RTL-Quotenhit "Let's Dance": Tanz, Bär, tanz!
Sie verzaubern die Welt, so wie es RTL gefällt: Mit "Let's Dance" haben die Illusionskünstler des Kölner Senders eine Show geschaffen, die vollkommen frei von Häme und Voyeurismus ist - und doch bestens im Verbund mit "DSDS" und "Dschungelcamp" funktioniert. Ein Lobgesang.
Wer zwei möglichst unglamouröse Vertreter des hiesigen Unterhaltungsgewerbes sucht, landet mit ihnen Volltreffer: Moritz A. Sachs spielt seit einem viertel Jahrhundert den Klausi Beimer in der "Lindenstraße", der Fernsehsendung gewordenen Mietskaserne des ARD-Vorabends. Maite Kelly ist die kleine Pummelige vom deutsch-irischen Tingeltangelclan Kelly Family, einst Schrecken aller Fußgängerzonen. Zuletzt sang sie neben Uwe Ochsenknecht in dem Musical "Hairspray", auch nicht schön.
Die Chancen von Sachs und Kelly, sich in die obersten Ränge der deutschen Fernsehunterhaltung hochzuarbeiten, hätte man bis vor kurzem auf Null eingeschätzt. Dann kam RTL, steckte die beiden in Lametta-Röckchen und Spandex-Höschen, stellte ihnen durchtrainierte Tanzpartner zur Seite - und machte sie zu Stars der vierten Staffel der Tanzshow "Let's Dance", jenem Format, in dem zuvor schon die ebenfalls nicht des Glamours verdächtigen Heide Simonis und Hillu Schwetje (ehemals Schröder) ihre Version des Paso Doble präsentierten.
Aber schalteten viele Zuschauer die aktuelle Staffel der Show nicht nur ein, um Sachs und Kelly scheitern zu sehen? Vielleicht. Die beiden taten aber eben dies nicht, und das lag auch an dem Sender RTL selbst, der den beiden alle Chancen gab, über sich hinaus- und in neue Rollen hineinzuwachsen.
Wenn der auf den ersten Blick so tapsig erscheinende Sachs Tango tanzt, zeigt er auf einmal Schneid; legt Kelly eine Salsa-Nummer hin, ist ihr Körper nur noch Rhythmus und Anmut. So haben sie ihren Weg gemacht, 5,47 Millionen Menschen schauten ihnen bei ihrem letzten Auftritt zu. Nun stehen sie sich im Finale von "Let's Dance" gegenüber, die Quoten werden mal wieder sensationell sein. Das Bärchen und die Brumme, durch den RTL-Hit sind sie echte Hingucker geworden.
Gebt dem Zwei-Meter-Kind einen Lolli!
Wir schreiben das übrigens ohne jede Ironie. Die verbietet sich nämlich, wenn es um "Let's Dance" geht. Die Verzauberung der Welt kommt hier ganz RTL-untypisch daher. In dieser Sendung fehlt eigentlich alles, was andere Selbstüberwindungs- und Selbstvernichtungsformate auszeichnet: Es gibt keinen wortwitzverbrämten Voyeurismus, keine alliterierende Häme, keine arglistigen Vorführungen.
Wenn in dieser Sendung jemand schlecht wegkommt, dann ausnahmesweise mal die Jury und die Moderatoren selbst. Denn statt die Kandidaten zusammenzustauchen, beleidigen sich lieber die Punktrichter untereinander. Und Mitleid muss man höchstens mit dem Moderator Daniel Hartwich haben, einem infantilen Geschöpf in einem Zweimeterkörper, dem man am liebsten einen Lolli in den Mund schieben würde, auf dass endlich seine Fiepstimme verstumme. Gegen so einen können die Kandidaten ja nur gewinnen. Und man darf sich sicher sein, dass die Macher von RTL das genauso geplant haben.
Denn die supersympathische Sendung gehört zu einer Show-Trias, deren beiden anderen Teile weniger sympathisch sind: Den Tanzwettbewerb "Let's Dance" kann man nur im Zusammenhang betrachten mit den RTL-Erfolgsformaten "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) und "Ich bin ein Star - holt mich hier raus", denen er symbiotisch verbunden ist.
Der Himmel ist eine Studiodecke
The Good, the bad and the ugly: Jede der drei Sendungen erfüllt ihre Aufgabe, aber es kommt durchaus vor, dass die Protagonisten dieselben sind. So brachte es "Der Checker", der zuvor "DSDS" überlebt hat, als Tanzkandidat und Travolta-Double bis ins Vorfinale von "Let's Dance", und natürlich durfte Pietro Lombardi, der frisch gekürte Gewinner aus Dieter Bohlens Demütigungsshow, bei der letzten Ausgabe des Tanzwettbewerbs gleich mal seine neue Single vorstellen.
RTL hat sich eine Welt mit eigenen, zugeben nicht immer langlebigen Helden gebaut. Die Konkurrenz kann nur staunen darüber, welche sensationelle Zuschauerzahlen in dieser Parallelwelt eingefahren werden. Denn nicht zuletzt Formate wie "DSDS" - in der letzten Staffel schloss man gefährlich zum einstigen Quotenwunder "Wetten dass..?" auf - sind dafür verantwortlich, dass RTL Marktführer in Deutschland ist.
Besser organisiert ist wohl keiner der großen Sender; man hat sich eine Kunstwelt geschaffen, die nach ganz eigenen Gesetzen funktioniert. Im Interview erzählte jüngst der Schauspieler und Unterhaltungshasardeur Matthieu Carrière, der sowohl bei einer früheren Staffel "Let's Dance" als auch bei der letzten des "Dschungelcamps" mitgemacht hat, wie er einmal im Morgengrauen im Busch aufgewacht ist und sich fragte, ob das jetzt wirklich der Himmel über Australien oder doch nur die Decke eines RTL-Studios sei.
Eine andere Frage in Bezug auf den RTL-Showdreier lautet: Ist das jetzt alles zusammengenommen böser Trash oder große menschenfreundliche Illusionskunst? Eines steht fest: Sachs und Kelly werden sich heute in den Himmel tanzen. Dass es vielleicht nur eine blau angepinselte Studiodecke ist, nimmt der Sache nicht ihren Zauber.
"Let's Dance: Das große Finale", Mittwoch 20.15 Uhr, RTL
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- Mittwoch, 18.05.2011 – 15:54 Uhr
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