"Maischberger" zur Wahl Rücktritt, Fehltritt. Fortschritt?

"Haben die Volksparteien ausgedient?" Das wollte Maischberger wissen, doch ihre Sendung handelte kaum davon. Stattdessen erklärte sich Noch-AfD-Chefin Petry. Und SPD-Urgestein von Dohnanyi forderte Schulz zum Rücktritt auf.

"Wutwahl": Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen.
WDR/ Max Kohr

"Wutwahl": Sandra Maischberger diskutiert mit ihren Gästen.


Für Freunde der Talkshow-Legende "Live aus dem Alabama" (BR) war es schön, deren ehemalige Moderatoren Giovanni di Lorenzo und Sandra Maischberger mal wieder beieinander sitzen zu sehen. Ansonsten dürfte es selten eine fahrigere "Maischberger"-Sendung gegeben haben als die vom Mittwochabend. "Wutwahl: Haben die Volksparteien ausgedient?" - so lautete das Thema, doch es wurde kaum aufgegriffen.

Eingangs will Maischberger von "Giovanni" wissen, ob er "aus Italien" politische Zersplitterungen nicht gewohnt sei. Der "Zeit"-Chefredakteur weist diese Unterstellung als "Sippenhaft" weit von sich, und damit ist die Frage vorerst beerdigt.

Viel dringlicher beantwortet werden will offenbar der Klassiker, woran es denn gelegen habe. Gregor Gysi von der Linken bringt "die Globalisierung" ins Spiel, sieht eine zusammenrückende Menschheit und eine daher immer drängender werdende "soziale Frage".

Renate Künast von den Grünen glaubt, dass wir alle nachdenken müssten: "Hier funktionalisiert jemand die Wut. Warum haben wir die Wut nicht angenommen und gesagt, wir müssen eine andere Politik machen?" Tja, warum nur? Nun aber will sie sich mal "schlaumachen", was man beispielsweise hätte besser machen können im Fall des Berliner Attentäters Anis Amri.

"Das Problem von Herrn Söder ist..."

Es geht also schneller wieder um "Flüchtlinge", als man "Ausländer" sagen kann. Markus Söder, bayerischer Finanzminister und zugeschaltet aus München, spielt hierzu die bekannte CSU-Melodie: "Wenn auf viele Fragen nur die Antwort kommt, das sei jetzt alternativlos, dann suchen sich die Leute eine andere Alternative!" Schnitt auf eine zustimmend schmunzelnde Frauke Petry im TV-Studio.

Für Söder ist das Ergebnis von 38,9 Prozent für seine Partei ein "existentielles Problem". Er sagt: "Wenn wir bei der Zuwanderung kein klares Signal setzen, dann haben wir ein Problem", womit er auf die Obergrenze anspielt und dabei klingt wie ein guter Hausmann, der sich kopfschüttelnd über die Schmutzwäsche beugt: "Wenn wir die Dinge lösen, werden wir auch die Ränder wegbekommen."

Der sinngemäßen Frage, ob er durch derlei beherztes Rubbeln auch Horst Seehofer wegbekommen wolle, weicht Söder elegant aus. Ihm gehe es "ums Ganze", persönliche Interessen interessierten niemanden. Gysi aus dem Off: "Das Problem von Herrn Söder ist, dass er der Nachfolger werden will, aber das sagt er jetzt nicht." Dazu di Lorenzo: "Da wäre er ja schön blöd!"

Womit die Sendung bereits bei der Frage nach möglichen Koalitionen gelandet ist. Künast referiert grüne Positionen. Maischberger fragt Söder, ob er dabei etwas heraushöre, das ihn mit Blick auf eine Jamaikakoalition positiv stimme. Söder mag aber "jetzt keine Koalitionsgespräche via TV führen". Maischberger: "Warum eigentlich nicht?"

Petry stimmte bei der Bundestagswahl für die AfD

Unter anderem deshalb, weil Söder jetzt dringend weg muss, und die Runde sich nun Petry vorknöpfen kann, die demnächst aus ihrer Partei austretende Parteivorsitzende. Gysi beispielsweise wirft ihr Wählertäuschung vor. Di Lorenzo interessiert sich dafür, ob es ihr "im Nachhinein leid" tue, dass sie geholfen habe, "den gemäßigten Herrn Lucke wegzubomben". Gysi, gleiche Kerbe: "Sie haben den Lucke rausgemobbt, jetzt erleben Sie das selbst. Sie waren bei Le Pen, sie waren bei Wilders, sie sind genauso rechtsradikal wie die anderen."

Petry antwortet dies und das. Inhaltlich habe zwischen Lucke und sie kaum ein Blatt Papier gepasst. Es spiele keine Rolle, wann sie ihre Entscheidung zum Rücktritt getroffen habe - aber der Parteitag in Köln sei eine "Vorentscheidung" gewesen. Bei der Wahl habe sie aber für die AfD gestimmt, "weil ich nach wie vor glaube, dass es dringend notwendig war, dass eine Oppositionspartei in den Bundestag einzieht und dort für eine vernünftige Kontroverse sorgt".

Von Dohnanyi: SPD-Chef Schulz sollte zurücktreten

Dankenswerterweise interveniert Klaus von Dohnanyi (SPD): "Mein Einwurf ist, dass das eine unsinnige Diskussion ist, was der Herr Gysi da angestoßen hat." Das findet Künast auch: "Dafür bin ich nicht gewählt, dass wir uns nun 80 Prozent der Zeit fragen: Wie fühlt sich die AfD?"

Wie fühlt sich eigentlich die SPD (um 18 Minuten vor Ende der Sendung vielleicht doch noch zum Punkt zu kommen)?. Von Dohnanyi zieht vom Leder: "Der Herr Schulz war von Anfang an die falsche Wahl, der ist der Sache nicht gewachsen", der habe auf europäischer Ebene den Brexit mit verursacht und alle Probleme nicht erkannt.

Nachdem er Schulz zum Rücktritt aufgefordert hat - "Er muss sehen, dass er das nicht kann" - wird von Dohnanyi grundsätzlich: "Wir haben inzwischen einen Zuwachs an Trachtenmoden", die Leute suchten angesichts der Globalisierung "Heimat in kleinen Räumen".

Es sei eben keine Frage von "Gerechtigkeit und Respekt", sondern gehe vielmehr um "eine Anerkenntnis der Lage, dass die Leute sich verlassen fühlen, weil sie verlassen sind". Nur dann könne aus der SPD wieder eine "große Partei" werden. Di Lorenzo ergänzt, es bräuchte Figuren "mit Charisma". Und sogar Gysi sieht mittelfristig die Möglichkeit, dass eine SPD in der Opposition "wieder sozialdemokratischer wird".

Zur CDU nur so viel: "Merkel kann gut lächeln", sagt Gysi, das dürfe man nicht unterschätzen. "Sie ist nicht eitel und hat keine materiellen Interessen", aber eben "keine Vision für Deutschland". Muss weg!

1986 hätte sich eine Frauke Petry bei "Live aus dem Alabama" längst einen Schwips angenippt und ihre sechste Zigarette angezündet. 2017 bei "Maischberger" blieb ihr am Ende nur die so nüchterne wie zutreffende Feststellung, "dass wir das Thema dieser Sendung heute Abend gar nicht berührt haben".



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jj2005 28.09.2017
1. Gysi
"Merkel kann gut lächeln", sagt Gysi, das dürfe man nicht unterschätzen. "Sie ist nicht eitel und hat keine materiellen Interessen", aber eben "keine Vision für Deutschland". Da blitzt mal wieder die Intelligenz eines Mannes auf, der den Bundestag wesentlich bereichert hat: Selten hat jemand Merkels Stärken und Schwächen so auf den Punkt gebracht. Und nein, ich habe weder sie noch ihn gewählt ;-)
Urban Spaceman 28.09.2017
2. Köstlich!
Endich mal wieder ein Kommentar beim "Spiegel", der witzig und treffend ist. Nach der Wahl ist vor der Wahl, war mein Eindruck. Das gleiche Geeiere der üblichen Protagonisten, die vorübergehend etwas Nachdenklichkeit oder neue Denkansätze simulieren. Da brauchte es schon den erstaunlich fitten Klaus von Dohnanyi, um zu dokumetieren, dass die SPD mal erheblich besseres Personal hatte. Ausdrücke, wie "Pack" oder "auf die Fresse hauen", würden ihm nie über die Lippen kommen. Klare Sprache und offene Worte. Mag sein, dass sich so etwas nur ein "Elder Statesman" leisten kann, der aussprach, was inzwischen selbst den strammesten Parteisoldaten, die Schulz zu den 100% Zustimmung verholfen haben, dämmern müsste: Der Mann ist eine Fehlbesetzung. Leute wie Glotz, Ehmke, Bölling oder Bahr spielten intellektuell in einer ganz anderen Liga, als Nahles oder Schulz. Zu glauben, dass sich die SPD mit diesem aktuellen Führungspersonal in der Opposition erneuert, ist absurd.
RainerSchneider 28.09.2017
3. Treffende Analyse
Von den Anwesenden der Runde schien mir Gysi die treffendste Begründung für die Wahlniederlage der ehemals "Grossen" gegeben zu haben: Entfremdung von den Themen der Normalbürger, Beschäftigung miteinander und Auseinandersetzung mit Medien, deren Berichte für Viele am Bedarf vorbeigehen. Schaut man sich die Direktkandidatem zum Bundestag an, sieht man Personen, die ausser der Partei nichts kennen. Von den nicht vom Volk sondern Parteiführern benannten Abgeordneten - immerhin die Hälfte -abgesehen. Woher sollen dann grsellschaftliche Verantwortung, woher Kompetenz, woher Respekt kommen? Eine Frage der Zeit, bis auch hier etwas "Neues" kommt und das Establishment ersetzt. Hoffen wir, dass es nur ein Macron wird und kein Trump...oder wieder Schlimmeres.
Freidenker10 28.09.2017
4. Überschrift
Wenn die Volksparteien auch wieder Politik für den Normalbürger macht haben sie keineswegs ausgedient. Einzelne Personen haben aber ausgedient allen voran die von Macht getriebene Frau Merkel! Schlimm finde ich in diesen Tagen nur das Duckmäusertum gewählter Abgeordneter. Die CDU ist zu einem reinen Kanzlerwahlverein verkommen! Und bei der SPD scheint die obere Garde auch nur noch scharf auf Posten gewesen zu sein. Wasser predigen und Wein saufen passt halt nicht mehr!
osterbuckel 28.09.2017
5. Wie war die Petry schwach
Hat man irgendwas erfahren, warum die Petry aus der Partei ausgeschieden ist? ich kann verstehen, dass Gauland und andere über diesen Austritt sehr froh sind, weil sie völlig konfus argumentiert, nein geplappert . Mir scheint, dass die Frau völlig mit den Nerven fertig ist, denn sie war mal besser,viel besser, sonst hätte sie Lucke nicht beerbt. Ihr überhebliches Grinsen aber wird immer unerträglicher.
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