Maischberger über ihre Gästeliste "Hitler wäre ein Grenzfall"

Für ihre Gästeliste zum Thema "Sexuelle Vielfalt im Unterricht" ist Sandra Maischberger stark kritisiert worden. Im Interview erläutert sie, warum es dennoch richtig war, den Evangelikalen Hartmut Steeb sprechen zu lassen - und weshalb sie auf Extreme angewiesen ist: "Wir haben nur 75 Minuten Zeit."

Ein Interview von

DPA

SPIEGEL ONLINE: Frau Maischberger, muss man im Jahr 2014 tatsächlich noch darüber diskutieren, ob Homosexualität eine widernatürliche Lebensform ist?

Maischberger: Wenn es nicht so viele Menschen gäbe, die genau das behaupten, dann hätte ich auch gesagt: Das muss man nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sind für Sie heterosexuelle und queere Lebensformen gleichwertig?

Maischberger: Für mich sind die Lebensformen so, wie sie sind. Wenn jemand homosexuell ist, ist er homosexuell - und keine Erziehung kann ihn heterosexuell machen. Und auch keine Erziehung kann einen Heterosexuellen homosexuell machen. Das ist meine Grundüberzeugung. Ich finde es auch sehr schwierig, dass das Selbstverständnis der Homosexuellen in Frage gestellt wird. Das ist eine sehr elementare Abneigung, die sich da Bahn bricht. Ich finde auf der anderen Seite aber nicht in Ordnung, dass ich vom Lesben- und Schwulenverband in meiner Gästewahl kritisiert werde. Ich habe das Gefühl, dass heute sehr schnell ein Zaun errichtet und gesagt wird: Hier darf keine Plattform geboten werden. Doch in dem Moment, in dem ich dafür sorge, dass unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen, habe ich kein Podium geschaffen, sondern akzeptiere nur, dass es unterschiedliche Meinungen gibt.

SPIEGEL ONLINE: Die Kritik zum Beispiel daran, dass Sie den umstrittenen Evangelikalen Hartmut Steeb eingeladen haben, prallt an Ihnen ab?

Maischberger: Ich habe meine Gäste vor der Sendung auf die Debatte im Internet aufmerksam gemacht und darum gebeten, von persönlichen Beleidigungen abzusehen - aber sachlich ihre Überzeugung deutlich zu machen. Dass Herr Steeb eine Überzeugung hat, die Olivia Jones nicht gefällt, ist offensichtlich. Dass man diese Stimmen aber gar nicht präsentiert, sowohl die eine als auch die andere, fände ich falsch. Es kann sein, dass es Extreme sind, aber wir haben auch nur 75 Minuten Zeit. Ich kann mich gerne auch mit sehr gemäßigten Menschen zusammensetzen, aber dann werde ich am Ende auch nur sehr gemäßigte Positionen haben.

SPIEGEL ONLINE: Über die Einführung einer neuen Genmais-Sorte kann man problemlos kontrovers diskutieren. Aber kann man wirklich darüber streiten, dass Menschen ihre sexuelle Orientierung leben wollen, ohne diskriminiert zu werden?

Maischberger: Klar, wir können gerne auch über Genmais diskutieren. Aber warum sollen wir denn bitte Lebensbereiche aussparen, die Menschen direkt und sehr persönlich betreffen? Das verstehe ich nicht. Das ist politisch. Und zwar ab dem Moment, in dem eine Landesregierung sagt, wir nehmen das in unser Curriculum auf - und eine wie auch immer geartete Menge dagegen protestiert.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich auch mit einem Neonazi zusammensetzen und über Demokratie diskutieren?

Maischberger: Wir haben in den Achtzigern im Bayerischen Fernsehen tatsächlich auch mit Neonazis diskutiert. Würde man Hitler in eine Talkshow einladen? Das ist ein Grenzfall. Ich glaube aber nicht, dass Olivia Jones, Birgit Kelle und Hartmut Steeb Grenzfälle sind. Meine Grundüberzeugung ist, dass es gesellschaftliche Phänomene gibt, die unter der Haut gären. Wenn Sie die nicht ansprechen, wird eine größere Menge von Menschen denken, hier gäbe es eine Verschwörung in den Medien. Es gibt da nur zwei Möglichkeiten: Entweder machen Sie es nicht, weil es so viel Gegenwind gibt - und zwar von beiden Seiten. Oder Sie machen es, weil Sie das Gefühl haben: Das ist unsere Aufgabe. Dass man sich damit keine Freunde macht, haben wir nicht zum ersten Mal erlebt. Aber das kann uns nicht schrecken.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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M. Michaelis 12.02.2014
1.
Respekt Frau Maischberger, im Gegensatz zu manch anderem haben Sie offenbar begriffen was ein Moderator ist und was Meinungsfreiheit und Pluralismus bedeutet. Leider sind solche Haltungen selten geworden. Man stellt leider immer wieder fest das unsere Gesellschaft inzwischen bei einer postdemokratischen antipluralistsichen Denkweise angelangt ist. Demokratie lebt davon dass Meinungen frei geäussert werden können, auch in den Medien. Auch solche die abstossend, anachronistisch oder reaktionär sind. Gesinnungen verschwinden nicht wenn sie aus dem öffentliche Diskurs gedrängt werden. Die wahre Bedrohung für Freiheit und Demokratie liegt nicht etwa bei der NSA sondern in einer Gesinnungsdikatur die auf sozialer Kontrolle basiert.
Herr Sorglos 12.02.2014
2. Schmerzhaft aber lehrreich!
Ich fand die Sendung zwar kritisch und grenzwertig, aber das Argument mit dem Zaun ist doch sehr gewichtig. Und tatsächlich werden zu oft im Fernsehen und sonstigen Medien Zäune errichtet, Meinungen ausgesperrt. Sollte es aus diesem Grund in Zukunft mehr Sendungen geben, die weh tun, ist das für mich ein in Ordnung.
felinefranz 12.02.2014
3. optional
Frau Maischberger hat völlig recht. Und überhaupt, was ist das für eine Sitte, ständig zu urteilen und die Menschen mit rechts, links, oben, unten oder weiß ich was zu etikettieren und in Schubladen zu stecken. Und wie langweilig sollen unsere Talk-Shows denn dann noch werden...
annelen1 12.02.2014
4. Sind Konservative die neuen Aussätzigen?
Es gäbe wohl keine Diskussion darüber, ob man einen verurteilten Mörder in eine Talkshow einladen darf oder nicht. Da gibt man sich offen und interessiert. Werden aber konservative Positionen vertreten, die vor 20 Jahren noch Mainstream waren, ist der Teufel los in der Presse und man zeigt sich zutiefst verstört. Treiben die Medien ihre Pseudoerregung weiter auf die Spitze ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Stimmungen in der Bevölkerung, verlieren sie mehr und mehr an Einfluss und Überzeugungskraft.
veleg 12.02.2014
5. Bi
"Für mich sind die Lebensformen so, wie sie sind. Wenn jemand homosexuell ist, ist er homosexuell - und keine Erziehung kann ihn heterosexuell machen. Und auch keine Erziehung kann einen Heterosexuellen homosexuell machen". Das ist Mist: Freud hat in der Psychologie festgestellt dass es keine Homosexualität und keine Heterosexualität gibt, es gibt nur Schattierungen von Bisexualität. Und Auch Masters und Kinsey, die erfolgreichsten Sexualforscher aller Zeiten, haben nie einen rein Homosexuellen oder rein Heterosexuellen gesehen. Jeder Mensch ist Bi, jeder Mensch hat physische Reaktionen aufs eigene Geschlecht hin, seien sie auch minimal. 30% der Menschen sind in einem Bereich der Sexualitätsschattierung der es ihnen erlaub sich selbst als Homosexuell wahrzunehmen, im durchschnitt tun es aber nur 10%. Den Ultrakonservativen geht es darum das nicht alle die sich in die Richtung geleitet sehen in die Richtung gehen.
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