RTL-Spektakel Willkommen zur ersten Dschungeltextprüfung

In der ersten Folge des RTL-Dschungelcamps gab Mathieu Carrière den abgebrühten Maden-Profi, während Rainer Langhans die Rolle des seltsamen Einzelgängers zukam. Wie schreibt man darüber mit Niveau, fragte sich Stefan Kuzmany - und stellte sich seiner ganz eigenen Dschungelprüfung.

Dschungelcamp-Kandidaten: Elf Insassen, drei Kategorien - und Rainer Langhans (2.v.l.)
DPA/RTL

Dschungelcamp-Kandidaten: Elf Insassen, drei Kategorien - und Rainer Langhans (2.v.l.)


Dies ist die letzte Warnung. Wissen Sie genau, worauf Sie sich hier einlassen? Wollen Sie das wirklich? Haben Sie sich das gut überlegt? Ja? Also schön. Willkommen zur ersten Dschungeltextprüfung. Sie kennen die Regeln: Wenn Ihnen eine Formulierung zu eklig wird, können Sie jederzeit aufhören, diesen Text zu lesen. Sie klicken dann einfach hier - und schon sind Sie wieder in der Welt der wirklichen, tatsächlich wichtigen Nachrichten.

Sollten Sie am inneren Widerspruch zu zerbrechen drohen, dass die RTL-Sendung "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" einerseits ja ganz offensichtlich das Allerletzte ist, letzter Beweis für den fortgeschrittenen Untergang des Abendlands, ein Machwerk, mit dem sich nur Menschen beschäftigen, die kein Hirn, keine Freunde und nichts Besseres zu tun haben, Sie andererseits aber doch ganz offensichtlich auch zu diesen Menschen gehören, dann können Sie sich hier Erleichterung verschaffen und mit Gleichgesinnten Ihre Empörung darüber austauschen, wie es nur sein kann, dass eine eigentlich seriöse Nachrichtenseite diesem Thema auch nur eine Zeile widmet - Unverschämtheit, Niedergang! Und das alles auch noch, während Australien, Schauplatz der Sendung, mit Überschwemmungen zu kämpfen hat! Das geht ja gar nicht!

Sie haben ja vollkommen Recht. Einerseits. Andererseits: Diese grundsätzliche und moralisch-intellektuell möglicherweise sogar überlegene Ablehnung des RTL-Dschungelcamps wird dem Phänomen nicht gerecht. Denn alle mögliche Kritik an der Blödheit der gesamten Unternehmung und ihrer Teilnehmer ist bereits in die Sendung eingebaut, beziehungsweise in das bewährte Moderatorenpaar Sonja Zietlow und Dirk Bach, beziehungsweise ganz konkret in die beeindruckende Wampe Bachs. Denn das kann doch unmöglich alles Fett sein, was der kleine Mann da mit sich herumträgt!

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RTL-Dschungelcamp: Die Ekel-Elf
Deshalb gehen wir mal davon aus, dass sich unter der mächtigen Auswölbung seiner Oberbekleidung eine Meta-Apparatur verbirgt, die Signale an Zietlow und Bach aussendet und sie fortgesetzt auf dem eigenen Format und seinen Kandidaten herumhacken lässt. Auch die harte Nachricht von den australischen Wassermassen und die im Vorfeld aufgeworfene Frage, ob es denn ziemlich sei, in relativer Nähe von Flutgeschädigten einen sinnfreien C-Promi-Klamauk aufzuführen, wurde zum Auftakt des TV-Spektakels am Freitagabend von den beiden diskutiert - mit dem Ergebnis: Wem nützte es, wenn RTL wegen der Flut auf das Camp verzichtet hätte? Die Antwort der Moderatoren ("Niemandem") ist nicht ganz so leicht von der Hand zu weisen.

War's denn unterhaltend?

So. Nachdem wir uns nun bis hierher durchgekrampft haben, um mal wieder zu rechtfertigen, dass es sich bei einer Unterhaltungssendung um, nun ja, Unterhaltung handelt und dass das an sich nichts Schlechtes sein muss, kommen wir zur eigentlichen, der Sache angemessenen Frage: War's denn unterhaltend? Doch, durchaus.

Bach und Zietlow haben auch in der neuen, fünften Staffel nichts von ihrer Bosheit verloren, und es ist schon lustig, dabei zuzusehen, wie sie sich über die ins Camp gereiste Ekel-Elf mokieren. Die Casting-Abteilung hat diesmal allerdings auch ganze Arbeit geleistet und Leute in den Dschungel gelockt, an welchen sich exemplarisch der Umgang mit der medialen Aufmerksamkeitsmaschinerie namens "Dschungelcamp" studieren lässt. Sie lassen sich nach der ersten Folge in vier Gruppen aufteilen:

  • Da gibt es zunächst diejenigen, denen es nicht gegeben zu sein scheint, den Mechanismus der RTL-Dschungel-Sause zu durchschauen, die nicht in der Lage zu sein scheinen, selbstironisch mit sich und der Sendung umzugehen, sondern "ganz sie selbst" sein wollen - und dabei so lächerlich wie verbissen herüberkommen. Allen voran ist hier die ehemalige "Frauenknast"-Darstellerin Katy Karrenbauer zu nennen, die so sehr konzentriert "echt" sein möchte, dass sie dabei unsympathisch wird und sogar die plappernde Eva Jacob (eine der drei verbliebenen "Sisters") anherrscht, wenn die mal einen Scherz macht, während sich eine Kamera auf Karrenbauer richtet: "Ich beantworte hier gerade eine Frage."
  • Die zweite Gruppe besteht aus den Teilnehmern, die im Dschungelcamp eine Chance entdeckt zu haben glauben, ihre brachliegende Karriere in Schwung zu bringen - aber auch das völlig ironiefrei. Fast schon bedauernswert wirkt hier der Popsänger Jay Khan, der offenbar so sehr mit Gerüchten, er sei schwul, zu kämpfen hat, dass er keine Gelegenheit auslässt, zu betonen, wie toll er Sex findet und dass in den zwei Wochen im Dschungel ja durchaus "was passieren" könnte. Über Eva Jacob sagt er: "Ich liebe diese Frau." Man darf gespannt sein, was sich daraus noch entwickelt.
  • Der dritte Typus des Dschungelcampteilnehmers hat offenbar die Funktion der Sendung und die eigene Rolle darin verinnerlicht, reflektiert und akzeptiert. Mathieu Carrière ist der herausragende Vertreter dieses Typus. Es wird erwartet, dass er die Ankunft im Dschungel kommentiert? Klar, gerne: "Endlich weg von Kriegen, Kinderarmut, Bankern!", freut er sich da - und verzieht keine Miene. Wie übrigens auch nicht bei der ersten Ekel-Prüfung, die ihm und der Sängerin Indira abverlangte, Kakerlaken und Maden in den Mund zu stecken. Beide gingen derart professionell mit der Herausforderung um, dass es schon fast nicht mehr eklig war, ihnen dabei zuzusehen. Selbst die spitzen Schreie Indiras angesichts besonders widerwärtiger Kreaturen wirkten wie ein erwartungsgemäß abgeliefertes Rollenverhalten.
  • Und dann gibt es noch die vierte Gruppe. Sie besteht aus Rainer Langhans. Der Ex-Kommunarde hat, davon kann man ausgehen, keine Probleme damit, die mediale Konstruktion der RTL-Sendung zu begreifen, auch wird er sich wohl seiner eigenen Funktion darin durchaus bewusst sein. Leider fehlt ihm jedoch, anders als Carrière, der ironische Zugang. Und so kann es geschehen, dass RTL den Studentenbewegten als komischen Kauz darstellen kann, der sich nicht recht in die Gruppe einfügen mag, dort keinen Anschluss findet und, seinem zunehmend unglücklichen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, bereits am ersten Tag bereut, sich auf das Dschungelabenteuer eingelassen zu haben. Die Zuschauer haben ihn dennoch zur zweiten Dschungelprüfung gewählt. Ob ihn das aus der Reserve locken kann?

Wahre Dschungelcamp-Fans sind bei dieser ersten Ausgabe noch nicht ganz auf ihre Kosten gekommen: noch keine Ekel-Ohnmacht, noch wenig Zickereien. Aber die Sache ist ja auch erst am Anlaufen, und der Dauerregen im australischen Urwald wird seinen Beitrag dazu leisten, Nervenkostüme und Frisuren der Teilnehmer zu zerrütten. Das wird ein Spaß! Wer den nicht haben kann, tut gut daran, diese Sendung niemals auch nur aus der Ferne zu betrachten. Und diesen Text ganz schnell wieder zu vergessen.

insgesamt 454 Beiträge
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Seite 1
Ty Coon, 11.01.2011
1. Quo vadis, "Spiegel"?
Ich meckere ja eigentlich nicht gerne auf diese Weise -- jeder soll sich mit dem beschäftigen, was ihm Spaß macht --, aber braucht "Spon" ernsthaft einen Diskussionsstrang zum "Dschungelcamp"? Dafür gibt's doch rtl.de.
README.TXT 11.01.2011
2. Gibts jetzt jeden Tag mehrere Bericht dazu?
Ich würde es ja verstehen wenn die Sendung neu wäre, aber das ist die gefühlte 100. Staffel, da reicht ne Kurzmeldung oder die Meldung dass Langhans mitmacht, fertig.
H_Lodri 11.01.2011
3. Und wer gewinnt....
....eigentlich das thematische Idiotenszepter? Kann SPON per Niveaulimbo seine journalistischen Ansprüche künftig noch tiefer hängen? Welche atemberaubend anspruchslosen headlines schaffen es künftig noch bis zum Hauptartikelstatus? Willkommen im großen SPON Faktren-check...
Ingo Schasiepen 11.01.2011
4. Nötig?
Hat es SPON dermaßen nötig, sich bei Dschungelcamp-Fans anzubiedern, um die benötigten Werbeeinnahmen zu bekommen? Hat man keine Chancen, NICHT mit diesem Blödsinn konfrontiert zu werden?
dent42 11.01.2011
5. Re
Ich fand den Überblick über die Kandidaten ganz interessant, die Hälfte kannte ich nicht mal vom Namen. Wenn es den geneigten Leser nicht interessiert, einfach ignorieren.
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