ARD-Themenabend Geschäftsmodell Terror

Pakistans Werk und Deutschlands Beitrag: Der ARD-Themenabend "Saat des Terrors" zeichnet nach, wie westliche Geheimdienste beim Terror von Mumbai 2008 verwickelt waren.

SWR

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Der 26. November 2008 ist für Indien das, was der 11. September 2001 für die westliche Welt ist: ein Tag des Schreckens, der Erinnerung an die eigene Verwundbarkeit, des Gedenkens an die vielen Opfer von Terror, eingebrannt in das kollektive Gedächtnis. An jenem Tag landen zehn junge Männer im Schutz der Dunkelheit mit Booten am "Gateway of India" an, in der Megametropole Mumbai. Sie sind ausgerüstet mit Pistolen, Gewehren, Handgranaten und einem großen Vorrat an Munition. Rasch verstreuen sie sich über die Stadt und greifen zeitgleich mehrere Ziele an: die Luxushotels Oberoi Trident, Taj Mahal, das beliebte Café Leopold, den Chhatrapati-Shivaji-Bahnhof im Stadtzentrum, ein jüdisches Zentrum.

Drei Tage lang liefern sich die Terroristen Gefechte mit den überforderten Sicherheitskräften. Sie nehmen Geiseln, ermorden wahllos Menschen, fahren in der Stadt umher und schießen in die Menge. Dann wieder suchen sie gezielt nach Menschen aus dem Westen, nach Amerikanern und Israelis, um sie zu töten. Erstmals bei einem Terrorangriff dieser Art wird im Internet live berichtet. Die Täter sind darauf eingestellt, dass ihr Angriff mehrere Tage dauern kann und dass sie am Ende tot sein werden.

Politiker nennen den Terror "Angriff auf Indien", auch von "Krieg" ist die Rede. Schnell ist der Schuldige ausgemacht: Erzfeind Pakistan. Tatsächlich ergeben die Ermittlungen, dass der pakistanische Militärgeheimdienst ISI tief verstrickt ist und die Terrororganisation Lashkar-e-Toiba bei ihrem mörderischen Feldzug unterstützt, wenn nicht gar angeleitet hat. Die Terroristen stehen während ihrer Taten telefonisch in Verbindung mit ihren Führungsmännern in Pakistan, wie Mitschnitte später belegen. Am Ende sind 166 Menschen tot, Hunderte verletzt. Nur mit Mühe kann die Weltgemeinschaft Indien davon abhalten, militärisch gegen Pakistan zurückzuschlagen.

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Anschläge von Mumbai: Einsatz in Pakistan

Das Erste widmet diesem Ereignis vor zehn Jahren sowie dem islamistischen Terror, der sich seither stark ausgebreitet hat, einen Themenabend. Regisseur und Autor Daniel Harrich hat in Indien, Pakistan, Europa und den USA recherchiert. In seinem Spielfilm "Saat des Terrors" gelangt die BND-Agentin Jana Wagner (gespielt von Christiane Paul) zu der Erkenntnis, dass einer ihrer Informanten einen Angriff auf Mumbai plant.

Wagner, die an der deutschen Botschaft in Islamabad arbeitet, ermittelt auf eigene Faust, warnt ihre Vorgesetzten - vergeblich, denn der Mann genießt den Schutz des ISI und, vor allem, des US-Geheimdienstes CIA. Von möglichen islamistischen Verstrickungen des Mannes will niemand etwas wissen. Wagner gerät zwischen die Fronten, und letztlich kann sie den Terrorangriff auf Mumbai nicht verhindern.

Nah an der Realität

Dass der Film aus deutscher Perspektive gezeigt wird und dem BND eine Hauptrolle zugeschrieben wird, hat dramaturgische Gründe. Doch tatsächlich gab es diesen Informanten: David Coleman Headley, Sohn eines Pakistaners und einer Amerikanerin. Headley lieferte den US-Behörden wichtige Informationen über Drogengeschäfte der Taliban. Er ließ sich aber auch von der Terrororganisation Lashkar-e-Toiba in Pakistan anwerben und arbeitete für den ISI.

Nachgewiesenermaßen kundschaftete Headley in Mumbai jene Orte aus, die später zum Ziel der Terroristen wurden. Später war er auch in europäischen Städten unterwegs, in denen Terroranschläge stattfanden. Mehrfach wurden US-Dienste vor Headley gewarnt - doch sie reagierten nicht. Headley sitzt inzwischen in den USA im Gefängnis, verurteilt zu 35 Jahren Haft.

"Saat des Terrors" und, mehr noch, die anschließende Dokumentation, für die Harrich den früheren CIA-Chef Michael Hayden, die BND-Präsidenten Ernst Uhrlau und Gerhard Schindler, den ehemaligen ISI-Chef Asad Durrani sowie den pakistanischen Militärdiktator General Pervez Musharraf interviewte, machen deutlich, wie kompliziert die Hintergründe des islamistischen Terrors sind. Harrich, der in Vergangenheit schon das Oktoberfest-Attentat von 1980, illegale deutsche Waffenexporte und die Machenschaften der Pharmaindustrie verarbeitet hat, gelingt es, die Zusammenhänge allgemeinverständlich darzustellen.

Pakistans doppeltes Spiel

So wird deutlich, wie Pakistan ein doppeltes Spiel spielt: einerseits Partner des Westens im Kampf gegen Extremisten, andererseits Unterstützer von Terrororganisationen, die für pakistanische Interessen kämpfen. Ex-ISI-Chef Durrani sagt in der Dokumentation kalt: "Jeder, der gut ist, spielt ein doppeltes Spiel." Man unterstützte eben die Gruppen, die einem nützten. "Wichtig ist, das Spiel gut zu spielen."

Filmemacher Harrich greift aber auch die Gründe für Pakistans doppeltes Spiel auf. Zum Beispiel, als im Spielfilm ein ISI-Offizier der deutschen Agentin Wagner sagt, der Westen habe Pakistan schon einmal als Helfer gebraucht, nämlich in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Afghanistan. "Damals waren wir willkommene Partner im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan. Kaum waren die weg, haben Sie uns vergessen. Und wir rutschten in die schwerste Wirtschaftskrise unserer Geschichte."

Jetzt, im Kampf gegen den Terror, brauche der Westen Pakistan erneut. Er fragt sie: "Wenn der Terror eines Tages besiegt ist, stehen Sie dann immer noch an unserer Seite?" Als sie bejaht, antwortet er: "Das würde ich gern sehen." Das Misstrauen in Pakistan gegenüber dem Westen ist, zum Teil aus nachvollziehbaren Gründen, groß. Nur rechtfertigt das keinen Terror.

BND-Agentin Wagner kommt zu ihrem eigenen Schluss: Die westlichen Sicherheitsbehörden seien mitverantwortlich, "aus politischer Ignoranz, Anmaßung und Überheblichkeit". "Wir haben den Terror zum Geschäftsmodell gemacht. Ein äußerst lukratives Geschäft, das jetzt auf uns zurückschlägt."

Wer sich "Saat des Terrors" und die anschließende Dokumentation anschaut, versteht, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist.


"Saat des Terrors", Mittwoch ab 20.15 Uhr, ARD



insgesamt 3 Beiträge
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patberlin 21.11.2018
1. Deutschlands Beitrag
Beim besten Willen: Ich habe bei dem Artikel nur rauslesen können, dass der deutsche Beitrag in dem Film fiktiv ist. Aber natürlich alles hängt irgendwie mit allem zusammen...
Lankoron 21.11.2018
2. Wie mich solche Texte
immer wieder an das Ende des Films "Der Krieg des Charlie Wilson" erinnern....
Onkel Drops 21.11.2018
3. also meine Lieblingsterrorserie...
strike back (Buch Chris Ryan), dürfte das weniger toppen. empfehlenswert ist die aktuelle Staffel - Nowitchok lässt grüßen... die Briten sind etwas aktueller und wendungsreicher... garantiert!!!
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