S.P.O.N. - Der Kritiker Die neue deutsche Leidensfrau

Deutschland hat endlich wieder eine Übermutter, die unser aller Leiden ein Gesicht gibt: Maria Furtwängler, deren Mimik stets so eingefroren ist wie das Frische Haff im eiskalten Kriegswinter 1944/1945.

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Wenn man sich darüber Gedanken macht, ob sie eine gute Schauspielerin ist oder eine schlechte, dann führt das im Grunde in die Irre. Maria Furtwängler ist gar keine Schauspielerin. Sie ist immer Maria Furtwängler. Eine Frau, die keinen Raum lässt für Zweifel oder Zwischentöne oder Widersprüchlichkeit. Sie ist immer eins mit sich. Sie ist nie außer sich. Sie will nicht spielen oder sie kann nicht spielen oder sie braucht nicht zu spielen.

Es ist noch eine Untertreibung zu sagen, sie sei steif. Ihr Körper ist wie eine Reitgerte, ihr Mund ist verbissen, ihr Blick starr und abwesend. Wenn sie eine Emotion zeigen will, schaltet sie ihren Dackelblick ein. Gerade hat sie das in dem vom ZDF so groß beworbenen Zweiteiler "Schicksalsjahre" getan und dabei wieder mal gezeigt, dass das Genre des Melodrams moralisch verkommen ist und nur schlimmste Geschichtsverklärung die Folge ist, wenn man den Krieg, die Deutschen und Maria Furtwängler in einen Film packt.

Im ersten Teil wurde das Schicksal im Minutentakt traktiert. Abschiede, Todesmeldungen, Selbstmorde, Widerstand, 1942, 1944, die Jahre verschwammen, die Juden wurden vergast, die Deutschen starben, die Russen kamen, die Nazis gingen. Oder war alles umgekehrt? Im zweiten Teil fing sie an zu rauchen. Im Kopf blieben nur diese überbunten Bilder, dieses Klingeln im Ohr vom andauernden Schicksalsgebimmel im Hintergrund und eben das Gesicht von Maria Furtwängler.

Sie war so stark, selbst wenn sie schwach war. Sie war so schön, selbst wenn es ihr dreckig ging. Sie war so blond, besonders an der Ostsee. Sie verriet ihren Mann und litt selbst am meisten darunter. Sie radelte durch die Kriegswirren und hatte ihren Spaß. Sie schaut gütig und es wirkt doch wie eine Bestrafung. "Schicksalsjahre" war wieder mal eine geschichtspolitische Achterbahnfahrt, wie das ja in schöner Regelmäßigkeit vorkommt, seit wir wieder fröhliche Patrioten sind. Und die Leute vom ZDF werden schon wissen, warum sie für so einen Job ausgerechnet Maria Furtwängler wählen.

Die Deutschen sehen etwas in diesem Gesicht. Sie wollen etwas sehen. Sie wollen gerade diese Mischung aus Selbstdisziplin und Selbstaufgabe, sie wollen Frauenfiguren, die Rollenmodelle sind, selbst wenn die Verbindungen zu heute höchst zweifelhaft sind.

Sie wollen, dass Maria Furtwängler sich zu Maybrit Illner in die Runde setzt und so tut, als könne sie mit ihrer Erfahrung als Trümmerfrau, Vertriebene und Kriegswitwe etwas über die Probleme der Frauen heute sagen. Sie wollen sie bei "Wetten, dass ...?" neben Naomi Campbell sitzen sehen und sich so ihre Gedanken machen. Sie wollen sich kalt und unbehaust fühlen in der kargen norddeutschen Landschaft, durch die Furtwängler als "Tatort"-Kommissarin so emotionslos streift, als sei ein Toter auch nicht schlimmer als das dauernde schlechte Wetter. Sie wollen mit ihr auch hoch zu Ross durch Ostpreußen reiten, so wie Furtwängler das 2007 in der "Flucht" getan hat, als sie die Gräfin Dönhoff spielte, unsere Preußin der Herzen. Sie wollen sich im Leiden erkennen.

Beim ZDF nun sollte niemand so tun, als hätten sie nicht sehr kalkuliert auf diesen Effekt gesetzt. Sie haben den Film selbst "Schicksalsjahre" genannt, obwohl das Buch von Uwe-Karsten Heye, auf dem der Film beruht, den sehr viel offeneren Titel "Vom Glück nur ein Schatten" trägt. Das ZDF hat damit die Richtung vorgegeben. Nur Melodram reicht nicht. Es muss schon mehr sein. Schicksal ist ja etwas anderes als Glück oder Unglück. Glück oder Unglück sind immer persönlich, individuell. Schicksal ist größer, ist abstrakter, Schicksal ist etwas, das im Zweifel alle betrifft. Alle Deutschen, in diesem Fall. Wer den Titel "Schicksalsjahre" wählt, der nimmt für sich in Anspruch, dass er einen Auftrag hat. Ich bin nur nicht sicher, ob das noch ein öffentlich-rechtlicher ist.

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insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
archie, 17.02.2011
1. Antwort
Sie ist mit Burda verheiratet. Jede weitere Kritik erübrigt sich.
hänschen klein 18.02.2011
2. Dem Kritiker
gebührt Dank. Er ist meines Wissens der Erste, der es wagt, die deutsche Übermutter nicht in den Himmel zu loben. Und er spricht mir aus der Seele. Sie ist die legitime Nachfolgerin der Ferres und sie hat besser geheiratet.
Das Auge des Betrachters 18.02.2011
3. Sehr treffend
Sehr treffend Herr Diez, ich bin auch immer wieder erstaunt, was man mit blonden Haaren alles erreichen kann.
krampfader 18.02.2011
4. Die Unbunte
Wenn Frau Burda auf dem Bildschirm erscheint, wechselt mein Fernseher automatisch das Programm. Sie ist immer so eindimensional-monochrom.
Gnossos 18.02.2011
5. Meinung
Ich finde Frau F. gut. Ich mag sie als Schauspielerin und ich finde, sie passt als ("arische") große blonde Frau hervorragend in einen Film über den Untergang großdeutscher Weltbeherrschungsfantasien. So, ich verkneife mir jedes böse Wort zum Kritiker.
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