Dandy-Star Rupert Everett: "Sollen die anderen von Liebe faseln"
Romantik? Ist für Langweiler. Geld verdienen? Ist für Kleingeister. Das Internet? Ist für Gestörte. Der große Schauspiel-Dandy Rupert Everett klagt im Interview über unsere konservative Ära, das Web als Gemeinschaftsgrab - und erklärt, wie man Rosamunde-Pilcher-Drehs überlebt.
Ob als "perfekter Ehemann" oder als Vibrator-Erfinder "in guten Händen": Rupert Everett hat sich mit seinen Rollen und seinen bissigen Kommentaren über Kollegen den Ruf eines modernen Dandys mehr als verdient. Er stammt selbst aus der britischen Oberschicht und hat in seinen Filmen gezeigt, dass er sich souverän in hochherrschaftlichen Kulissen bewegen kann. Beste Voraussetzungen für das, was der ZDF-Zuschauer für ein Abbild englischen Adels hält: die Verfilmung eines Rosamunde-Pilcher-Buches.
Neben Natalia Wörner, John Hannah und Hans-Werner Meyer spielt der 53-Jährige im ZDF-Weihnachtszweiteiler "Die andere Frau" einen grimmigen Mann in Schwarz. Im Pilcher-typischen Landhaus "Neston Park" in der Nähe von Bath hält der Schauspieler in einer Drehpause Audienz - im Jagdzimmer, mit Zigarette und Gemüseteller.
SPIEGEL ONLINE: Herr Everett, im Pilcher-Zweiteiler "Die andere Frau" spielen Sie einen Mann, der die Witwe seines Bruders abzocken will. Sind Sie gerne der Böse?
Everett: Martin ist ein Soziopath, der alles und jeden besitzen will. Aber er ist auch charmant. In solchen Filmen ist das immer die beste Rolle. Sollen die anderen von Mondlicht und Liebe faseln, als Fiesling kannst du alle Register ziehen.
SPIEGEL ONLINE: Kannten Sie Rosamunde Pilcher und ihre Bücher?
Everett: Nein. Es gibt so viele romantische Autoren, von denen persönlich man noch nie gehört hat. Obwohl sie Millionen von Lesern haben. Interessanterweise schreiben fast alle von ihnen auf Englisch. Aber ich mag die moderne Auffassung von Romantik nicht. Sie ist langweilig und irgendwie leer.
SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Fernsehzuschauer stehen, wenn man den Quoten glaubt, genau darauf. Und auf das, was ihnen in Pilcher-Filmen an Britishness so untergejubelt wird: Landhäuser, Tee, Butler.
Everett: Nicht nur die Deutschen, auch die Russen lieben das. Ich weiß nicht, warum. Wir Briten haben Jane Austen und Charles Dickens und scheinen vor allem Kostümfilme zu exportieren. Offenbar können die Leute davon nicht genug kriegen.
SPIEGEL ONLINE: Wie britisch sind Sie, von Ihrer Staatsbürgerschaft abgesehen?
Everett: Viel mehr als der Pass ist es wirklich nicht. Ich mag Traditionen, gutes Benehmen. Aber ich sehe mich als Europäer. Ich war ein Kind, als es mit der Europäischen Union losging, und ich mag die Idee dahinter. Und das europäische Kino. Deshalb versuche ich in all den verschiedenen Teilen Europas zu arbeiten. Aber die Euro-Krise zeigt leider auch, dass die meisten Leute nie wirklich an die europäische Idee geglaubt haben.
SPIEGEL ONLINE: Viele empfinden Pilcher-Filme als spießig. Tatsächlich geht es viel um Werte, Traditionen, Familiengeschichte. Ein Trost in dieser krisengeschüttelten Zeit?
Everett: Es ist eine sehr konservative Ära gerade. Jeder muss losziehen und Geld ausgeben. Das macht uns alle zu schlechteren Menschen und viel ungnädiger gegenüber allem, was unserer Meinung nach außerhalb der Norm liegt. Wir sind alle schrecklich ängstlich und versuchen verzweifelt, immer mehr zu bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?
Everett: All die sozialen Errungenschaften, die nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt wurden, werden langsam zurückgefahren. In London gab es immer Sozialwohnungen in der ganzen Stadt, auch in den teuren Wohngebieten. Heute nicht mehr. London ist wie Singapur: Eine Steueroase, voll mit reichen Leuten aus der ganzen Welt. In unserer Gesellschaft dreht sich alles nur noch um Reichtum. Das ist immer konservativ.
SPIEGEL ONLINE: Weil der Reichtum bewahrt werden muss.
Everett: Ja, wir kümmern uns doch nur noch um mehr und mehr Wachstum. Wir sind besessen davon. Eltern müssen all den Spielzeugmüll kaufen. Wir sind süchtig danach, wir müssen kaufen. Dabei sollten wir lieber mehr miteinander reden. Das ist es, was mir Angst bereitet an der virtuellen Welt.
SPIEGEL ONLINE: Gerade da wird doch eigentlich ausgiebig kommuniziert?
Everett: Das Internet führt dazu, dass die Menschen kein Gefühl mehr für ihre Umgebung haben. Auf der Straße kann man das gut beobachten, die Leute rempeln sich an, sie schauen nicht mehr aufeinander. Wir verlieren das Einzige, was wir als menschliche Wesen haben: den Kontakt. Und die Gemeinschaft.
SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie damit um?
Everett: Ich kann nicht einfach sagen, ich mache da nicht mit. Ich bin ja schließlich mittendrin. In den Siebzigern waren Film und Theater der Spiegel der Gesellschaft. Ich schreibe Drehbücher, um mir selbst auch heute solche filmischen Projekte zu schaffen, die gut sind.
SPIEGEL ONLINE: Sie planen einen Film über die letzten drei Lebensjahre von Oscar Wilde. Ist das eines dieser Projekte?
Everett: Ja, auch dafür habe ich das Drehbuch geschrieben, ich will Regie führen und die Hauptrolle spielen. Das wird hoffentlich nächstes Jahr klappen. Mit deutschen Produzenten. Deutschland bringt mir viel Glück.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben dieses Jahr Oscar Wilde im Theaterstück "The Judas Kiss" gespielt und zuvor die Hauptrolle in zwei Verfilmungen seiner Werke. Was fasziniert Sie so an der Figur?
Everett: Er war sehr berühmt, wurde aber wegen seiner Homosexualität aus der Gesellschaft ausgeschlossen und regelrecht zerstört. Am Ende war er ein Landstreicher, hatte kaum noch Geld. Aber er hat nie den Humor verloren. Alle Filme über Oscar Wilde enden, als er ins Gefängnis kommt. Das war immer die Zeit, die mich am meisten fasziniert hat. Vor allem sein tragisches Ende liebe ich. Es ist eine romantische Geschichte.
"Die andere Frau", 23. und 25. Dezember, 20.15 Uhr, ZDF
Das Interview führte Daniela Zinser
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Freitag, 21.12.2012 – 19:54 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 9 Kommentare
- Rupert Everett, geboren 1959 in Norfolk, England, hatte seinen Durchbruch 1984 mit "Another Country" neben Colin Firth. "Die Hochzeit meines besten Freundes" mit Julia Roberts machte ihn in Hollywood bekannt, mit Madonna und "Ein Freund zum Verlieben" hatte er seinen größten Flop. Im vergangenen Jahr war er als Erfinder des Vibrators in "In guten Händen" zu sehen. Der offen homosexuelle Schauspieler schreibt auch Drehbücher und hat bereits zwei Romane veröffentlicht. In Großbritannien ist im Herbst der zweite Teil seiner Autobiografie erschienen, "Vanished years".
AP
MEHR AUS DEM RESSORT KULTUR
-
Bestseller
Die aktuellen Listen: Hardcover, Taschenbücher, DVDs und Kino-Charts -
Rezensionen
Abgehört, vorgelesen, durchgeblickt: Unsere Rezensionen - was Sie nicht verpassen sollten -
TV-Programm
Ihr TV-Planer: So gucken Sie beim Fernsehen nie mehr in die Röhre -
Gutenberg
Bücher online lesen: Die Klassiker der Weltliteratur - gratis bei Projekt Gutenberg -
Tageskarte
Sieben Tage, sieben Empfehlungen: Die wichtigsten Entdeckungen der Woche.

