Umwelt-Talk bei "Maischberger" "Wenn wir die Autos loswerden, das wäre gut"

Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen über den "Glaubenskrieg ums Auto": Journalist Poschardt gab den Asphalt-Cowboy, FDP-Vize Kubicki sorgte mit einem Kerzen-Beispiel für den Schlagabtausch des Abends.

Sandra Maischberger (Archivbild)
DPA

Sandra Maischberger (Archivbild)


"Glaubenskrieg ums Auto: Geht der Umweltschutz zu weit?" So lautete das selbst für Talkshow-Standards sehr polemisch formulierte Thema der Sendung. Geladen waren dazu der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki, der 80-jährige Journalist und Buchautor Franz Alt, die ARD-Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die Vizechefin der Deutschen Umwelthilfe, Barbara Metz, der Journalist Ulf Poschardt sowie ein Stuttgarter Dieselfahrer, der ab April vom Fahrverbot betroffen sein könnte.

Das Fallbeispiel des Abends: Zu Beginn schilderte der Stuttgarter Diplom-Kaufmann Marin Ivankovic seine persönliche Problemlage: dass er wegen seiner Kinder schon morgens drei verschiedene Stationen mit dem Auto anfahren müsse, aber seinen 2014 gekauften Mercedes-Diesel womöglich bald nicht mehr vor seinem eigenen Haus parken dürfe. Die Klagen der Deutschen Umwelthilfe, in deren Folge Gerichte in vielen Großstädten Fahrverbote angeordnet haben, bezeichnete er als "schäbig", sprach aber auch der Politik eine Mitschuld zu. Jetzt sei die Frage: "Wer holt die Kuh vom Eis?"

Die Frontlinie des Abends: Dass der Umweltschutz zu weit geht, hätten wohl Wolfgang Kubicki und Ulf Poschardt unterschrieben. Als Umweltschützerin Barbara Metz darauf hinwies, dass die Stickoxid-Grenzwerte, um deren Einhaltung gerungen wird, seit 2010 bestehen und dazu da seien, "die Schwächsten zu schützen", warf Poschardt ihr "Sentimentalisierung" vor und nannte ihre Organisation "einen Abmahnverein". Tatsächlich gebe es "in allen Städten eine Entwicklung zum Positiven".

Unterstützung bekam Metz von Franz Alt und Mai Thi Nguyen-Kim. Die "Quarks"-Moderatorin und promovierte Chemikerin räumte zwar ein, dass die definierten Grenzwerte "gewissermaßen willkürlich" seien, stellte aber klar: "Je weniger Stickoxide, desto besser." Von Maischberger nach geeigneten Maßnahmen gefragt, blieb sie allerdings vage: "Wenn wir die Autos loswerden, das wäre gut." Und: "Eigentlich bräuchten wir drastischere Maßnahmen."

Der Schlagabtausch des Abends: Als sich Wolfgang Kubicki floskelhaft eine "sachliche Diskussion" wünschte, wandte sich Mai Thi Nguyen-Kim an den FDP-Politiker: "Wie können Sie dann das Kerzenbeispiel bringen?" Kubicki gab sich zunächst unschuldig-verständnislos ("Ich? Kerzenbeispiel?"), räumte dann aber ein, an anderer Stelle schon gesagt zu haben, eine Kerze im Wohnzimmer sei belastender für die Gesundheit, als in Stuttgart auf die Straße zu gehen. Lungenarzt-Debatte reloaded, quasi. "Ich hab Bezug darauf genommen, was andere gesagt haben", versuchte Kubicki sich rauszureden. Aber die Wissenschaftlerin setzte nach: "Das glauben Sie also gar nicht, Sie haben nur Bezug genommen?" Da gab Kubicki auf: "Im Gegensatz zu Ihnen fehlen mir naturwissenschaftliche Grundkenntnisse."

Der Asphalt-Cowboy des Abends: Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt"-Gruppe, Porschefahrer und Tempolimit-Gegner, gefiel sich sichtlich in der Rolle des politisch unkorrekten Auto-Freiheitskämpfers. Er habe kürzlich mit dem VW-CEO in Wolfsburg die neuen Elektromodelle inspiziert und sei sicher: "Die investieren Abermilliarden, um emissionsfreie E-Mobilität zu ermöglichen, die tun alles, was in ihren Möglichkeiten steht." Während Barbara Metz darauf hinwies, solche Optionen entstünden dann, "wenn Druck herrscht, dass sie entstehen müssen", glaubte Poschardt, die Marktwirtschaft werde alles regeln: "Kapitalismus funktioniert über Verführung, nicht über Zwang." Im Übrigen würden deutsche Ingenieure von "weltweit führenden Auto-Bloggern und -Journalisten" weiterhin "spektakulär gefeiert für technoide Eleganz und Perfektion".

Er verwies auf die kulturelle Bedeutung des Autos, das "für Abermillionen Menschen in Deutschland" ein Geschenk und großes Glück oder sogar "blechernes Double der eigenen Identität" sei: "Wenn wir das nicht ernst nehmen, dann verheben wir uns." Er beklagte einen "galligen moralischen Ton" und "Alarmismus" und forderte: "Wir müssen fragen: Was können wir der Autoindustrie zumuten, ohne sie zu verlieren?" Es gebe "keine zweite Schlüsselindustrie in diesem Land".

Das Grünen-Bashing des Abends: Franz Alts These, die Autoindustrie mache sich selbst kaputt, denn sie habe nicht nur bei Abgaswerten getrickst, sondern auch die Entwicklung des Elektroautos verschlafen, mochte Wolfgang Kubicki nicht teilen: Längst sei die Branche aufgewacht. Er sehe vielmehr ein ganz anderes Problem: 456.000 Staustunden im Jahr gebe es in Deutschland, "wenn Sie die auflösen würden durch eine vernünftige Verkehrspolitik, die übrigens die Grünen überall verhindert haben, hätten wir das Problem mit den Grenzwerten nicht". Die Grünen hätten viele Umgehungsstraßen verhindert.

Auch Poschardt machte der Öko-Partei Vorwürfe: Am Sitz des Springer-Verlags in Kreuzberg, "das seit gefühlt 2000 Jahren von den Grünen regiert wird", gebe es zu wenig Radwege und zu viel Parkraum - wo doch die meisten seiner Redakteure mit dem Fahrrad kämen.

Die absurdeste Einordnung des Abends: Als Mai Thi Nguyen-Kim es bezeichnend und beklagenswert fand, dass "wir einen Bundesverkehrsminister haben, der die Stellungnahme der Lungenärzte begrüßt", verteidigte Poschardt den CSU-Ressortchef: "Wenn Andi Scheuer als großer deutscher Antifaschist das nicht gemacht hätte, hätte sich die AfD das Thema geholt, und es hätte wieder zwei bis drei Prozent gegeben."

insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
observerlbg 14.02.2019
1. Hier ist keine Rationalität möglich
So eine Debatte in US.-Medien? Eher undenkbar, die Lobbyisten der Kochbrüder würden sowas im Vorfeld verhindern. Aber auch bei uns wird diese Diskussion aus dem Bauch heraus geführt, von allen Seiten. Und die "Autofreunde" sind politisch in der Mehrheit. Die Minderheit kann nur verhindern, nicht gestalten. Wie Otto- und Erna-Normalverbraucher tickt, können wir jeden Werktag vor deutschen Schulen sehen: Parkchaos der besorgten Eltern. Sie glauben ein Problem anzugehen, und sind es doch selber. Der größte Feind des Autofahrers? Die anderen Autofahrer!
pyroklastisch 14.02.2019
2. Paradebeispiel Stuttgart
Gut, der Kessel bei Inversionswetterlage ist schonmal eine schlechte Voraussetzung. Kommt es dort zum sogenannten Feinstaubalarm, dürfen die Häuslebauer ihren Komfortofen nur noch mit Feinstaubfilter betreiben und sollen die Autos stehen lassen. Dass die höchsten Konzentrationen Feinstaub in der U-Bahn Station auftreten wird für eine umfassende Lösung genauso vernachlässigt wie das schaffen einer intelligenten Ampelschaltung, um Stop and Go zu vermeiden. Solange sich, wie im Artikel treffend zitiert, Leute mit komplexen Themen beschäftigen, die nicht über die entsprechende Bildung verfügen, gelingt keine vollumfängliche Lösung. Wobei ich natürlich die Weitsicht, unnötige Öfen in den Feinstaubalarm zu integrieren, also Positivbeispiel hervortun möchte.
nach-mir-die-springflut 14.02.2019
3. Ein anderes Wort für Katastrophe ist Umkehr
"Franz Alts These, die Autoindustrie mache sich selbst kaputt, denn sie habe nicht nur bei Abgaswerten getrickst, sondern auch die Entwicklung des Elektroautos verschlafen..." Die Autoindustrie wie auch andere hat das Problem, dass sie - nur natürlich - vor einem gesättigten Markt steht. Der erlaubt es ihr nur noch bedingt, Absatz zu generieren, zumindest in Deutschland. Den Elektroantrieb hat sie nicht verschlafen. Sie hat genügend Leistungsfähigkeit, ihn auch anzubieten, nur ist das Batterieauto weder ökologisch noch ökonomisch die bessere Wahl. Was aber vor uns liegt, ist mit der Energiewende die Kombination aus Öko-Kraftstoffen und Grundeinkommen. Das Grundeinkommen in einer separaten Währung ist es, was die Absatzschwierigkeiten in gesättigten Märkten mindert respektive diese Industrien auch ohne Wachstum oder mit nur geringem überkleben lässt. Dem Individualverkehr werden Alternativen zugesellt werden (müssen). Krank ist das gesamte finanzkapitalistische Wirtschaftssystem als Ursache, nicht ein Fortbewegungsmittel.
basic11 14.02.2019
4. Die Deutschen haben das Denken
verlernt. Nur noch schwarz/weiss Denke. Sinn würde machen: - Elektrofahrzeuge für das Stadtumfeld mit Ladung über Solarzellen auf dem Dach sofern mögl. - Brennstoffzellenförderung massiv nachdem diese von den Fossillobbyisten totgequatscht wurde (könnte ja auch ein Exportvorteil sein) - Nachrüstung u wirklich faire Inzahlungnahmen und nicht nur Pseudoangebote .. in der Überhangsphase Ich höre aber schon die Strom u Autolobby etc im Hintergrund jammern...
rhodococcus 14.02.2019
5. ... aus welchem Grund in aller Welt ...
... glaubt man an die Zukunft einer flächendeckenden E-Mobilität ? Werden neben der Umweltbelastung auch die Wirkungen von elektromagnetischer Strahlung auf die Fahrzeuginsassen und andere Verkehrsteilnehmer betrachtet ?!? ... oder ist das wie beim Mobilfunk bei dem es zwischenzeitlich totgeschwiegen wird ?!? Wann setzt endlich wieder Vernunft ein: zukünftig öffentlichen Verkehr ausbauen und verbessern, die Abgaswerte neuer Autos nachweislich senken, alte Autos bis zu ihrer natürlichen Vergänglichkeit nutzen (und nicht exportieren!) und öfter mal Zeit zum Nachdenken nehmen, wem in dieser Diskussion was nützt !!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.