Flüchtlingstalk bei Maischberger "Mir wird bange, wenn wir weiter so schlampen"

Deutschland wird sich angesichts der Flüchtlingskrise verändern, darin waren sich die Talkshow-Gäste von Sandra Maischberger einig. Aber über das Wie und Wo gab es Streit. Dabei spielten zwei Wörter eine zentrale Rolle: Integration und Angst.

WDR/Max Kohr

Heimatforschung: Passend zur ARD-Themenwoche stellte Sandra Maischberger die Frage: "Neue Heimat: Wie verändern Flüchtlinge unser Land?" Sie wurde zumindest insofern beantwortet, als sich die Runde ziemlich einig darüber war, dass sich das in puncto Flüchtlingspolitik keineswegs einige Vaterland verändern wird. Über das Wie allerdings ließ sich wieder mal trefflich streiten. Überraschend dabei: Auch das Wo kann eine Rolle spielen.

Die Menschen bei Maischberger: Heinz Buschkowsky, Ex-Bürgermeister von Neukölln und sozusagen Deutschlands bekannteste Kiez-Größe, gab wie gewohnt den illusionsbefreiten, harten Sozi-Praktiker. Renate Künast als grüne Reala hielt manchmal dagegen, aber nicht besonders heftig.

Um den theoretischen Überbau kümmerte sich Jakob Augstein, Publizist und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist, während Marie-Luise Balk-Egger, Sprecherin einer sehr besorgten Bürgerinitiative im Baden-Württembergischen, sich für das eher Kleinteilige zuständig sah - ganz im Gegensatz zu ihrem Landsmann Richard Arnold, der den leibhaftigen Beweis dafür lieferte, dass Deutschland es im Sinne der Kanzlerin schaffen kann, das Flüchtlingsproblem in den Griff zu kriegen.

Außerdem kam noch die griechischstämmige Polizistin Tania Kambouri aus Bochum mit ihren in Buchform gefassten Klagen über schlechte Erfahrungen mit dem Machismo unter muslimischen Migranten hinzu, was aber den Erkenntnisgewinn der Sendung nicht wesentlich vergrößerte.

Worte: Mehrfach war von Angst die Rede. Und davon, dass es nicht gut sei, Angst mit Angst zu bekämpfen. Buschkowsky ließ es sich aber dennoch nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass Angst vor Fremden nun mal irgendwie menschlich normal sei. Das meistverwendete Wort des Abends lautete dann aber doch - wen wundert's - Integration. Die schlimmen Fehler der Gastarbeiter-Epoche dürften sich nicht wiederholen, mahnten Künast und Buschkowsky. Letzterer bekannte, ihm werde "bange, wenn wir weiter so schlampen wie in den letzten fünfzig Jahren".

Orte: Eine interessante Erkenntnis der Sendung war regional-geografischer Natur. Man kann es als Flüchtling offenbar besser oder schlechter treffen, je nachdem, wohin es einen verschlägt und wie dort verfahren wird. Gelangt man beispielsweise nach Schwäbisch-Gmünd, so darf man sich sicher sein, dass man nicht nur mit offenen Armen empfangen, sondern auch "Teil der Stadtgemeinschaft" (Arnold) wird.

Das Bild, das dieser unkonventionelle CDU-Oberbürgermeister von seiner Politik vermittelte, die sich auch schon mal über lästige Verwaltungsvorschriften hinwegsetzt, mutete wirklich beispielhaft an. In Weinheim sorgen sich Einwohner wie Frau Balk-Egger derweil vorrangig um die Immobilienpreise in Container-Nähe. Und über die Härte des Pflasters in Neukölln ist ja ohnehin fast alles schon gesagt. Buschkowsky ließ es auch diesmal nicht an notorischer Deutlichkeit fehlen, als er auf die lokalen Probleme zwischen "westlicher und muslimischer Welt" hinwies.

Begriffe: Augstein wartete mit seiner Forderung nach Reaktivierung des einst hoch umstrittenen Begriffs Leitkultur auf (Maischberger: "Und das als bekennender Linker.") und definierte diese neu als Klammer für ein multikulturelles Einwanderungsland, in dem Lebensweisen beibehalten, Lebensregeln indes akzeptiert werden müssten. Daraus hätte sich eine spannende Debatte entwickeln lassen, aber so richtig wollte die nicht in Gang kommen, auch wenn es in der Sache Konsens gab. Leitkultur sei ihm ein zu großes Wort für einen schwäbischen OB, fand sympathisch-bescheiden Richard Arnold. "Es geht um gutes Miteinander."

Konsens: Weitgehend einig war man sich, dass der Staat möglichst Zwangsmaßnahmen zur Wohnraumbeschaffung vermeiden sollte, vor allem, wenn es um Privatpersonen geht.

Mokanteste Bemerkung: "Jetzt kommen all die Konservativen und sorgen sich um Frauenrechte", meinte Augstein etwas spitz, als es um die notwendige Anerkennung der Grundgesetzregeln durch die Migranten ging.

Anrührendster Satz: "Schwäbisch-Gmünd ist ihre Heimat." (OB Arnold über seine Neu-Bürger)



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 132 Beiträge
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Miere 07.10.2015
1. Warum sollte sich unser Land dadurch verändern?
Und wenn es das tut, muss man das gut finden? Ich meine, die offensichtlichen positiven Veränderungen haben wir doch schon seit Jahrzehnten: internationale Küche, Mehrsprachigkeit, nachlassender Rassismus. Muss ich jetzt begeistert in die Hände klatschen, wenn zu der Salafisten-Moschee, die wir hier im Ort haben, und die schonmal einige Tage lang eine IS-Flagge hängen hatte, eine zweite hinzu kommen sollte, oder was genau soll sich ändern?
notbehelf 07.10.2015
2. Mokant
"sich auch schon mal über lästige Verwaltungsvorschriften hinwegsetzt". Genau das geht eben nicht.
melmag 07.10.2015
3. Nix Neues
Alle Beteiligten legen ihre satt bekannte Einstellung dar. Der Erkenntnisgewinn solcher Talkshows, und die Betonung liegt auf SHOW, ist wie immer gleich Null. Frau M. streicht ihr Geld ein und alle anderen gehen nach Hause. Aber man hat mal wieder darüber gesprochen. Guten Abend...
meinefresse 07.10.2015
4. Warum Integration?
Die Ankommenden bestehen grob aus 2 Lagern: - Asylsuchende: Dürfen bleiben wenn der Antrag durch ist. - Wirtschaftsimmigranten: Haben keinerlei Bleiberecht, werden abgeschoben. Das Verhältnis dürfte hier in etwa bei 20:80 liegen: http://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Sozialreferat/Fluechtlinge/Hintergrund.html Ein Großteil der Syrer wird nach dem Ende des Bürgerkrieges zurückkehren. Am Ende dürfte der Anteil der legal in Deutschland bleibenden bei < 100.000 pro Jahr liegen - wenn überhaupt. Oder habe ich eine Gesetzesänderung verpasst, nach der jeder bleiben darf der Lust dazu hat? Will man die Wirtschaftsflüchtlinge (gegen jedes Recht und Gesetz) nicht Rückführen? Wenn sich selbst der Staat nicht mehr an Recht und Gesetz hält dann nennt man das Willkür. Nächste Stufe: Anarchie. Wollen wir das?
muru 07.10.2015
5. Der Flüchtlings-Talk
hätte durchaus Sinn ergeben können, wären statt den 2 Links-Phantasten Augstein und Künast Personen eingeladen worden, die direkt mit Flüchtlingen zu tun haben und nicht nur ihren ideologischen Mist verbreiten. Anscheinend will man durch die Zusammensetzung Streit produzieren. Sinnvoll ist es nicht
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