Nackt-Show "Adam sucht Eva" "Ey, drückst du dir die Nippel ein oder was?"

RTL zeigt nackte D-Promis am Südseestrand. Schon die erste Folge der neuen "Adam und Eva"-Staffel machte klar: Ernsthafte Debatten über Sexismus oder Homophobie bringt dieses Format nicht mehr hervor.

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Es ist ein wenig wie in einer Dystopie, in der die Menschheit wegen sexueller Unlust auszusterben droht. Höhere Mächte versuchen nun, Männer und Frauen wieder zum Beischlaf zu bewegen. Zur Anbahnung werden sie auf eine polynesische Insel verbannt. Da gibt es weichen Sand, warmes Wasser, gekühlten Champagner und glattrasierte Geschlechtsteile. Ein Traum.

Ein Albtraum, versteht sich. Zöge, wie in dem schwachsinnigen Horrorklassiker "Blood Beach", ein monströser Riesenkrake unter dem Strand die Kandidaten und Kandidatinnen der Reihe nach in den Tod, wäre "Adam sucht Eva" eine vielleicht weniger albtraumhafte, sicher aber unterhaltsamere Erfahrung. Dabei hatte RTL im Vorfeld gedroht, es würden neben "Normalos" diesmal auch Prominente "blank ziehen". Also verglühte Sternchen, verurteilte Kriminelle, verhaltensauffällige Exhibitionisten - sowie der rechtspopulistische "Richter Gnadenlos" Ronald Schill, der all diese Eigenschaften auf sich vereint.

Es gibt eine "Insel der Versuchung", wo alle zusammen im Schatten auf Matratzen liegen und sich nichts zu sagen haben. Hin und wieder wird geduscht und darum gebeten, jemandem den Rücken einseifen zu dürfen oder selbst den Rücken eingeseift zu bekommen.

"Das ist … geil. Echt. Geil"

Manchmal paddelt ein Einheimischer in diese unheilvolle Mischung aus FKK-Urlaub und Open-Air-Swingerklub und bringt beschäftigungstherapeutische Erleichterung in Form eines Umschlags. Die Kandidaten sind elektrisiert: "Oh, ein Umschlag!" - "Oh, okay. Na, dann schlag ihn doch mal auf!". Die "Challenge" besteht dann nicht etwa darin, an einem weißen Hai vorbei auf dieses Riff dort draußen zu schwimmen. Sondern darin, ein rohes Ei auf einem Löffel zu balancieren - was den FKK-Urlaub und den Swingerklub um einen Kindergeburtstag ergänzt.

Bei anderen Gelegenheiten müssen sich die Frauen von den Männern tragen lassen, was den Frauen nicht so richtig behagt. Überhaupt scheinen die Frauen keinen rechten Spaß an der Sache zu haben: "Ich befürchte, dass ich unabsichtlich ganz, ganz viele Geschlechtsteile zu spüren bekomme" - und diese Befürchtung ist nicht unbegründet. Aber dann lässt der wahnsinnige Jesse aus Saarbrücken sein Gemächt mit rhythmischen Bewegungen doch nur Zentimeter vor ihrem Gesicht kreisen, anstatt sie damit zu ohrfeigen - alles halb so wild.

Und nicht annähernd so schmierig wie "Normalo" Max, der "als Trumpf" einer Angebeteten seine Gedichte vorliest. Die kann nicht anders, als die emotionale Erpressung anerkennend zu honorieren, was den Gockel glücklich macht: "Danke, Iwona, das macht mir so richtig schön - wie nennt man das? - so Schmetterlinge im Bauch, ich muss dich auf jeden Fall umarmen".

Die Konkurrenz ist da rustikaler: "Bei meiner Eva würde ich direkt auf die Pflaume schauen". Ein anderer "Normalo" gibt sich kulant: "Lange glatte Haare wären schon, dann wäre ich auch bereit, über kleine Bürste oder kleine Hintern hinwegzusehen". Auf der Insel sind die Rollen noch so verteilt, wie Gott sie mal verteilt hat. Die Frau solle zu Hause bleiben und abends das Essen auf den Tisch stellen. Obwohl, einkaufen gehen darf sie, "dann kommt sie ein bisschen raus, sieht mal ein bisschen Butter und so".

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Adam sucht Eva: "Der Schniedel hat mir sehr gut gefallen"

Spürbar ist immerhin eine gewisse Neugier der Geschlechter aufeinander: "Bist du so pornomäßig unterwegs?" - "Warum? Weil ich das neue Gesicht der Erotikmesse Venus bin?". Auch geht es bisweilen zarter, berührender zu zwischen Mann und Frau: "Ey, drückst du dir die Nippel ein oder was?" - "Ja, die sehen dann schöner aus", melancholische Pause: "Für eine Weile, wenigstens." Frauen dagegen reden so: "Ich hab bei DSDS mitgemacht, und dann bin ich Playboy-Covergirl geworden" - "Das ist … geil. Echt. Geil."

Stelzen sich wiederum zwei nackte Männer am Strand entgegen, lässt sich ein majestätisches Naturschauspiel beobachten. Dann machen sie einander mit flackerndem Blick und der gestischen Beredsamkeit von Berggorillas klar, dass sie nicht schwul sind und auch nicht beabsichtigen, "das Ufer" zu wechseln.

Stellenweise fühlt sich "Adam sucht Eva" an, als improvisierten lobotomierte Laiendarsteller beiderlei Geschlechts über Begriffe wie Sexismus und Homophobie; dass sie das nackt tun, macht die Sache beinahe bedrohlich. Glücklicherweise sind noch Kameras da, die fangen alle nächtlichen Übergriffe und sogar Erektionen ein und - husch! - senden sie einfach weg.

Ronald Schill ist in der ersten Folge übrigens noch gar nicht aufgetaucht. Was schade ist, denn der Mann kann wenigstens noch halbwegs gebildet daherreden. Er wird also fraglos das Niveau von "Adam sucht Eva" heben. Oder wenigstens die Zeit überbrücken, bis endlich die monströse Riesenkrake erwacht.



insgesamt 87 Beiträge
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romeov 02.10.2016
1. Alles ist geil
...supi, krass und cool. Diese Ausdrücke reichen, um ein zweistündiges Unterschichtenprogramm zu bestreiten. Das wissen wie doch schon alles. Aufgeregt Debatten über Sexismus oder Homophonie gibts dann über drei Monate lang jeden Tag in den ÖR, wenn das Thema gerade wieder mal "in" ist.
SanchosPanza 02.10.2016
2. Wer guckt das?
Ein neuer Tiefpunkt im deutschen Fernsehen. Wer guckt sowas außerhalb finanzieller und intellektueller HarzIV-Milleus? Und warum berichtet der SPON darüber unter dem billigen Vorwand einer fehlenden "Sexismus-" oder "Homophobiedebatte? Wer schaltet dort Werbung außer Anbietern von Billigbier und Tielfkühlpizza? Fragen über Fragen ...
Antalyaner 02.10.2016
3.
über Sexismus oder Homophobie bringt dieses Format nicht MEHR hervor". Das Wörtchen " mehr" suggeriert, als ob es schon jemals bei den Trashsendern eine ernstzunehmende Debatte gegeben hätte. Na ja, wers glaubt, wird selig.
betonklotz 02.10.2016
4. Die Rubrik passt nicht richtig.
Ich habe zugegebenermaßen so auf die Schnelle auch keine treffende Kategorie parat (gerne Vorschläge dazu), aber trotzdem gehört m.M.n. ein Bericht über so ein Medienerzeugnis nicht in die Rubrik "Kultur".
der_unbekannte 02.10.2016
5. Unterschichtenprogramm
als was anderes kann man dieses Fernsehprogramm nicht mehr bezeichnen. Aus diesem Grund habe ich vor ein paar Jahren die Reißleine gezogen und meinen Fernseher abgeschafft. Ich vermisse nichts, nun habe ich vielmehr Zeit für wichtigere Dinge als mir so einen Mist anzuschauen.
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