt soll es eine Info-Offensive richten. Und König Fußball.

Als alles vorbei war, erklärten ARD und ZDF gemeinsam und spürbar pikiert, sie hätten "sich mit einem fairen und marktgerechten Angebot" beworben, "aber auch gemeinsam eine klare finanzielle Obergrenze definiert". Ganz anders trompetete RTL-Sportchef Manfred Loppe: Sein Sender habe "quasi in der Nachspielzeit des Finales um die Rechtevergabe genau im richtigen Moment den entscheidenden Pass gespielt. Tor, Abpfiff und Riesenjubel in der RTL-Kurve".

Wahrscheinlich muss man sich die Vergabe der Übertragungsrechte an den Qualifikationsspielen der deutschen Nationalmannschaft für die EM 2016 und die WM 2018 wie eine dramatische Auktion vorstellen. Was immer die Platzhirsche in der ersten Reihe boten, der Außenseiter zog mit - weil er's nötig hat. Der Gott der Quote ist bekanntlich "mächtiger als jeder Rundfunkrat" (Friedrich Küppersbusch) und RTL nicht mehr so gewogen wie früher.

Der Sender schwächelt, im Mai war sein Marktanteil mit unter 14 Prozent bei der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen auf einem historischen Tiefstand angelangt. Besonders schmerzen Pleiten bei eigenen Shows. Einer Kuppelshow mit eingebauter Schwiegermutter ("Mama Mia - Wer heiratet meinen Sohn?") gehen pro Sendung 650.000 Zuschauer flöten, hier wird wohl bald unter Ausschluss der Öffentlichkeit gesendet. Quotentechnisch ähnlich verheerend entwickelt sich das Geplansche mit wiederverwendbaren Fernsehgeschöpfen ("Pool Champions"). Immerhin schalteten da zum Start jeweils Zuschauer ein, um es das nächste Mal bleiben zu lassen.

RTL will "journalistisch" werden

Die Wildlife-Realityshow "Wild Girls - Auf High Heels durch Afrika" mit dubiosen Promis wie Conchita Wurst mochten zum Auftakt nur 1,51 Millionen Menschen in der "werberelevanten Zielgruppe" der 14- bis 49-Jährigen folgen - insgesamt waren es an die drei Millionen Zuschauer. Das erklärt die immer lauteren Rufe von RTL nach einer Neudefinition der Zielgruppe; gerne würde man jetzt die "14- bis 59-Jährigen" für werberelevant erklären.

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Wüstencamp "Wild Girls": Die RTL-Resterampe
Nicht nur neuer Unsinn, auch bewährter schneidet immer schlechter ab. Wer früher "Rach - Der Restauranttester" sehen wollte, hatte wohl am Ende genug - das Format schmierte ab. "Das Supertalent" mit Dieter Bohlen und Thomas Gottschalk verlor ebenfalls Folge für Folge Zuschauer und unterlag regelmäßig der Konkurrenz von Stefan Raab. Und das ehemalige Flaggschiff "Deutschland sucht den Superstar", mit Bohlen am Steuer, musste sich im Finale seiner 10. Jubiläumsstaffel gegen eine Episode des ARD-Senioren-Softkrimis "Donna Leon" geschlagen geben.

Nun hatte die ehemalige Senderchefin Anke Schäferkordt schon 2012 vorausgesehen, dass sich der Markt "normalisieren" werde. Dass er sich nun aber gar so sehr "normalisiert", dürfte auch ihren Nachfolger Frank Hoffmann nervös machen. Der präsentierte am Mittwoch im feinen Hamburger Hotel Atlantic das Programm für die nächste Saison und redete nicht drum herum, dass sich die Quoten verschlechtert haben. Der neue Kurs von RTL: Information und Journalismus.

Plauschen mit Steinbrück

Das sieht vor der Wahl zum Beispiel so aus: Man beruft einen 20-köpfigen RTL-Wählerrat ein, der, so die Hoffnung des Senders, "den Bürgern und ihren Anliegen ein Gesicht gibt". Der Wählerrat (oder Teile davon) wird auch dabei sein, wenn RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel unter dem Motto "Meine Wahl - an einem Tisch mit..." mit Peer Steinbrück (18. August) und Angela Merkel (25. August) plaudert. RTL wäre aber nicht RTL, wenn in dieser "intimen" Gesprächssituation nicht auch noch ein paar spezielle Sendernasen dabei wären: Bei Steinbrück wird Joachim Llambi mittalken, der vor allem als Moderator der Tanzshow "Let's Dance" bekannt geworden ist. Bei Merkel, weshalb auch immer, der Fernsehkoch Christian Rach.

Apropos Sendernasen: Weil fast alle Unterhaltungskonzepte zuletzt gescheitert sind, setzt man auf zwei gute Bekannte: Bei "Die Zwei - Gottschalk & Jauch" werden die beiden Oldtimer in Action- und Quiz-Runden gegen das Publikum antreten. Wirkt ein bisschen abgekupfert bei "Schlag den Raab" - wobei die "phantastische" Siegerprämie von 100.000 Euro deutlich unter den Gewinnchancen im Millionenbereich bei ProSieben liegt.

Beim RTL-Fußball müssen ganz andere Summen geflossen sein. Der genaue Preis ist ein Geschäftsgeheimnis. Für ein ähnliches Paket vor zwei Jahren zahlten ARD und ZDF geschätzte 175 Millionen Euro an den DFB.

RTL-Sportchef Manfred Loppe versprach am Donnerstag "absolut seriöse Fußball-Berichterstattung mit dem entsprechenden Know-how". Und während man sich noch wunderte, warum er die Kompetenz betonte, fügte er hinzu: "Aber natürlich auch mit Elementen, bei denen man zumindest schmunzeln darf."

Klingt fast wie eine Drohung.

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insgesamt 86 Beiträge
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    Seite 1    
1. Viel Glück
nano-thermit 11.07.2013
Das Problem ist, dass immer weniger den Nachrichten glauben schenken und dadurch das Interesse verlieren. RTL könnte nur dann
2. Der ÖRR ist überlegen
spon-facebook-10000579774 11.07.2013
Dieses Unterschichtenfernsehen ist unterste Schublade und kann mit der erleuchtenden Programmvielfahlt des ÖRR nicht konkurrieren. Dort wird man mit Qualitätsprogrammen in Gestalt von "Sturm der Liebe", "Marienhof", "Brisant" und dem "ZDF-Fernsehgarten" nur so überschüttet. Ich darf ehrlich sagen, dass es mir bisher nicht möglich den ÖRR einzuschalten, ohne um 10% intelligenter zu werden. Heil dir ÖRR, der du stets gibst und niemals nimmst (was man auch an den vielen verarmten Intendanten, Rundfunkräten und Moderatoren dieser Bildungseinrichtung sieht).
3. Schrecklich!
romeov 11.07.2013
...die Sendungen sind eh schon unterstes Niveau und ganz schlimm sind Sportübertragungen. Boxen macht auf RTL überhaupt keinen Spaß, zum Glück kann man im Moment noch nicht die Pausen hinauszögern, Fußballspiele - Übertragungen werden 12 Std. vorher beginnen, um schnell 50 Werbeblöcke reinzudrücken. Zum Glück gibt's für Formel1 eine Alternative nämlich SF (CH).
4. Rach bei Merkel
noalk 11.07.2013
Warum? Weil Rach Saarländer ist, wie Erich Honecker. Ein Schelm, wer ...
5. Einfach
nano-thermit 11.07.2013
Niemand glaubt den Nachrichten mehr, jedenfalls die meisten. RTL ist auf Dieter Bohlen eingeschlafen oder bietet übelsten Schund. Simpel betrachtet: nehmen wir jessy Venturas Sendung auf True tv. Er sagt die Wahrheit, forscht nach und findet immer Beweise. RTL kann das Format nicht übernehmen denn er sagt die Wahrheit über den 11. September zum Beispiel. ABER, würde RTL tatsächlich große Zweifel wecken, zB am 11. September, sowie jessy Ventura es macht, wurde die deutsche Presse natürlich sofort gegensteuern müssen, denn die Wahrheit ist ja fest von oben definiert, wenn auch völlig unschlüssig. Das wurde RTL den Aufschwung geben, Menschen hätten jemanden der die Interessen des Volkes vertritt, nicht die der Banken, der politischen Korruption etc. Es wäre auch mehr Wert als der tolle Focus Money Artikel "wir glauben euch nicht" der im Januar 2010 auch die Wahrheit über viele Merkwürdigkeiten zum 11. September ansprach, aber natürlich ignoriert wurde von sämtlichen Presseorganen. RTL ist zu groß um ignoriert zu werden. Wahre Wahrheit in Zeiten dieser Banken freundliche. Krisenzeiten trifft genau den wunsch Millionen von EU Bürgern. RTL, fin alles und werde Nummer eins. Klare das Volk auf und die Werbung wird nach kurzem Schock zwangsläufig dem Erfolg und dem Geld folgen. Einziges Problem RTL? Ihr dürft die Wahrheit leider nicht sagen und abgesteckte Wahrheit ist wie auf pro7 ein Langweiler.
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