Maischberger-Talk mit Varoufakis Alles Deppen außer Yanis

Hat er nie gesagt, stimmt so nicht, und überhaupt, so kann man doch nicht miteinander reden: Yanis Varoufakis erweist sich als sehr schwieriger Gast für Sandra Maischberger.

WDR/ Max Kohr

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Zur Sendung: Hat man fast vergessen, gibt's aber immer noch: Die griechische Wirtschaftskrise ist längst nicht ausgestanden. Unter dem Titel "Eurokrise, Flüchtlingsstreit: Wieder Ärger mit Griechenland?" diskutierte Sandra Maischberger mit ihrem Stargast Yanis Varoufakis und einigen anderen vergleichsweise völlig unwichtigen Leuten.


Er sieht zwar nicht so aus, aber man muss sich Yanis Varoufakis wohl als unglücklichen Menschen vorstellen. Gut, meist lächelt er, aber wie mag es tief in seinem Inneren aussehen? Das steckt doch keiner weg: Stets wird er missverstanden, verlässlich wird er falsch zitiert, und umgeben ist er von Menschen, die aber wirklich nicht die geringste Ahnung haben, und zwar von gar nichts. Insbesondere in Talksendungen des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Diese TV-Journalisten können es einfach nicht. Zum Beispiel Sandra Maischberger.

Dabei hat sie sich doch so um ihn bemüht. Am Abend zuvor hatte Varoufakis in der Berliner Volksbühne seine neue linke Bewegung zur Rettung Europas aus der Taufe gehoben, und am nächsten Tag sollte er Gelegenheit bekommen, sie bei Maischberger einem Millionenpublikum vorzustellen. Eigentlich eine ganz gute Bühne, und eigentlich ging es auch ganz gut los: Die anderen Gäste (warum waren da eigentlich andere Gäste?) hatten geduldig gewartet, bis Varoufakis leicht verspätet zur Aufzeichnung erschien, und auch zu Beginn der Sendung bekam er den ihm gebührenden Platz an der Seite der Moderatorin am Stehtisch, die ihn ausführlich würdigte, während die anderen Gäste abseits lauschen durften.

Der Ton ist gesetzt: So nicht, nicht mit ihm

All das jedoch nur eine als Höflichkeit getarnte Falle. Gleich am Anfang der Sendung drängt Maischberger Varoufakis mit der ungeheuerlichen Unterstellung in die Ecke, er versuche mit seiner neuen politischen Initiative ein Comeback. Comeback? "Ich habe niemals die Politik verlassen", kontert Varoufakis, es ist der erste von zahllosen Kontern. Er habe Berlin "das Zentrum allen Übels" genannt, behauptet Maischberger dann dreist, im "Handelsblatt" stand es geschrieben, gerade mal zwei Wochen ist das her, auf einer Anlegermesse in Mannheim in der Befragung durch den ZDF-Journalisten Theo Koll. Das hat er nie gesagt! Sagt Varoufakis. Und wie ist das mit Schäuble? Niemals habe er den angegriffen. "Wir achten einander." Der Ton ist gesetzt, und zwar gereizt: So nicht, nicht mit ihm.

Es ist allein der Großmut des berühmtesten aller griechischen Ex-Finanzminister zu verdanken, dass er sich dann doch noch, nach wenigen Sätzen zu seiner geplanten Europarettung ("Wir brauchen einen echten Ansatz zur Lösung der Probleme") und einer kurzen Erörterung der grundfalschen Kreditvergabe an Griechenland, zu diesen anderen Leuten in die Sitzecke setzt, während ein Einspieler für die Ahnungslosen sein kurzes Wirken in der griechischen Regierung Revue passieren lässt, originell unterlegt mit der Motorradmelodie "Born to be wild" von Steppenwolf.

Elmar Brok (CDU), von Maischberger im Laufe der Sendung möglicherweise zweimal zu oft als "dienstältester EU-Parlamentarier" vorgestellt, sitzt da mit verschränkten Armen. Die Analyse des Herrn Varoufakis sei falsch: Es sei nie darum gegangen, Griechenland nur neue und unsinnige Kredite aufzunötigen, die das Land sowieso niemals zurückzahlen könne, sondern darum, in Griechenland Strukturreformen zu ermöglichen. Nikolaus Blome, auch als "Bild"-Politikchef gefragter Gast in jeder Talksendung, stellt fest, die Kredite seien gegeben worden, damit Griechenland seine Renten und seine Beamten bezahlen könne. "Sie kennen die Fakten nicht", hält Varoufakis ihm vor: Stets sei Griechenland in der Lage gewesen, seine Rentner und Staatsdiener zu bedienen - nur eben nicht die Kredite des Internationalen Währungsfonds.

Die Banken seien gerettet worden, nicht Griechenland, wirft die Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht ein, und selbst linke Regierungen könnten in Europa nicht so, wie sie wollten, weil sie sofort zurückgepfiffen würden, die Politik werde entdemokratisiert. Obwohl sie als einzige nicht gescholten wird von Varoufakis, kann sie nicht glänzen: Ihre angestammte Linksaußen-Position besetzt der Grieche schillernder. FDP-Chef Christian Lindner weiß derweil, wie mit Griechenland zu verfahren sei: Schuldenschnitt, Euro-Austritt, aber Verbleib in der EU. Niemand werde die Griechen jetzt in der Flüchtlingskrise ziehen lassen, hält Blome entgegen.

Simultan übersetzt, dennoch weitgehend unverständlich

Es sind dies nur Fragmente des Gesprächs, und mag manches sinn- und zusammenhanglos erscheinen, dann liegt das daran, dass viel nicht zu verstehen ist. Varoufakis mahnt an, er könne nicht an einer Diskussion teilnehmen, in der ständig mit falschen Fakten argumentiert werde, einmal lehnt er sich mit den Worten "This is amusing" zurück und scheint etwas zu schmollen, dann wieder hebt er zu längeren Ausführungen an, die zwar simultan übersetzt werden, aber trotzdem weitgehend unverständlich bleiben, weil nicht nur er und der Übersetzer, sondern auch praktisch alle anderen gleichzeitig reden, wie man es selten gesehen hat im an Durcheinandergerede nicht eben armen deutschen Talkshowgeschäft.

Die tapfere Maischberger hat Mühe, den Griechen zu stoppen, dieser schaltet in einen binären Talk-Modus: Unbeirrter Monolog oder beredtes Schweigen. Als es dann noch ein wenig um die Flüchtlingskrise gehen soll, wirkt er so, als befinde er sich innerlich bereits in größeren Zusammenhängen.

Es ist ein verlorener Abend für Yanis Varoufakis und damit für die globale Gerechtigkeit insgesamt. Die Briten haben Jeremy Corbyn, die USA haben Bernie Sanders, und ganz Europa könnte Varoufakis haben, die linke Lichtgestalt, den einzigen, der Bescheid weiß. Wenn man ihn doch nur einmal ausreden ließe im deutschen Fernsehen.

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analyse 11.02.2016
1. Richtige Einschätzung der überflüssigen Runde !
Wohltuend ist bei Maischberger die Abwesenheit der Klatscher !Die Fakten,die genannt wurden bestätigten alle Foristen,die zum Grexit mahnten,mit der Voraussage:Je länger man an Griechenland festhält,umso teurer wird es !
kasam 11.02.2016
2. Varoufakis, ein Tausendsassa,
hatte in jener Verhandlungs-Zeit, geheime Absprachen in Griechenland gemacht, wollte sein Land aus der EU kicken, evtl. noch Bankier verhaften-----das alles hörte sich nach Umsturz an---war natürlich nichts dran-----lol Und jetzt, nachdem er sich eine zusätzliche Einnahmequelle suchen muss---jeder Grieche kämpf um seine Existenz, da muss Varoufakis sich einen Job suchen, und will die EU retten---- Manchen Menschen ist halt rein gar nichts mehr heilig. Aber dafür bringt er 100 % Comedy rüber----aber er weiss es noch nicht. Nicht jeder Clown arbeitet im Circus------
PJanik 11.02.2016
3. Wenn es nach dem Großteil der Teilnehmer der Runde ginge...
... hätte z.B. Deutschland den Marshall Plan nicht bekommen dürfen. Herrn Brock darf man gratulieren brav Parteisoldat der konservativen gespielt zu haben. Ginge es nach seiner Deutung dann hat Syriza alleine das Schuldenloch gegraben in dem Griechenland jetzt steckt und vorher war man geradewegs auf dem Weg zu blühenden Landschaften. Das hat ja bei Herrn Kohl ja auch so wunderbar geklappt. Das kann in Griechenland doch nicht so schwer sein. Natürlich wurde auch keine deutschen, französischen oder italienischen Banken gerettet, die hielten auch gar keine griechischen Staatsanleihen 2010. Zu viel Ouzo die Griechen, zu viel Fakelaki und zu Faul und Unfähig das Rote Pack. Herr Blome konnte seine Funktion als Fleischhauer-light irgendwie nicht zur Geltung bringen. Frau Wagenknecht als Edel-Kommunistin mag zwar das Auge erfreuen aber in die Dikussion brachte sie leider nur die alten Phrasen. Einzig Christian Lindner muß ich loben das er sachlich argumentierte und eines der möglichen Szenarien für das Griechenlandschlamassel zeichtete. Das Herr Varoufakis versuchte seine, ökonomische, Sicht der Dinge in einer Sendung wo es primär um MEINUNG geht, und nicht um lächerliche Fakten, darzustellen, kann man nur erklären wenn er im Zustand der geistigen Umnachtung mit gehörigem Fastnachtskater sich breitschlagen lies sich Öffentlich lächerlich zu machen und erneut als Hazardeur und Playboy darstellen zu lassen. Seien wir ehrlich, in Zeiten von Facebook zählt ein gestandenes Vorurteil und eine laut vorgetragene Meinung viel mehr als dröge Wirtschaftliche Zahlen. Und ein Wachstum von bevor Syriza gewählt wurde 5% ist natürlich super. Dumm nur das vorher 20% des BIP im Orkus verschwanden und sich die Arbeitslosigkeit von 7.4% auf 27 % fast vervierfachte. Bevor Syriza gewählt wurde. Das ein bekennender Marxist, dem fachlich in der Ökonomie nicht am Zeug zu flicken ist, halt persönlich unmöglich gemacht wird? Wen wundert das? Die AfD hat schon recht. Ein Teil der Presse ist wie Pippi Langstrumpf. Sie macht sich die Welt wie es Ihr gefällt. Es muß wohl viel schlimmer kommen bevor es wieder besser wird. Trump muss die Situation wohl retten.
GeorgMenz 11.02.2016
4. Maischbergers Talkrunde zeigte
bemerkenswerte Erkenntniswerte. Y.Varoufakis ergötzte eingangs mit dem Hinweis, dass "die EU eine schöne Idee sei, aber zutiefst undemokratisch handle. Griechenland sei pleite und Jeder wisse das bei einer unbezahlbaren utopischen Schuldenlast. Wenn man das tue, müsse das besondere Gründe haben. Ein solcher Schuldenstand sei Kreditunfähigkeit. Die Spardikatate verhindern zudem, dass das Land sich erholen könne. Die Gläubiger erwarten auch bei schrumpfenden Einnahmen pünktliche Zahlung (Wolfgang Schäuble). Die Finanzmittel sind in einem schwarzen Loch verschwunden". Der argumentativ wieder renitent wirlende Europa-Politiker Elmar Brok beharrte darauf, "dass Griechenland bei entsprechenden Strukturreformen und Erfüllung der Auflagen nicht nur Schulden bedienen könne, sondern auch damit wettbewerbsfähig werden könnte. Das aktuelle Programm wäre deshalb auf 3 Jahre angelegt und liefe ja noch". Eine unterschiedliche Betrachtungsweise und die formale bürokratische Einstellung, Verträge müssten eingehalten werden, ob realistisch oder nicht. Fachmännischer Durchblick bei der Situationsbeur-teilung zeigte sich bei Elmar Brok aus der Sicht des Verfassers nicht. Wieder reagierte er bei massiven Zweifeln mit dem Hinweis auf nicht vollzogene Reformen und die Unbeweglichkiet der EU-Gruppe. Aber:"Giechenland hätte sich mit der Unterschrift 3 Jahre freigekauft und eine weitere Chance verdient" Es stellt sich die Frage: hat Elmar Brok seinen lukrativen Job ergfolgreich gemanagt? Wohl eher nicht.
maxbee 11.02.2016
5. Schwieriger Gast? Unfähige Moderatorin!
Schwierig war nicht der Gast Varoufakis sondern die Moderatorin Maischberger, welche offenbar ihre Aufgabe darin sah sämtliche gängigen Vor- und Fehlurteile in der Causa Griechenlandkrise vorzubringen und ihrem Gast penetrant ins Wort fiel, wenn er argumentativ(!) dagegen vorging. Da verwunderte es auch nicht, dass Maischberger kaum noch das Wort an diesen richtete, dafür umso mehr den Lebenszeit-EU-Abgeordneten Elmar Brok ins Spiel brachte. Sah sie doch in dessen sattsam bekannten eu-konformen Blahblah-Beiträgen ihre von Halbbildung geprägten Vorurteile auf das Beste bestätigt. Eine Diskussion, die nicht den geringsten Erkenntniswert hatte, da der Einzige, der Neues zum Thema hätte beitragen können, von der Fehlbesetzung Maischberger daran gehindert wurde. Fragt sich nur warum dieser überhaupt eingeladen wurde. Fazit: Alles wie gehabt! Die Griechen sind faul, reformunfähig und lernresistent, während Deutschland und die EU samt Troika in selbstloser Manier nur das Beste für Griechenland wollten. Mehr sollte bei dieser Diskussion offenbar auch nicht raus kommen. PS: "Alles Deppen außer Yanis"? Nimmt man Wagenknecht davon aus, so kann ich in Bezug auf diese Runde nur mit einem eindeutigen JA antworten.
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