"Maischberger" über Betrug im Sport Nur Mutanten gewinnen ohne Doping

Fußball-EM und Olympia stehen bevor, doch angesichts der jüngsten Dopingaffäre fragte Maischberger: "Wie kaputt ist der Sport?" Bevor vernünftig diskutiert wurde, ging es erst einmal um russische Märchen.

WDR/ Max Kohr

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Immer öfter wird in Talkshows auch über Sport diskutiert - wohl dank der Fifa und ihrer krummen Geschäfte.

Es überraschte also nicht, dass Sandra Maischberger den derzeit arbeitslosen Fußballtrainer Peter Neururer als ersten Gast vorstellte. Aber was folgte, war keine nette Runde zur bevorstehenden EM, etwa mit Waldemar Hartmann und Günter Netzer.

Als weitere Gäste tauchten Dopingexperte Hajo Seppelt und der russische Journalist Iwan Rodionow auf. "Gedopt, gelogen, gewonnen: Wie kaputt ist der Sport?", lautete das Thema der Sendung.

Seppelt selbst hatte das Thema mit dem zweiten Teil seiner Enthüllungsreportage zum mutmaßlichen Staatsdoping in Russland geliefert, die vor der Maischberger-Sendung lief. Dunkle Machenschaften im russischen Sport, von ganz oben organisiert? Vom Geheimdienst ausgetauschte Proben? Gesperrte Trainer, die in Lieferwagen mit abgedunkelten Scheiben trotzdem weiterarbeiten? Positive Dopingfälle, die man mit einer gewissen Summe "aufkaufen" kann? Der eh schon tiefe Dopingsumpf wurde durch Seppelts Recherchen um ein paar düstere Kapitel erweitert.

Stimmt alles nicht, sagte natürlich Rodionow von Russia Today - und das in einer Unverfrorenheit, die auf den direkt neben ihm sitzenden Seppelt eine Wirkung hatte wie eine Überdosis Aufputschmittel. Seppelts Gesichtsausdruck während mancher Äußerungen seines Sitznachbarn ließen den Zuschauer fürchten, gleich werde er Rodionow noch einmal mit körperlichen Argumenten klarmachen, dass er doch bitte aufhören solle, weiter russische Märchen zu erzählen.

"Hier werden Sportler physisch und psychisch vergewaltigt"

Es kamen aber auch die anderen Gäste zu Wort. In Talkshows erkennt man die besonders vernünftigen und unabhängigen ja meist daran, dass sie ruhig sprechen, niemanden unterbrechen und zudem auch die besten Argumente haben. Ines Geipel zum Beispiel.

Sie ist Vorsitzende des Vereins Doping-Opfer-Hilfe und als ehemalige Leichtathletin und Geschädigte mit dem DDR-Staatsdoping bestens vertraut. Sie machte deutlich, dass es beim Doping um viel mehr geht als nur um Betrug an Zuschauern und den sauberen Athleten: "Hier werden Sportler physisch und psychisch vergewaltigt."

Die andere Stimme der Vernunft war Sportmediziner Perikles Simon. Dessen Berufsstand hat durch die Dopingskandale um Joseph Keul und Armin Klümper an der Freiburger Uni-Klinik zwar auch ein gelitten, aber Simon sagte nicht nur den schönsten Satz des Abends ("Es schwebt viel Wahrheit hier im Raum"), sondern wusste fast immer eine fachliche und plausible Antwort.

Ob man auch noch ohne Doping gewinnen könne? "Nur Mutanten." Warum denn nicht alle eingefrorenen Proben von den Olympischen Spielen 2008 und 2012 nachgetestet wurden? "Das macht nicht viel Sinn. Wir können in der Zwischenzeit nur Steroide besser nachweisen, und die nimmt man eigentlich hier im Westen seit 20 Jahren nicht mehr so sehr."

Der nette Plauderonkel

Die Frage nach den wenigen Nachtests konnte Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), nicht wirklich beantworten. Er sprach davon, dass das "medizinisch entschieden" werde. Überhaupt machte er in der Runde eher den Eindruck eines netten Plauderonkels - und nicht den eines Spitzenfunktionärs. Vielleicht lag es daran, dass sich der DOSB so lange gegen das Anfang des Jahres in Kraft getretene Anti-Doping-Gesetz gewehrt hat? Oder daran, dass er den Verein Doping-Opfer-Hilfe eher stiefmütterlich behandelt? "Die Athleten gehören geschützt", sagte Geipel, "der Sport hat seine Verantwortung zu übernehmen."

Was nicht fehlen durfte, waren ein paar Stimmen nach dem Motto: Gebt Doping frei, es tun doch sowieso alle! Dann ist die Chancengleichheit wieder da! Während Geipel moralisch argumentierte ("Das entgrenzt den Sport"), ließ Mediziner Simon diesen Aspekt beiseite und führte ein anderes Gegenargument auf: Auch bei Freigabe gebe es eine Wettbewerbsverzerrung, denn jeder Mensch reagiere nun mal unterschiedlich stark auf Medikamente.

Wer leider fehlte, war ein aktiver Athlet, der seine Sicht der Dinge auf all das hätte geben können. Sollen die russischen Leichtathleten für Olympia in Rio gesperrt werden? Ist es richtig, dass man sich mal - wie Geipel forderte - "von diesem Rekordscheiß emanzipieren muss"? Und wie hoch ist die Dunkelziffer, wenn bei einer Umfrage unter Leichtathleten bei der WM 2011 insgesamt 29 Prozent zugaben, im Jahr davor gedopt zu haben?

Als Seppelt und Rodionow schon längst verstummt waren, durfte Peter Neururer endlich mal ran. "Doping im Fußball" war nun nicht das Thema der Sendung und dementsprechend schnell abgehakt, stattdessen ging es endlich um die bevorstehende Fußball-EM. "Ich habe die große Hoffnung, dass Deutschland Europameister wird", sagte Neururer. Na also!

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