Rücktrittsdebatte bei Jauch Mücke und Ehrensold

Schon mehrfach hatte ARD-Cheftalker Günther Jauch die Causa Wulff diskutieren lassen, am Tag des Rücktritts stand natürlich die große Nachlese an. In der Runde setzte sich nur einer für den Ex-Bundespräsidenten ein - und produzierte eine wahrlich denkwürdige Stilblüte.

Moderator Jauch (Archivbild): Ehrensold für Wulff?
dapd

Moderator Jauch (Archivbild): Ehrensold für Wulff?


Ungewöhnliche Ereignisse erfordern bisweilen ungewohnte Maßnahmen. Von daher lässt sich durchaus nachvollziehen, dass es am Freitagabend eine Extra-Runde bei Günther Jauch geben musste. Denn es war ja nun per Rücktritt endlich eingetreten, was wochenlang vergebens herbeigetalkt worden war.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 8/2012
Staatsanwalt gegen Staatsoberhaupt

Die Erwartung lag nahe, dass aus diesem denkwürdigen Anlass eine Art volltönender rhetorischer Schlussakkord fällig sein würde. Doch leider gestaltete sich diese Veranstaltung eher etwas merk- als denkwürdig.

Fast schien es, als sei den Diskutanten zugleich mit dem bisherigen Subjekt des anschwellenden Zorns auch die Inspiration zu nennenswerten gedanklichen Aufarbeitungsleistungen abhanden gekommen. Und so gesehen passte das Ganze dann irgendwie auch wieder zum aktuellen Leerstand im Schloss Bellevue.

"Nicht jeder Mücke in den Popo schauen"

Viel war zu hören über Stil und Würde, Ansehen und Glaubwürdigkeit, über mangelnde Einsicht und Überfälligkeit des Schritts, der zu spät und dann auch noch nicht einmal mit einer angemessenen Begründung erfolgte. Da gab es wenig Differenzen, weder zwischen dem liberalen Altvorderen Gerhart Baum und Grünen-Chefin Claudia Roth, noch dem "Bild"-Mann Nikolaus Blome oder dem früheren Ober-Bayern Günther Beckstein.

Mit nur wenig Boshaftigkeit könnte man auch konstatieren, dass eine Menge Phrasen und Floskeln ausgetauscht wurden, bis hin zu der in letzter Zeit immer wieder aufgestellten Behauptung, das Amt habe Schaden genommen durch das Verhalten des Christian Wulff. Frau Roth war es vorbehalten, dies gleich mehrfach mit dem Ausdruck der Empörung zu betonen, ohne allerdings näher zu erklären, wie es denn nun konkret zu dieser Amtsbeschädigung gekommen ist.

Ziemlich zerfahren und ziellos arbeitete man sich an den bereits hundertfach erörterten Aspekten und Facetten des Falles ab und scheute dabei auch nicht davor zurück, noch einmal tief ins Kleinteilige einzusteigen wie beispielsweise ein Flug-Upgrading. Und obschon diesmal kein Pfarrer Hintze anwesend war, sondern der Drogeriemarktchef Dirk Rossmann den Part des Wulff-Freundes übernommen hatte, mussten natürlich auch "die Medien" noch einmal ihr Fett abbekommen.

Immerhin steuerte Herr Rossmann den bemerkenswerten Satz bei, die Medien hätten "nicht die Aufgabe, jeder Mücke in den Popo zu schauen".

Ehrensold für Wulff: Ja oder nein?

Von dieser Erkenntnis gelangte man alsbald mäandernd zu Fragen von etwas größerem Gewicht wie beispielsweise der, ob Wulff aus persönlichen oder politischen Gründen zurückgetreten sei, ihm mithin der lebenslange Ehrensold zustehe oder nicht. Zum Glück war in Gestalt des Verfassungsrechtlers Hans Herbert von Arnim eine Koryphäe zugegen, die im Unterschied zu den anderen die definitive Antwort parat hatte: nein.

Das führte zu einer kurzen Betrachtung darüber, ob man sich um die Zukunft des Ex-Präsidenten ernsthaft Sorgen machen müsse. Freund Rossmann war sehr wohl dieser Ansicht, aber selbst er mochte sich nicht zu einer regelrechten Mitleidsbekundung aufraffen. Als man es dann irgendwann geschafft hatte, sich endgültig von Wulff zu verabschieden, um sich der Zukunft zuzuwenden, war es abermals von Arnim, der allein das richtige Rezept wusste, um dem Präsidentenamt dauerhaft sein Ansehen zu sichern.

Er wirbt bekanntlich seit langem für eine Direktwahl durch das Volk. Er tat es auch hier, und er tat es allein, und zeitweilig führte das zumindest ansatzweise zu einer Kontroverse, in der solche hehren Formulierungen wie "Sehnsucht nach Überparteilichkeit" fielen, aber auch gewarnt wurde vor einem zu stark legitimierten "Nebenbundeskanzler".

Präsidenten-Casting-Show: Warum eigentlich nicht?

Und damit war man dann auch schon bei Frau Merkel und all den Erwägungen, die sie gegenwärtig anstellen mag, um nicht ein weiteres Mal auf den falschen Kandidaten zu setzen. Nichts Genaues wusste man, außer den Namen, die ohnehin jeder kennt, da sie nicht erst seit gestern auf dem Markt gehandelt werden.

Claudia Roth, die dank der Einbeziehung der Opposition in das Prozedere vermutlich etwas hätte sagen können, tat das natürlich nicht, sondern gab lediglich erneut zu Protokoll, es dürfe keine präsidiale Casting-Show geben. Das trug ihr eine kleine neckische Bemerkung ihres Duzfreundes Günther Beckstein ein, die auf gewisse Eitelkeiten angesichts dieser bedeutenden Rolle der Grünen bei der Präsidentensuche anspielte. Und da endlich wurde es dann doch noch zumindest ein bisschen unterhaltsam nach all dem ergebnislosen und weitgehend erkenntnisfreien Drehen und Wenden eines Themas, das an diesem Abend irgendwie kein richtiges mehr war. Wenn sie unter sich seien, nenne der Günther sie immer "Claudi", ließ Frau Roth anschließend wissen, und der gab dann offen zu, dass diese Frau ihn ganz erheblich nerve mit ihren völlig verfehlten politischen Ansichten. Aber es sei eben so, dass er sie sehr schätze und respektiere, weil sie so absolut authentisch sei.

Damit hatte der andere Günther, Gastgeber Jauch, dann wenigstens die Vorlage für ein konstruktives Schlusswort, nämlich, dass es doch schön wäre, wenn alle politischen Gegner, die einander nervten, so freundlich miteinander umgingen.

P.S.: Vielleicht wäre eine Casting-Show gar keine so schlechte Idee. Merkel und die ganze Crew zum Kandidatentest auf die Seychellen - das hätte doch was.

Mehr zum Thema


insgesamt 213 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
goethestrasse 18.02.2012
1. Warum...
fratte niemand oder gar Jauch selbst mal nach, was die Teilnehmer darunter verstehen "dass Wulff Fehler gemacht hat". Auch Wulff selbst redet um den Brei herum. Sollen doch mal offen sagen, was die Wulffschen Klöpse sind. Nebulöse Wortphrasen von Rossmann, Beckstein oder Rösler... Ich will wissen was "die da oben" als Fehler sehen. Übrigens : kein Mitleid für Wulff. Die Suppe hat er sich komplett selbst eingebrockt. Muss sofort wieder - sorry, wenn abgedroschen - an Kässmann denken .
moira39 18.02.2012
2. Herrlich
Zitat von sysopdapdSchon mehrfach hatte ARD-Cheftalker Günther Jauch über die Causa Wulff diskutieren lassen, am Tag des Rücktritts stand natürlich die große Nachlese an. In der Runde setzte sich nur einer für den Ex-Bundespräsidenten ein - und produzierte eine wahrlich denkwürdige Stilblüte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,816116,00.html
Herzlichen Dank für diesen herrlich amüsanten Artikel!
denkpanzer 18.02.2012
3. Wo ist das Video?
Zitat von sysopdapdSchon mehrfach hatte ARD-Cheftalker Günther Jauch über die Causa Wulff diskutieren lassen, am Tag des Rücktritts stand natürlich die große Nachlese an. In der Runde setzte sich nur einer für den Ex-Bundespräsidenten ein - und produzierte eine wahrlich denkwürdige Stilblüte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,816116,00.html
Schade das die 8 Milliarden Euro die die Öffis jährlich verbrennen nicht mal dafür reichen das ich das Video am nächsten Tag im Internet abrufen kann. Wofür zahlt der Bundesbürger 17 Euro nochwas monatlich?
spargel_tarzan 18.02.2012
4. einer schlimme veranstaltung konnte man da beiwohnen...
Zitat von sysopdapdSchon mehrfach hatte ARD-Cheftalker Günther Jauch über die Causa Wulff diskutieren lassen, am Tag des Rücktritts stand natürlich die große Nachlese an. In der Runde setzte sich nur einer für den Ex-Bundespräsidenten ein - und produzierte eine wahrlich denkwürdige Stilblüte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,816116,00.html
und wohl auch ein beispiel wie tief solche massenhaften fernseh-diskussionsrunden gesunken sind. herr rossmann und herr blum hatten den peinlichen part, in der zeit die anderen durcheinander brüllten und bei bedarf schlugen alle verbal auf den herrn von arnim ein. eine gelebte diskussionskultur. mittendrin herr jauch der dem chaos nichts entgegen zu setzen hatte. so bald guck ich da nicht mehr zu, war eh das erste mal. schlymm.
anbue 18.02.2012
5. Wenn schon
Zitat von sysopdapdSchon mehrfach hatte ARD-Cheftalker Günther Jauch über die Causa Wulff diskutieren lassen, am Tag des Rücktritts stand natürlich die große Nachlese an. In der Runde setzte sich nur einer für den Ex-Bundespräsidenten ein - und produzierte eine wahrlich denkwürdige Stilblüte. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,816116,00.html
"Merkel und die ganze Crew zum Kandidaten-Test auf den Malediven" der deutsche Bundespräsident gesucht wird, wäre doch wohl Helgoland das einzig authentische Ambiente. Aber kann Merkel bohlen ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.