"Maischberger" zur Leitkultur-Debatte "Ein Machtkampf zweier älterer Herren"

"Beethoven oder Burka?", fragte Sandra Maischberger, was einiges befürchten ließ. Doch so schlimm kam es beim Talk über die Leitkultur dann nicht. Die Sendung im Check.

Sawsan Chebli (l.), Birgit Kelle
WDR/Melanie Grande

Sawsan Chebli (l.), Birgit Kelle


Die Sendung: "Wir sind nicht Burka", behauptete ziemlich sinnfrei Bundesinnenminister Thomas de Maizière, als er sein seltsames Sammelsurium zur deutschen Leitkultur präsentierte. Obschon dazu von vernünftiger Seite längst alles Wichtige und Richtige gesagt ist, griff ARD-Talkerin Sandra Maischberger das abgedroschene Thema auf und titelte ähnlich schräg "Beethoven oder Burka?". Dennoch entwickelte sich eine vergleichsweise differenzierte Diskussion mit gewissem Unterhaltungswert und nicht ganz ohne Erkenntnisgewinn.

Die Gäste: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU); Sawsan Chebli (SPD), Staatssekretärin im Berliner Senat; Profitänzerin und RTL-Jurorin Motsi Mabuse; "Stern"-Autor Hans-Ulrich Jörges; Publizistin Birgit Kelle - eine durchweg deutsche, aber dank unterschiedlicher Hintergründe auch multikulturelle Runde also.

Zur Lage: Die Deutschen und ihre Suche nach sich selbst - das ist bekanntlich ein sehr altes Kapitel für sich, das beispielsweise schon Nietzsche umtrieb. Als Unionspolitiker vor 17 Jahren die Leitkultur ins Spiel brachten, gab es den Begriff bereits - allerdings von Bassam Tibi ausdrücklich mit dem Zusatz "europäisch" versehen. Dass nun im Wahljahr wieder über eine deutsche Leitkultur geredet wird, hat nach Ansicht von Kritikern naheliegende Gründe. Zum einen gehe es den Konservativen darum, Stimmen von rechts zu gewinnen, zum anderen sorge sich der Bundesinnenminister (Jörges: "Der schlägt noch mal mit den Flügeln") um sein Amt, das er an den bayerischen Kollegen zu verlieren drohe. Sawsan Chebli sprach denn auch von einem "Machtkampf zweier älterer Herren".

Der Verlauf: Die Fronten waren rasch und wenig überraschend geklärt, ohne dass dies allzu viel Schärfe in die Diskussion gebracht hätte. Das hatte auch mit der verbindlichen Art des Bayern zu tun sowie seiner offenkundig fehlenden Neigung, jenes Thesenpapier des Kollegen mit allerletzter Vehemenz zu verteidigen, zu dem der "Stern"-Journalist anmerkte, es richte sich mit seiner anti-islamischen Tendenz ohnehin nicht an Migranten, sondern an Wähler. Während die Frage nach der Notwendigkeit einer neuen Leitkulturdebatte von Chebli, Mabuse und Jörges ("Flachsinn") mit striktem Nein beantwortet wurde, kam von der konservativen Publizistin Kelle ("überfällig") und dem CSU-Mann aus dem Land mit eigenem Leitkultur-Gesetz ein ebenso klares Ja: Es müsse deutlich gemacht werden, "in was" jemand integriert werde, und da reiche der Verweis aufs Grundgesetz nun mal nicht aus, da es eine gewachsene Kultur gebe, zu der neben Christlichkeit angeblich auch ein offenes, freundliches Gesicht und Händeschütteln gehören.

Ja, man könne darüber reden, "was das Land zusammenhält", räumte Jörges ein, wollte dann aber auch festgehalten wissen, dass die deutsche Kultur mittlerweile aus vielen Kulturen einschließlich der Willkommenskultur bestehe. "Ich möchte nicht mehr in Ur-Germanien leben." Integrationsbedarf bestehe im Übrigen auch in Bezug auf diejenigen Bio-Deutschen, die von rechtsaußen Hass verbreiteten. Motsi Mabuse, aus Südafrika stammend und in puncto Rassismus "abgehärtet", berichtete, sie habe angesichts der zunehmenden Enthemmung oftmals "Angst zu sagen: Ich bin Deutsche".

Besonders bedenkenswert waren die Beiträge der Berliner Politikerin Chebli, deren Großfamilie einst aus Palästina kam und jahrelang hingehalten wurde bis zur Einbürgerung. Vielen ihrer Verwandten werde immer noch das Gefühl vermittelt, nicht Deutsche zu sein. Mit Nachdruck warb sie dafür, "Identität positiv zu definieren", also ohne Ausgrenzung, und sich, bei allen bestehenden Problemen, der bereits erreichten Integrationserfolge bewusst zu werden. Und ihr blieb es vorbehalten, darauf hinzuweisen, dass zur deutschen Identität auch "die deutsche Verantwortung aus der Geschichte" gehöre.

Klärendes: Es müsse zwischen Sitten und Gebräuchen sowie Werten unterschieden werden, die dem Wandel unterworfen seien, konstatierte Jörges und nannte als Beispiel die heutige Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen. Auch sei etwa Leistungsbereitschaft nichts typisch Deutsches. Er wie auch Chebli leisteten ferner Aufklärungsarbeit zum Pseudo-Problem Burka. Nebenbei: Ludwig van Beethoven fand an diesem Abend keine weitere Erwähnung.

Bayerische Spezialität: Da er nun schon mal da war, blieb es dem Mann aus dem christlich-sozialen Südstaat nicht erspart, mit einem gewissen Wording konfrontiert zu werden - auch seinem eigenen. Maischberger brachte noch mal als Einspieler jene Szene aus einer "Hart aber fair"-Sendung, in der Herrmann vom "wunderbaren Neger" Roberto Blanco geschwärmt hatte.

insgesamt 55 Beiträge
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karlheinz-hesse 11.05.2017
1. zu der neben Christlichkeit angeblich auch ein offenes, freundliches Gesicht und Händeschütteln gehören.
Na, so was. Sehr geehrter Herr Herrmann, Ihnen würde ich keine Hand geben und bestimmt noch ein freundliches Gesicht da zu. Und Nun? Atheist bin ich auch noch. Entspreche wohl auch nicht Ihrer Leitkultur. So einen Mist wie von Ihnen und ihrer Parteifreundin habe ich schon lange nicht mehr gehört. Sie möchten aber doch so gerne am rechten Rand fischen.
saiber 11.05.2017
2.
Burka kann nicht deutsche Kultur sein.
Kryszmopompas 11.05.2017
3. Bayern und Berliner raus ;-)
wenn es um "offenes, freundliches Gesicht" geht, dann können wir die motzigen Berliner und grantelnden Bayern ja endlich loswerden. Von denen gibt es ja eine Menge in ihren Ländern.
solltemanwissen 11.05.2017
4.
Die ganze Leitkultur Debatte krankt doch daran, dass niemand der Konservativen sagen kann und will, was jetzt genau dazu gehört. Und warum? Weil sie genau wissen, dass die Wählerschaft, die sie damit abholen will, sich selbst überhaupt nicht nach Leitkultur benimmt. Ein freundliches Gesicht und Händeschütteln? Da kann ich nur lachen. Wollen sie das jetzz gesetzlich verankern? Dann benehmen aich diese ganzen besorgten Bürger schon ziemlich undeutsch. Ein freundliches Gesicht macht von denen nämlich keiner.
keine-#-ahnung 11.05.2017
5. Chebli und Jörges ...
... das dreamteam schlechthin, wenn es um eine ernsthaft geführte Debatte um die deutsche Leitkultur geht. "dass die deutsche Kultur mittlerweile aus vielen Kulturen einschließlich der Willkommenskultur bestehe." ??? Mal abgesehen von der Tatsache, dass in dieser Aufzählung noch die Schimmelpilz- und diverse Bakterienkulturen fehlen, kann man das kurz zusammenfassen in: "Nein, ich habe keinen Bock, mich auf ein solches Nazithema einzulassen!" Und Frau Chebli, die die Scharia durchaus als kompatibel zum Grundgesetz einstuft, sollte Debatten über alles möglich führen, aber nicht um eine deutsche Leitkultur. So wird das nix ...
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