Russenmafia-Doku auf Arte Mit Knochenbrechern und Taschenrechnern

Zuvorkommend listen sie die begangenen Morde auf: In "Diebe im Gesetz" verraten russische Paten verblüffend viele Details ihrer Arbeit. Die Arte-Doku liefert das präzise Bild einer Gesellschaft, in der die Verbrecher-Kapitalisten nicht am Rande leben - sondern in der Mitte.

ZDF / LE Vision

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Vitaly Demochka ist nicht gerade die Verschwiegenheit in Person. Über seine laufenden Geschäfte redet der Mafioso zwar nicht so gerne, die Kamera aber liebt er. Gerade hat er für einen Lokalsender in seiner ostrussischen Heimatstadt Ussurijsk nahe der chinesischen Grenze eine Actionserie über sein eigenes Leben gedreht, für die er als Produzent, Drehbuchautor und natürlich auch Hauptdarsteller in Personalunion agierte.

Demochka schmückt in der Arte-Dokumentation "Diebe im Gesetz" mit langem erzählerischen Atem aus, wie er in den Achtzigern und Neunzigern mit Handkantenschlägen und Mordbefehlen den ostrussischen Auto- und Drogenmarkt unter seine Fittiche gebracht hat: Der Mafioso als Mischung aus Dostojewski und Van Damme.

Der Ausflug des Schwerkriminellen in die Unterhaltungsbranche veranschaulicht, wie schwierig es ist, ein objektives Bild über Russlands organisiertes Verbrechen zu bekommen. Die Paten kontrollieren nicht nur ihr Revier, sondern im gewissen Sinne auch die Berichterstattung über sich selbst. Der wahre Geld-, Waren- und Kraftstrom, den es aufzuzeigen gilt, liegt verborgen unter komplexen Codes und gewaltverliebter Gangsterfolklore.

Wer sich mit der russischen Mafia beschäftigt, kriegt also erst einmal großes Kino präsentiert - so wie zurzeit in Dominik Grafs zehnteiligem TV-Epos "Im Angesicht des Verbrechens", dessen letzten beiden Teile an diesem Dienstag auf Arte laufen: Die osteuropäische Mafia in Berlin wird hier dargestellt wie die italo-amerikanische in Coppolas "Der Pate".

Parallelgesellschaft der überzeugten Kriminellen

Und tatsächlich: Auch Vitaly Demochka und zwei weitere ehrenwerte russische Geschäftsleute berichten in "Diebe im Gesetz" geradezu kinoreif von ihren luxuriösen westeuropäischen Residenzen in Frankreich und Italien, vom Aufstieg der eigenen Person und vom Sterben der anderen. Zuvorkommend listen sie die begangenen Morde auf; richtig gefährlich aber wirken sie, wenn sie auf Fragen des Filmemachers vielsagend schweigen. Was so viel heißt wie: Alles, was du dir vorstellst, habe ich getan. Und noch viel mehr. Die Machtdemonstrationen sind perfekt inszeniert.

Trotzdem gelingt es dem russischen Dokumentarfilmer Alexander Gentelev, der schon in Produktionen wie "Aufstieg und Fall der russischen Oligarchen" die Verquickung von Geld und Verbrechen in der ehemaligen Sowjetunion ausgeleuchtet hat, die Selbstdarstellungen in eine erschreckend genaue Studie über Entstehung und Verbreitung mafiöser Strukturen aufzulösen.

Dass sich brutale Paten wie Demochka als Helden inszenieren können, hat seine Ursache in der russischen Gesellschaft: Von 100.000 Russen sind 600 im Gefängnis, jeder vierte erwachsene Mann saß schon mal ein. Kurz, die Beteiligung an Verbrechen bringt einen nicht an den Rand der Gesellschaft, sie führt einen eher in deren gefühlte Mitte. Das Wort Knast ist im Sinne der Reputation nämlich keineswegs negativ behaftet - was auch mit Stalin und seiner Gulag-Politik zu tun hat: In den dreißiger Jahren formte sich in den überfüllten Straflagern die einzige durchhaltefähige Opposition. Tattoos dienten als Zeichen des Widerstands, es entwickelte sich ein eigenes System mit eigenen Hierarchien, der Diebstahl wurde quasi zur antikommunistischen Geste.

Ohne Lizenz zum Töten

Auch wenn es letztlich nur um die persönliche Bereicherung ging: Die "Diebe im Gesetz", wie sich die überzeugten Kriminellen stolz nannten, bauten über die Jahrzehnte eine Parallelgesellschaft mit eigenen Schutzorganisationen und Autoritäten auf. Als sich im Zuge der Perestroika in Russland die Privatwirtschaft entfaltete, hatten die Gangster einen gewissen Vorsprung: Sie waren ja schon immer privatwirtschaftlich organisiert - und entdeckten nun die Schutzgelderpressung als umsatzträchtige Branche.

Aus den Einnahmen erwarben sie schließlich ab Mitte der Neunziger auch zum Verkauf stehende Staatsbetriebe, für die sie richtige Manager einstellten. Die Mafia kam auf einmal in der Mitte der russischen Gesellschaft an und expandierte mit ihrem ungeheuren Reichtum nach Westen - mit Knochenbrechern und Taschenrechnern im Gepäck.

Für "Diebe im Gesetz" sitzen die überlebenden grauen Eminenzen dieses blutigen Verdrängungskampfes nun auf ihren Anwesen in Cannes oder Paris, wo sie ihre alten Gangstertraditionen mit dem kombinieren, was sie für europäischen Lebensstil halten. Sie zeigen ihre zernarbten, aber immer noch durchtrainierten Körper beim Saunen und Wodkaschlürfen. Zwischendurch wird auch mal ein Wein für 1000 Euro heruntergespült.

Man kokettiert damit, dass man immer noch sein Gegenüber mit purer Körperkraft sekundenschnell töten kann, will von dem Wort Mafia aber nichts mehr hören. Geschäftsmann sei man, nichts anderes. Wer das nicht glauben will, den belehrt man gern mit einer Kopfnuss.

Knast ist gut

Doch der Wechsel auf die seriöse Seite klappt nicht immer reibungslos. Im Anschluss an Gentelevs 90-Minüter läuft noch die Reportage "Die Bedrohung - Russenmafia in Europa", die vom gesamteuropäisch koordinierten Kampf der Medwedew-Staatsführung gegen das organisierte Verbrechen berichtet. Auch für die drei Autoritäten in "Diebe im Gesetz" wird es immer schwieriger, in Westeuropa ihr Millionärsleben zu genießen. Interpol, Europol und russische Polizei ziehen ihre Netze immer enger.

Trotzdem funktioniert der Geldtransfer von Ost nach West und umgekehrt weiterhin reibungslos. Vom Handy aus hält zum Beispiel der selbsternannte Filmstar Vitaly Demochka Kontakt mit seinem Statthalter im fernen Ussurijsk. Der ist vor allem an zwei Orten aktiv: auf dem Friedhof und im Gefängnis. Hier gedenkt er seiner gefallenen Mafiosi-Kumpel, dort versorgt er die gefangenen Mitstreiter. Sobald Demochkas Mann in Ussurijsk mit dem Auto vor dem schwer gesicherten Gefängnis steht, gehen alle Tore hoch. Der Gangster ist hier gerngesehen, denn der überforderte russische Strafvollzug kann seine Gefangenen längst nicht mehr ernähren - umso besser also, wenn die Bandenchefs ihre einsitzenden Männer selbst versorgen.

An guten Tagen - und daran erkennt man die Allmacht des organisierten Verbrechens in Russland auch zwei Jahrzehnte nach den heftigsten Verteilungskämpfen - spendiert die Mafia sogar dem darbenden Wachpersonal eine warme Mahlzeit. Oder mehr.


"Diebe im Gesetz", 20.15 Uhr, Arte
"Die Bedrohung - Russen-Mafia in Europa", 21.45 Uhr, Arte
"Im Angesicht des Verbrechens", Teil neun und zehn, 22 Uhr, Arte



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
tz88ww 11.05.2010
1. Nicht nur in der Mitte
" Die Arte-Doku liefert das präzise Bild einer Gesellschaft, in der die Verbrecher-Kapitalisten nicht am Rande leben - sondern in der Mitte." Nicht in der Mitte! Oben! Ganz oben! Einen schönen Tag noch.
heuwender 11.05.2010
2. Russki Mafiosi
Zitat von tz88ww" Die Arte-Doku liefert das präzise Bild einer Gesellschaft, in der die Verbrecher-Kapitalisten nicht am Rande leben - sondern in der Mitte." Nicht in der Mitte! Oben! Ganz oben! Einen schönen Tag noch.
nicht zu vergessen Wodka Wodka und nochmals Wodka,so schafft man sich dort den Weg nach oben,wird bei uns auch noch kommen,auf dem besten Weg sind wir schon lange. Druschba Towarisch!!!!
Dmitri 11.05.2010
3. Arte
Bei Arte beziehen die Journalisten in der Regel eine antirussische Position; ich stamme aus Russland und kenne mich ein bisschen aus. In der Tat gibt es viele Leute, die früher Kriminelle waren (auf einem hohen Niveau) und auf diese Weise sehr reich geworden sind. Sie werden natürlich keine Interviews geben und wenn, dass alles bestreiten. Ich habe schon solche Programme im russichen Fernsehen gesehen, es wird alles bestritten. Keiner von ihnen will jetzt ins Gefängnis. Sie haben i.d.R. bereits in den 90er Jahren profitable Firmen gekauft/gegründet/jemandem weggenommen und viele sind inzwischen aus den kriminellen Geschäften ganz ausgestiegen. Das Risiko ist ihnen einfach zu groß und die legalen Geschäfte werfen gute Profite ab.
ofelas 11.05.2010
4. schaut wer kommt von draussen rein
Zitat von DmitriBei Arte beziehen die Journalisten in der Regel eine antirussische Position; ich stamme aus Russland und kenne mich ein bisschen aus. In der Tat gibt es viele Leute, die früher Kriminelle waren (auf einem hohen Niveau) und auf diese Weise sehr reich geworden sind. Sie werden natürlich keine Interviews geben und wenn, dass alles bestreiten. Ich habe schon solche Programme im russichen Fernsehen gesehen, es wird alles bestritten. Keiner von ihnen will jetzt ins Gefängnis. Sie haben i.d.R. bereits in den 90er Jahren profitable Firmen gekauft/gegründet/jemandem weggenommen und viele sind inzwischen aus den kriminellen Geschäften ganz ausgestiegen. Das Risiko ist ihnen einfach zu groß und die legalen Geschäfte werfen gute Profite ab.
Die wirklich erfolgreichen leben aber zumeist in London oder an der Cote d Azur, die zweite Garde in den Grossstaedten Europas (inkl. Berlin, Athen) und haben schon laengst EU Paesse erhalten/erkauft.
Rawls 11.05.2010
5. postmodern
Das wichtige Buch zum Thema ist vom Frankfurter Publizisten und Mafia-Experten Jürgen Roth: Die Gangster aus dem Osten. Beschrieben werden auch Putins Verbindungen zur Tambowskaja-Mafia aus dessen St. Petersburger Zeit. Russische Behörden beantworten laut Roth Rechtshilfegesuche europäischer Behörden grundsätzlich nicht. Der russische Staat, so Roth, ist ein krimineller Staat. Der erste postmoderne Schurkenstaat in Europa.
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