"Maischberger"-Talk zu Kriminalität "Deutschland ist Eldorado für Einbrecher"

Etwas zu offensichtlich versuchte Sandra Maischberger, das Thema Einbrüche alarmistisch aufzuladen. Zum Glück gelang ihr das nicht so ganz - auch dank eines ehemaligen Einbrechers.

Einbruchsversuch (Symbolfoto)
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Einbruchsversuch (Symbolfoto)


Der TV-Moderatorin Marijke Amado wurde vor Jahren ihr Haus in einem Dörfchen bei Maastricht leergeräumt, ohne dass ihr deswegen allerdings der Lebensfrohsinn vergangen wäre. Noch ärger traf es den Remscheider Pfarrer Jürgen Behr, der bei einem Wohnungseinbruch schwer misshandelt wurde. Anschließend hat er zwar die Bleibe gewechselt, sagt heute aber dennoch: "Ich fühle mich nicht unsicher."

So ganz passten die holländische Entertainerin und der deutsche Geistliche mithin im Grunde nicht ins Konzept von Sandra Maischberger, die sich sehr eifrig bemüht um den Nachweis zeigte, wie groß die allgemeine deutsche Verunsicherung angesichts der Kriminalitätsstatistik und speziell der steigenden Wohnungseinbruchzahlen ist.

Das erwies sich als teilweise langatmiges und gegen Ende hin sogar durchaus fragwürdiges Unterfangen. Irgendwann entfuhr der Gastgeberin der bezeichnende Satz: "Wir wollen das Thema nicht kleinreden." Dabei hatte sie doch zwecks entsprechend alarmistischer Aufladung die Titelfrage derart stammtischkompatibel zugespitzt, dass eigentlich kein Zweifel bleiben konnte, in welch spekulative Richtung das Ganze gehen sollte: "Kann der Staat uns noch schützen?"

Klagelied über das Kaputtsparen des öffentlichen Dienstes

Dass es für Betroffene meist eine traumatische Erfahrung ist, Opfer eines Einbruchs zu werden, ist eine ganz andere Frage, und sie wurde auch hinreichend behandelt. Wirklich kleingeredet wurde indes nichts, wohl aber zurechtgerückt. Dafür sorgten dann schon Schleswig-Holsteins Innenminister Stefan Studt (SPD) und Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, die beide mit differenzierenden Beiträgen das Ihre taten, um die Diskussion immer wieder in einigermaßen rationale Bahnen zu lenken. Studt wies unter anderem darauf hin, dass es mit der Statistik stets so eine Sache sei, die Zahlen im ersten Quartal wieder gesunken und etwa in den Neunzigerjahren deutlich höher gewesen seien.

Der Kripo-Mann gab zu bedenken, dass es der Polizei aufgrund mangelnder Personalstärke schlichtweg unmöglich sei, Wohnungseinbrüche mit der erforderlichen Intensität zu verfolgen - das mittlerweile nur zu bekannte Klagelied über das Kaputtsparen des öffentlichen Dienstes. Natürlich gebe es einen Zusammenhang zwischen Aufklärungswahrscheinlichkeit, Polizeistärke und Deliktstatistik.

Dass die süddeutschen Länder, voran Bayern, wegen ihrer traditionell besseren Ausstattung günstiger dastehen als andere, blieb ebenfalls nicht unerwähnt. Studt sprach von reisenden kriminellen Banden aus Osteuropa, die es allerdings schon seit Jahren gebe und die nicht im Zusammenhang mit den aktuellen Flüchtlingsbewegungen zu sehen seien.

Ablehnung für die Waffenlobbyistin

Als echte Bereicherung der Sendung erwies sich Siegfried Massat, seines Zeichens ehemaliger Profi-Einbrecher mit einem Vierteljahrhundert Knast- und dreißig Jahren Berufserfahrung. Er wusste nicht nur höchst anschaulich und unterhaltsam aus seiner Karriere zu berichten, sondern konnte auch erklären, weshalb er Deutschland als "Eldorado für Einbrecher" betrachtet. Die Leute täten einfach zu wenig für die mechanische Sicherung, was es jemandem wie ihm erleichtert habe, "überall reinzukommen, wo ich rein wollte".

Um das zu ändern, hatte der heute als Sicherheitsexperte tätige Gangster a.D. auch einen konstruktiven Vorschlag parat. Ähnlich dem Brandschutz solle die Einbruchsicherung für Bauprojekte verpflichtend gemacht werden. Der Kieler Minister nahm die Anregung mit sichtlichem Interesse auf.

Von jener Idee, die dann noch ins Spiel gebracht wurde, ließ sich das eindeutig nicht behaupten - und das war auch gut so, muss man wohl sagen. Unter dem Motto "Deutschland rüstet auf" präsentierte Maischberger die Berlinerin Katja Triebel, die nicht nur Inhaberin eines Waffengeschäfts ist, sondern sich auch in ziemlich irritierender Weise als Waffenlobbyistin zu erkennen gab.

In großer Ausführlichkeit durfte sie über den Nachfrageboom bei einschlägigem Gerät "nach Köln" berichten, vor allem aber die Gelegenheit nutzen, um ein unverblümtes Plädoyer für eine Liberalisierung des deutschen Waffenrechts zu halten mit dem Ziel, möglichst jedem unter gewissen Auflagen den Schusswaffenerwerb zu garantieren.

Die Ablehnung war ebenso vehement wie einhellig, vor allem auch seitens der beiden anwesenden Opfer. Der Kriminalbeamte mit Blick auf die amerikanischen Verhältnisse: "Eine groteske Argumentation." Minister Studt: "Kein Diskussionsthema." Und auch Fachmann Massat warnte entschieden: Gewaltbereite Einbrecher, die ohnedies nicht die Regel seien, würden immer zuerst schießen.

Nur Maischberger versuchte unverdrossen und auch durch letztlich sinnfreie (weil hypothetische) Fragen herauszufinden, ob sich der Selbstbewaffnung nicht vielleicht doch irgendetwas abgewinnen lasse. Dass ihr das nicht gelang, gehört zum Positiven dieser Sendung, die zum Glück dann doch nicht hielt, was sich die Gastgeberin laut Ankündigung womöglich von ihr versprochen hatte.



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