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28. Juni 2018, 04:47 Uhr

Seehofer bei "Maischberger"

Ich, ich, ich!

Von Klaus Raab

Im Einzelgespräch mit Sandra Maischberger bemüht sich Horst Seehofer um Abrüstung im Asylstreit. Aber zu vermitteln, dass er und Angela Merkel eine enge Freundschaft pflegen - das schafft er dann doch nicht.

Und da sitzt er nun, der Bundesinnenminister, und übt sich, das rechte Bein über das linke geschlagen, die Hände brav auf dem Schoß, im Spagat. "Was gibt das alles, wenn es fertig ist?", will Sandra Maischberger von Horst Seehofer wissen. Und er, der einzige Gast in ihrer Sendung, müht sich, den Eindruck eines Mannes zu vermitteln, dem nichts ferner liegt als eine weitere Eskalation.

Allein, die Dynamik der vergangenen Wochen hat er ja nun selbst mit heraufbeschworen. Entweder würde die Kanzlerin nach seiner Vorstellung handeln - oder er würde es ohne ihre werte Zustimmung tun: Sie oder er? Darauf lief der sogenannte Asylstreit der Unionsparteien zuletzt hinaus und noch immer könnten sich CDU und CSU darüber zerlegen - und die Große Koalition und ihre Fraktionsgemeinschaft gleich mit.

Bei Maischberger dimmt Seehofer den heftigen Konflikt herunter und stellt das Verhältnis zu Angela Merkel als keineswegs zerrüttet dar. Er wünsche sich, dass sie beim bevorstehenden EU-Gipfel Erfolg habe, sagte Seehofer: "Die Erwartung, die Hoffnung ist da, dass es auf europäischer Ebene Lösungen geben möge", er jedenfalls wäre dann "am zufriedensten". Der angekündigte nationale Alleingang sei dann vom Tisch. Und falls es keine Lösungen gebe, werde man am Sonntag in den Parteigremien entscheiden, wie es weitergehe.

Sein meistgesagter Satz: "Warten wir doch mal ab." Nicht einmal von "den Menschen" oder "der Bevölkerung" spricht er öfter als vom geduldigen Abwarten.

Man versuche, den Streit über die Zurückweisung bereits anderswo registrierter oder bereits abgeschobener Asylbewerber an der Grenze "vernünftig unter Aufrechterhaltung der beiderseitigen Glaubwürdigkeit" zu lösen. Jedenfalls: "Der feste Wille ist da." Die Kernbotschaft, die der CSU-Chef also aussendet, lautet: Die Lage mag angespannt sein - aber bei uns regiert schon immer noch die Vernunft.

Nun hat Seehofer aber mit Sandra Maischberger eine Interviewerin gegenüber, die bei keiner - tatsächlich bei keiner - Frage lockerlässt. Warum dann überhaupt diese Eskalation in einer Detailfrage, will sie wissen, wo doch längst viel von dem umgesetzt sei, was Seehofer seit 2015 gefordert hat? Seine Obergrenze heiße nicht so, es gebe sie aber faktisch. Der Familiennachzug sei eingeschränkt, Ankerzentren beschlossen, die Asylzahlen seien extrem gesunken. "Hätte sie", also Angela Merkel, "mal sagen sollen, Horst, du hattest recht?"

Hier gerät der Talk vorübergehend zu einem Couchgespräch über persönliche Kränkungen, allerdings mit durchaus beachtlichem Ergebnis. Seehofer, der eine Stunde lang wie ein Fels auf seinem Stuhl sitzt und mit den Händen mal einen imaginären Medizinball auf dem Schoß balanciert, mal ein imaginäres Kälbchen streichelt, kann am Ende dieser Sequenz ein leichtes Fassadenbröckeln nicht verhindern. Zur Gedächtnisauffrischung werden ihm Szenen gezeigt, in denen er Merkel auf einem CSU-Parteitag auflaufen ließ und sie im aktuellen Grenzkontrollstreit auf ihre Richtlinienkompetenz verwies. Ob ihn das verletzt habe, fragt Maischberger?

Das mit der Richtlinienkompetenz, "das ist emotional ein schwieriger Moment, das müssen Sie einfach nachvollziehen", sagt er.

Maischberger: "Aber sie", also Merkel, "ist im Recht."

Seehofer: "Ja, so steht's im Grundgesetz."

Er habe aber, sagt Maischberger, darauf bestanden, seine Pläne explizit gegen den Willen der Kanzlerin voranzutreiben: "Sie haben gesagt: Ich setze das um. Ich halte das für richtig. Ich, ich, ich. Dann sagt sie an der Stelle..."

Seehofer: "Ich, ich, ich."

Hinter ihm an der Wand sind die Kanzlerin und er in Boxhandschuhen zu sehen. Man kann einiges vorbringen gegen solche medialen Zuspitzungen politischer Prozesse auf Faustkämpfe: An dieser Stelle des Gesprächs liegt der Gedanke nahe, dass das Bild fast analytischen Charakter hat.

Auch sonst muss man sagen: Maischberger gibt nicht auf, bis sie eine Antwort hat oder definitiv keine mehr kriegt, was dann auch eine sein kann. Wie eine Lösung des Konflikts möglich sein soll, fragt sie. "Ich habe das Gefühl, Sie haben eine Hürde aufgebaut, über die sie nicht springen kann", sagt Maischberger - was Seehofer zurückweist. Er allerdings könne nun nicht mehr hinter seine Ankündigung zurück, die besagten Grenzkontrollen einzuführen - was er bestätigt: Es bestünde für ihn eine "Glaubwürdigkeitsproblematik", sagt er, wenn er als Minister seine Versprechen nicht einhalte.

Also gebe es doch im Grunde keine Kompromissmöglichkeit? "Ich glaube", erwidert Seehofer, "danach fragen Sie jetzt zum vierten Mal." Was Maischberger Anlass ist, es noch einmal zu tun.

Ob er sich eigentlich einen baldigen Ruhestand vorstellen könne, fragt sie zum Abschluss. Wenn er gehe, sagt Seehofer, dann mit einer Fallbeilmethode: "Sagen und aufhören." Maischberger: "Montag?"

Warum genau hat die Frau eigentlich keine Einzelgesprächssendung mehr?

Video: Seehofer über Merkel

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