Maischberger-Talk zu "Chaos im Orient" "Die haben einen an der Klatsche"

Der Aufstieg des IS, der türkisch-kurdische Konflikt, die Flüchtlinge - diese Themen hechelte Sandra Maischberger in ihrer Talkshow im Schnelldurchgang durch. Jürgen Todenhöfer lieferte mal wieder besonders einfache Antworten.

WDR/ Max Kohr

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"Chaos im Orient", lautete das Thema bei Sandra Maischberger. Klingt erst einmal schmissig, ist aber angesichts von Hunderttausenden Toten und Millionen Flüchtlingen ein reichlich euphemistischer Titel, wenn man bedenkt, dass öffentlich-rechtliche Medien sonst schon von Chaos sprechen, wenn in Deutschland Lokführer oder Postboten streiken.

Ziemlich chaotisch verlief auch die Sendung, in der nacheinander die Lage der Kurden, die türkische Innenpolitik, der Aufstieg der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS), der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten und zum Schluss noch kurz die Situation der Flüchtlinge in Deutschland abgehandelt wurden.

Mit Jürgen Todenhöfer hatte Maischberger den Mann eingeladen, der den vor einem Jahr verstorbenen Peter Scholl-Latour endgültig als beliebtesten Islam- und Nahosterklärer der Deutschen beerbt hat. Todenhöfer wiederholte sein Mantra, dass die USA an allem Schuld seien. Die Vereinigten Staaten hätten nach dem Motto "Teile und herrsche" den Aufstieg des IS gefördert, behauptete der Publizist. Welchen Nutzen Washington aus dem Zerfall des Irak und Syriens angeblich ziehen soll, verriet der Bestsellerautor nicht.

Wie kann der IS besiegt werden?

Mit seinen Schuldzuweisungen an die USA hat es Todenhöfer zu beachtlicher Popularität gebracht, gerade bei Muslimen. Denn er spricht ihre Glaubensbrüder im Irak und in Syrien von jeglicher Verantwortung für die Gräueltaten des IS frei. "Die haben einen an der Klatsche", urteilte Todenhöfer, der Ende 2014 selbst mehrere Tage lang im Herrschaftsgebiet des IS unterwegs war, über die Dschihadisten.

Es blieb der jesidischen Journalistin Düzen Tekkal überlassen, daran zu erinnern, dass sich auch bis dahin unbescholtene Sunniten an den Gräueltaten des IS beteiligt haben, ohne dass sie von den USA dazu gezwungen wurden. "Nachbarn haben sich an unseren Frauen vergangen", berichtete Tekkal über die Verbrechen, die an der jesidischen Minderheit im Nordirak im vergangenen Jahr begangen wurden.

Doch wie kann der IS besiegt werden? Da hatte jeder Diskutant einen anderen Vorschlag. Der langjährige Nahost-Korrespondent Ulrich Kienzle plädierte für den Einsatz von Bodentruppen: "Bombardieren bringt nichts", dozierte der Journalist. "Ohne Bodenkämpfe wird der IS nicht zu besiegen sein."

Dem widersprach Todenhöfer energisch: 14 Jahre US-geführte Kriege in Afghanistan und im Irak hätten überhaupt erst zu dieser Katastrophe geführt. "Nur die sunnitischen Araber können den IS schlagen", sagte er. Man mag sich kaum ausmalen, wie es in Kobane oder den Sindscharbergen heute aussehe, wenn die Kurden darauf gewartet hätten, dass sich die Sunniten gegen den IS erheben. "Sie sind naiv", kanzelte Kienzle denn auch Todenhöfer ab.

"Erdogan macht Wahlkampf mit Jagdbombern"

Der deutsch-türkische Unternehmer Remzi Aru setzt ganz auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, dessen Wahlkampfauftritte in Köln und Berlin er organisiert hatte. "Die Türkei ist der Fels in der Brandung", sagte Aru. Er bestritt vehement, dass die Türkei jemals den IS unterstützt habe.

Die Tausenden Kämpfer und Waffen, die der IS nach Syrien einschmuggelte, seien ohne Wissen der türkischen Behörden über die Grenze gelangt. "Selbst die DDR-Grenze war nicht unüberwindbar", verstieg sich Aru zu einem gewagten Vergleich. Zumal die Grenze für kurdische Flüchtlinge, die vor dem IS fliehen wollten, sehr wohl lange undurchlässig war, woran Frau Tekkal kurz erinnerte.

Aru verteidigte auch Erdogans Militärkampagne gegen die PKK. Die kurdischen Milizen seien für das Ende des Friedensprozesses verantwortlich und verübten ebenso terroristische Verbrechen wie der IS. Kienzle machte hingegen die bevorstehenden Neuwahlen am 1. November als wahren Grund für die Militäroperationen im Südosten der Türkei aus. "Erdogan macht Wahlkampf mit Jagdbombern", sagte der langgediente Journalist.

Todenhöfer brach eine Lanze für die Türkei, indem er darauf hinwies, dass das Land ebenso wie der Libanon rund 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen habe. Er plädierte energisch dafür, dass auch Deutschland mehr Engagement zeigen solle. Die Bundesrepublik solle junge, gut ausgebildete Menschen mit offenen Armen empfangen, forderte Todenhöfer. Da wollte auch Kienzle ausnahmsweise nicht widersprechen. Sein Schlusswort der Sendung: "Manchmal sind Sie ja richtig vernünftig."

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bazingabazinga 26.08.2015
1. Kurden konnten sehr wohl über die Türkische Grenze
Allerdings mußten Kurden genau wie alle Anderen auch die Waffen abgeben - und ohne die wollte die syrische Pkk weder raus noch rein. Neben IS- sind auch PKK-Terroristen mit Waffen in die Türkei gelangt. Lange unübersichtl. Grenze. PKK kämpft nur gegen IS wegen geplantem Kurdenstaat. Die Türkei dagegen muß das Land innen u aussen vor Terror schützen! Terror von links (incl DHKP-C) und rechts.
Theodoro911 26.08.2015
2. Jürgen Todenhöfer
ist einer der sehr wenigen CDU-ler die ernst zu nehmen sind. Seine Meinung über die USA kann er leider mit Fakten begründen die nicht aus der Welt zu schaffen sind. Es gibt einen MIK in den USA der mit seinen Geschäften den guten Ruf der Amis in der Welt ruiniert hat.
bmvjr 26.08.2015
3. Thema zu gross
Fuer eine Talk-Show diesen Kalibers ist das Thema IS oder die Situation im Mittleren Osten viel zu gross - egal, wen man dazu einlaedt. Maischberger sollte "lokal"bleiben bei der Auswahl ihrer Themen und sich nicht an etwas ueberheben, was die gesamte westliche Welt noch nicht im Griff hat.
orangutanklaus77 26.08.2015
4. Mmh,
wenn ich Herrn Todenhöfer richtig verstehe (und ich bin da recht sicher), hat er nie behauptet, dass die USA den IS ABSICHTLICH erschaffen haben. Dass 14 Jahre Krieg und Zerstörung inkl. Dronenmorden die Menschen in der Region ja schon irgendwie ein wenig radikalisiert haben könnten, liegt ja nun dann doch auf der Hand. Wenn Ihre Familie, Herr Sydow, z.B. per Drohne "ausversehen" getötet würde und man diese dann Kollateralschaden nennt; wären Sie da nicht auch so ein klein wenig angepisst und hätten das Wort "Rache" im Kopf ?! Ist das denn so schwer nachzuvollziehen ? Ich denke nein.
stefan.p1 26.08.2015
5. Welcher Nutzen die USA an einem Zerfall...?
Was muß da erklärt werden? Es ist eine historische Wahrheit das die USA mit ihrem Irakfeldzug die staatlichen Institutionen in der Region derart geschwächt hat ,das sich der IS erst gründen konnte. Wenn das dem Autor nicht klar ist sollte er dringend das Resort wechseln!
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