"Maischberger"-Talk zu ARD und ZDF Und wie sich über Geld streiten lässt

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen steht in der Kritik - brauchen wir ARD und ZDF noch? Bei "Sandra Maischberger" lieferte Tom Buhrow eine Ein-Mann-Show und Thomas Gottschalk das beste Pro-Argument.

WDR/ Max Kohr

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Wozu brauchen wir noch ARD und ZDF? Manche wünschten, sie verschwänden ganz. Andere sehen in ihnen Garanten für eine funktionierende demokratische Gesellschaft. Um die Blende ganz weit zu öffnen und zu zeigen, was auf dem Spiel steht, bediente sich Sandra Maischberger in ihrer Sendung eines öffentlich-rechtlichen Klassikers. Innerhalb der Sendung beleuchtete eine halbstündige Sonderausgabe des "Weltspiegel" (Erstausstrahlung: 1963) die Situation des öffentlichen Rundfunks in einigen europäischen Ländern - ausgehend von der Schweiz, wo an diesem Wochenende per Bürgerentscheid über die Rundfunkgebühren und damit die Zukunft des SRF entschieden wird.

In Polen ist das Öffentlich-Rechtliche fest in der Hand der regierenden Partei, dort wurden auf einen Schlag kritische Journalisten ausgetauscht. In Frankreich muss gespart werden, desgleichen in Großbritannien bei der BBC. In Österreich intensiviert die FPÖ ihr Feuer auf den ORF. Gegner sind Leute, die lieber im Abo gucken und sich Gebühren sparen wollen; Unternehmer, die einen freien Wettbewerb und eine Liberalisierung des Marktes anmahnen; und rechtskonservative Parteien, die zu zerstören trachten, was sie nicht unter ihre Kontrolle bringen können. Eine ansehnliche Querfront also, mit der es Verfechter des Öffentlich-Rechtlichen zu tun haben.

Am Beispiel der Schweiz zeigt die "Weltspiegel"-Reportage, wie wichtig die Grundversorgung einer viersprachigen Bevölkerung mit Qualitätsfernsehen ist, wie entscheidend auch für das Bewusstsein kommerziell so uninteressanter Minderheiten wie der rätoromanischen Sprachgruppe. Dass dergleichen von privaten Anbietern zu leisten wäre, behauptet selbst ein konservativer Knochen wie Roger Köppel nicht im Ernst.

Mit einer Jahresgebühr von 350 Franken ist das SRF seinen Kritikern "zu groß, zu teuer". Dabei handelt es sich nur um sieben TV-Sender und 17 Radiostationen. In Deutschland sind es mehr als 20 TV-Sender und 60 Radiostationen, die aus Gebühren - plus Werbeeinnahmen - finanziert werden. Zu groß, zu teuer? (Mehr zum Generalangriff auf die Öffentlich-Rechtlichen lesen Sie hier.)

Die Argumentationen in der "Maischberger"-Runde

Beatrix von Storch, AfD-Fraktionsvizechefin und GEZ-Verweigerin, ist hier ganz in ihrem Element. Sie hält ARD und ZDF in Zeiten des Internets für überholt: "Als das Automobil erfunden wurde, da ist die Postkutsche abgeschafft worden." Außerdem hätten wir doch "einen Zeitungsmarkt, der bunt und groß ist". Ihr schwebt ein etwas nebulöses "freiwilliges Programm" vor, "das ist dann verschlüsselt, also ein Bürgerfernsehen". Denn: "Der Bürger hat keinen Einfluss auf das Programm, das finden wir nicht richtig."

Schützenhilfe von Unternehmerseite bekommt Storch von Georg Kofler. Der ProSieben-Gründer sieht "den fairen Medienwettbewerb behindert und teilweise ausgeschlossen", gegen die Marktmacht der Öffentlich-Rechtlichen seien die Privaten "teilweise chancenlos". Ihm geht es um die ordnungspolitische Frage, ob man einen freien Wettbewerb nun will oder nicht. Die BBC mache doch auch wunderbares Fernsehen mit nur drei Sendern, "wenn man den für die Babys abzieht".

Zwar sitzen da noch Pinar Atalay von den "Tagesthemen" und Thomas Gottschalk als öffentlich-rechtlich-privates Hybridschlachtross allerältester Schule. Aber es ist WDR-Intendant Tom Buhrow, der an diesem Abend die Hauptlast der Angriffe trägt - und vor allem den streitlustigen Kofler physisch zu bändigen versucht, indem er ihm die Hand auf den Arm legt.

Thomas Gottschalk im Interview: "I wasn't born to follow"

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Rundfunksysteme im Gespräch: "Wir stören Sie"

So singt er eine Hymne auf die Gremien, die "nicht perfekt" seien, aber immer noch besser als Aufsichtsräte. Die Privaten hätten durch ihre Konkurrenz das Geschäft belebt, die Öffentlich-Rechtlichen "schlanker" gemacht, er selbst sei in seinem Haus gerade wieder eifrig am Kürzen - 500 Stellen in Verwaltung, Produktion und Technik.

Die Fülle an Sendern, muss die sein? "Ach, es muss gar nichts sein", seufzt Buhrow und zählt auf, was aus Gebührengeldern alles geleistet werde, von Jugendsendern über Regionalfunk bis zu "Kompositionsaufträgen" für "sämtliche Sätze aller Sinfonien von Brahms", der, wüsste er's, sich sehr gefreut haben würde.

Seltsam kraftlos reagiert Buhrow zunächst auf die Storch'schen Anwürfe, es herrsche eine zu große Nähe zwischen Politik und Rundfunk, wo doch Journalisten schnell mal Karriere als Regierungssprecher machen könnten. Buhrow führt aus, das sei bei Zeitungen auch nicht anders. Und als sich Beatrix von Storch über das "Framing" beschwert, etwa ausgerechnet ihre Partei als "rechtspopulistisch" zu bezeichnen, kontert Buhrow mit unangemessen gleicher Münze, Begriffe wie "Zwangsgebühren" seien auch nicht ohne.

Hilfreicher ist da schon Pinar Atalay, die selbstbewusst aus der Praxis beispielsweise im Mordfall von Kandel erzählt. Vorgeworfen wurde da den Öffentlich-Rechtlichen, über den Fall wegen der Nationalität des Täters nicht berichtet zu haben. Atalay: "Ich kann mich nicht von den sozialen Medien treiben lassen", guter Journalismus nähme sich Zeit. So.

Erst als Storch wiederholt mit armen Rentnern argumentiert, die sich den Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro pro Monat nicht leisten könnten, für Fußball auf Sky dann aber bezahlen dürften, es auch leider keine "Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs von Rentnern" gebe - da zieht Buhrow die Samthandschuhe aus und dringt kurz zum politischen Kern der Sache vor: "Frau von Storch, ich glaube Ihnen nicht", sagt er kühl: "Sie wollen uns schwach, sie wollen uns weg. Wir stören Sie."

Über Geld streitet er sich lieber mit Kofler, auch über sein Gehalt von 400.000 Euro, das ihm von eingeblendeten Zuschauern vorgeworfen wird - wie auch die hohen Pensionen. Kofler unterstreicht, er selbst hätte seinerzeit unter Verzicht auf seine Alterssicherung beim ORF gekündigt. Buhrow: "Ja, Sie wollten Millionär werden, und ich gönne es Ihnen auch!"

"Das wollen wir doch nicht"

Die Ballmaschine spuckt immer weitere Themen aus, es geht um Quoten und Qualität, Volksmusik und Wissenschaft, Unterhaltung und irgendwann sogar um den "Hausmeister, der dafür sorgt, dass es hier nicht reinregnet", das diene nämlich auch dem Programm. Atalay zieht sich zusehends aus der One-Man-Show zurück, Buhrow übernimmt die Defensive schon ganz allein, den Angriff auch. Zu diesem Zeitpunkt erinnert die Sendung sehr an den "ARD Check" von 2015, als sich - ebenfalls von Sandra Maischberger moderiert - Intendanten kritischen Fragen der Zuschauer stellten.

Nach einer Stunde erinnert man sich wehmütig an Emil Steinberger, der anfangs aus Zürich zugeschaltet war - übrigens mit extrem langer Leitung, als hockte er in Guatemala. Der Schweizer Komiker ist gegen eine Abschaffung des SRF und erläuterte seinen Standpunkt charmant und knapp damit, dass andernfalls Leute mit Geld kämen und damit "Zustände wie in Italien, bei Berlusconi, und das wollen wir doch nicht". Eine Gesellschaft, sagte er noch, brauche "eine allgemeine Kultur". Wenn man nur sehe, wofür man bezahle und nur dafür bezahle, was man auch sehen wolle - dann lerne man doch nichts, od'r?

Das beste Argument für ARD und ZDF aber hatte der keineswegs unkritische Thomas Gottschalk mit seiner allerersten Einlassung geliefert: "Allein die Tatsache, dass wir im öffentlich-rechtlichen System darüber diskutieren können, ob wir das Öffentlich-Rechtliche abschaffen, zeigt, dass wir es brauchen."



insgesamt 112 Beiträge
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Seite 1
tp13 01.03.2018
1. also in einem Satz zusammengefasst
nichts anderes als die zu erwartende Bettelsendung. Die wir natürlich auch bezahlen müssen.
michael1971 01.03.2018
2. Förderung von Sendungen im Bereich der Kultur, gutem Journalismus und
der Kunst. Dahin sollte meiner Meinung nach die Richtung gehen, um Qualität die sich anderweitig nich finanzieren kann. Unterhaltung, Sportereignisse können sich über Werbung problemlos finanzieren. Zweckgebunden sollte es eben sein, meiner Meinung nach. Wenn die privaten Sender auch etwas förderungswürdiges bieten, ist es meiner Meinung nach besser, als Lücken im Programm der ÖR durch Zwangsgebühren mit Trash zu füllen. Man sollte auch berücksichtigen, dass Radio/TV in Internetzeiten nicht immer und ebensowenig für jeden noch die Nr. 1 zur Informationsbeschaffung darstellt.
Mesi0013 01.03.2018
3. ÖR ja aber anders
Wenn der Staat einen ÖR-Rundfunk haben will dann bitte steuerfinanziert. Es ist ungerecht dafür noch sozial Schwache, die sich nicht befreien lassen können, aber wirklich jeden Euro umdrehen müssen, damit zu belasten. Und dann werden bitte auch Regeln etabliert: ÖR hat einen Bildungs- und Informationsauftrag. Eine staatliche Belehrung wie und was ich zu denken habe, wie am Beispiel Flüchtlinge, diese Meinungsbildung muss dem Bürger überlassen bleiben. Den Deutschlandfunk bspw. ist unerträglich geworden. Zudem muss der politische Einfluss per Strafe unterbunden werden. Programminhalte und Personalie müssen tabu sein.
thupopicis 01.03.2018
4.
Ich denke, es ist klar, welche Position der Autor dieses Artikels vertritt. Hier vielleicht noch einige Anmerkungen der anderen Seite, die der Autor wohl "vergessen" hat: - Die Öffentlich-Rechtlichen machen sich in Teilen des Fernsehmarktes breit, den auch die Privaten bedienen könnten. Im Fußball beispielsweise. - Das Niveau eines guten Teiles der Öffenltich-Rechtlichen ist erbärmlich. Und zwar, weil man mit den Privaten um die Quote konkurrieren will. Abseits von Phoenix, 3sat und Arte sieht es sehr schnell sehr traurig aus. Warum wird jeder Deutsche gezwungen, Telenovelas und Quizshows zu finanzieren, wo es doch komplett ununterscheidbare Counterparts im Privatfernsehen gibt? Das sieht auf jeden Fall Kofler so. Gottschalk scheint sich unsicher zu sein, wo man die Trennlinie ziehen sollte, aber ich denke er würde wohl lieber weniger Ramsch sehen. - Wenn Von Storch von "Zwangsbegühren" spricht, dann tut sie das als Politikerin. Wenn die Tagesschau von "Rechtspopulisten" spricht, dann tut sie das als ein Organ, das Bürger möglichst objektiv informieren sollte. Im Bezug auf das "framing" möchte ich noch vorschlagen, sich vielleicht einmal Sendungen aus den 80ger Jahren anzuschauen und sie mit den heutigen Pendants zu vergleichen. Ich habe das Gefühl, dass heute die Moderatoren viel häufiger noch eine gehörige Prise Gefühl und Empörung mit dazu geben. Wenn die Beweggründe der Übeltäter des heutigen Abends "unvorstellbar" für Frau Slomka und Konsorten sind, dann ist die implizite Botschaft doch, dass es schon anrüchig ist, sich auch nur hypothetisch in die Gegenposition zu versetzen. So etwas lässt man weg, wenn man nur informieren will. Hier sollen direkt schon Bewertungen kommuniziert werden, wohlgemerkt üblicherweise nicht klar getrennt von den Fakten. Weiter habe ich das Gefühl, dass allermeistens doch schon am Anfang einer Reportage schon feststeht, was gefunden werden soll, d.h. dass überhaupt nicht gegen confirmation bias vorgegangen wird. Beispielsweise sollte bezüglich der Sache in Polen in dieser Sendung klar gemacht werden, dass dort Meinungsfreiheit beschnitten wird. Ich hatte keine Ahnung, was dort in Polen vor sich geht. Und das ist nach wie vor so, weil fast nur Vertreter des einen Standpunkts (nämlich dem des Reporters) zu Wort gekommen sind. So habe ich doch gar keine Chance, den anderen Standpunkt zu evaluieren. Eine sehr positive Ausnahme ist hier meiner Meinung nach "Mit offenen Karten" auf Arte. Wenig Gefühle, geballte Information, keine Tränen. Der Zuschauer darf selbst entscheiden, wer der Böse ist.
power.piefke 01.03.2018
5. sicher brauchen wir die öffentlich rechtlichen
aber wir brauchen weder eine ard, die den ganzen Tag kochsendungen zeigt, oder ein zdf mit soaps. die öffentlich rechtlichen müssen mehr von dem zeigen, was die privaten nicht machen und Einschaltquoten einfach mal vergessen. das würde ihrem Auftrag entsprechen. die privaten Sender kann man sich eh nur als naturtrübes bürschchen anschauen.....
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