Menschen bei Maischberger "Sie haben eine Art, die mir auf die Nerven geht"

Ein heikles Thema, ein aufbrausender Historiker und eine pikierte Journalistin: Sandra Maischbergers Talkrunde zur Ukraine-Krise erinnerte zeitweise an Kabarett - und war trotzdem aufschlussreich.

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WDR/ Max Kohr

Wenn in Tagen wie diesen in Talkshows das denkbar schwerste Thema aufs Tapet kommt, nämlich das von Krieg und Frieden, scheint der Verlauf meist weitgehend vorhersehbar. Fast immer sitzen dort Putin-Versteher und Hardliner, Bellizisten und Pazifisten unterschiedlicher Gewichtsklassen, stets geht es kontrovers zu, aber mit jenem nachdenklichen, sorgenvollen Ernst, der der Lage angemessen ist. Doch es kann auch mal ein wenig anders kommen.

Sandra Maischberger wollte herausfinden, was der Mann im Kreml - diesmal nicht unbedingt originell als "Zar Wladimir I." betitelt - in der Ukraine und überhaupt eigentlich will. Eine Antwort wurde zwar auch hier nicht zutage gefördert, doch dafür wurden die Zuschauer mit einer interessanten Erfahrung entschädigt: Es ist offenkundig möglich, über dieses Thema eine nicht nur engagierte, sondern auch ausgesprochen kurzweilige Diskussion zu führen. Zeitweilig wurden gar die Grenzregionen zum Kabarettistischen gestreift, was allerdings weniger im Sinne der Gastgeberin gewesen sein dürfte.

Den eindeutig größten Anteil hieran hatte Gabriele Krone-Schmalz, die frühere Moskau-Korrespondentin, dicht gefolgt vom Immer-noch-Historiker Arnulf Baring, der schon sehr früh erstmals die Möbel gerade rückte und zu verstehen gab:

"Die Kanzlerin ist von allen guten Geistern verlassen."

Zu diesem Zeitpunkt war die Russland-Versteherin (bevorzugter Tenor: "Alles ist viel komplizierter. Ich würde es ja gern erklären, wenn man mich nur ließe.") aber noch in erster Linie damit beschäftigt, sich in sukzessive schärfer werdende Scharmützel mit Werner Schulz zu verstricken.

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtsaktivist und langjährige Grünen-Europapolitiker war von Frau Maischberger mit der eher beiläufigen Bemerkung angekündigt worden, er befürworte westliche Waffenlieferungen an Kiew, was ja nun schon ein Ausscheren aus dem herrschenden bundesdeutschen Konsens bedeutet. Gespannt wartete man also auf den Moment, da er das auch so explizit sagen würde. Aber der wollte einfach nicht kommen. Zunächst mal fand er nur, die Mittel der Diplomatie seien ausgeschöpft.

Mindestens ebenso spannend war jedoch die Frage, ob denn, wenn es so weit wäre, Frau Krone-Schmalz noch zugegen sein würde. Kaum eine Viertelstunde war verstrichen, da war sie nämlich drauf und dran zu gehen, nach folgendem Dialog im gesteigerten Pikiertheitsmodus:

Krone-Schmalz: "Was glauben Sie eigentlich, was Sie hier machen können?"

Schulz: "Ich widerspreche."

Mit einiger Mühe und unter Hinweis auf ihr neues Buch konnte sie zum Bleiben bewogen werden. Zum Dank bescheinigte sie der Moderatorin später, das Niveau der Debatte "erschreckt mich zutiefst" - und das, noch ehe sie sich von Baring hatte anhören müssen: "Sie haben eine schulmeisterliche Art, die mir auf die Nerven geht."

Andere sorgten derweil dafür, dass es zu einer durchaus differenzierten, besonnenen Erörterung all der zeithistorischen wie aktuellen Fragen kam, die mit dem Agieren und Befinden Putin-Russlands verknüpft sind - nicht neu, aber nach wie vor wichtig.

Vor allem der Schweizer Diplomat und ehemalige OSZE-Sondergesandte für die Ukraine Tim Guldimann, der nachdrücklich für weiteres Verhandeln warb, aber auch die kluge, aus der Ukraine stammende Ex-Piratin Marina Weisband erwiesen sich als Gesprächsteilnehmer, denen zuzuhören sich lohnte. Der Schweizer leistete zusätzlich semantische Feinarbeit, indem er auf den Unterschied zwischen Verständnis "für" und "von" hinwies und auf die verschiedenen Betrachtungsweisen.

Die Ängste Russlands, die Kränkungen infolge schwindenden Respekts, die Veränderung Putins seit den frühen Jahren - alles kam wieder einmal zur Sprache. Und Schulz? Der gab sich wortmächtig und überzeugungsstark, ganz der Despotenverächter mit Dissidentenerfahrung. Aber das schloss nicht aus, dass es zwischen ihm und den anderen gelegentlich auch Übereinstimmungen gab. Ivan Rodionov vom deutschsprachigen russischen Staatsfernsehen blieb indessen weitgehend unauffällig, abgesehen von dem leicht kryptischen Einwurf, ein schlechter Frieden sei besser als ein guter Krieg.

Der ultimative Experte von eigenen Gnaden saß in Gestalt von Arnulf Baring am Tisch.

Nein, nein, natürlich wolle man keinen Krieg, beteuerte er, um sich im selben Atemzug zu echauffieren, es sei "hanebüchener Unsinn", Waffenlieferungen an die Ukraine als gefährlich anzusehen. Richtig sei hingegen, dass "viel mehr über Waffen geredet werden" müsse. Und es sei geradezu eine Katastrophe, dass die Kanzlerin nur auf die Meinung der friedliebenden deutschen Bevölkerung höre und das Militärische so sträflich vernachlässige.

Ein bisschen entsetzt gab Frau Weisband zu bedenken, dass mit mehr Waffen ja doch zunächst immer noch mehr Menschen getötet würden. Und ob etwa fortan die Krisen der Welt mit leeren Drohungen gelöst werden sollten? Das Plädoyer des Werner Schulz klang ganz am Ende dann doch vergleichsweise verhalten, jedenfalls nicht allzu vehement. Ja, sinnierte er, es gebe nun mal Situationen, in denen Waffen mit Waffen zum Schweigen gebracht werden müssten.

Sibylle Berg im Livestream

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Seite 1
schlaumeier0815 25.02.2015
1. Eine sehr gute Zusammenfassung des Abends
Während Frau Maischberger offenbar verstanden hat, dass es hilft, wenn Gesprächsteilnehmer auch mal ein paar Sätze am Stück von sich geben, nervt KS mit ihrer tatsächlich oberlehrerhaften Art nur noch. Zudem beschwert sie sich über jeden Zwischenruf bei ihrem Vortrag, kann sich selbst aber überhaupt nicht disziplinieren, wenn andere reden.
s_o_p_h_u_s 25.02.2015
2. ...denen zuzuhören sich lohnte!
Ja, das fand ich auch! Selber auf der Linie von Frau Krone-Schmalz fand ich insbesondere den Hinweis von Frau Weisband: Putins Verhalten beruhe auf innenpolitischen Gründen - sehr bedenkenswert. Und auch mir wurde gestern klar, meine alte Haltung überdenken zu müssen. Es stimmt! Der Putin von heute ist nicht mehr der Putin zu Beginn der Krise. Zu kurz und dann dann leider auch ohne Gegenargument blieb mir der Einspieler von Madeleine Albright = "was regen sich die Russen auf, sie haben doch angefangen." Wenn man hunderte von Milliarden Dollar und Euro in die "verlassenen" Ostländer pumpt, im Gegenzug für "Westorientierung", ist es ziemlich plump, den (letztendlichen) Anschluss dieser Länder an EU und Nato als "freie Entscheidung souveräner Völker" zu deklarieren. Im Rotlichtmilieu würde man das "armutsbedingte Zwangsprostitution" nennen!! Daher könnte man auch solch eine "Einkaufspolitik" als Aggression erkennen. Warum haben wir alle Verständnis für einen J.F. Kennedy, der keine Raketen auf Kuba zulassen konnte, aber - nachdem Polen schon als Stationierungsort für amerikanische Raketen ausgesucht wurde - kein Verständnis für Russland, die so etwas auf keinen Fall in der Ukraine akzeptieren können. Daher fehlt mir auch nach wie vor bei all den gesendeten/veröffentlichten Betrachtungsweisen die ein, wichtige: WAS WÄRE WENN ... Was wäre aus Putin und aus Russland - und zwar auch als "worst case" Betrachtung - geworden, wenn Putin/Russland die Revolution/Putsch in der Ukraine einfach so hingenommen, womöglich gar unterstützt hätte????
berlin1136 25.02.2015
3. Deutsches Fernsehen...
Ich habe die Sendung gesehen. Deutsches Fernsehen bitte verschone uns künftig im Talk mit Werner Schulz und Arnulf Baring. Beide sind mir zu rückwärtsgewandt und können aus Ihrer irgendwo stehengebliebenden Sichtweise keinen konstruktiven Beitrag mehr leisten. AB ist im kalten Krieg hängen geblieben und WS 1989. WS könnte sich mit dem Gauckler in seiner Russenphobie die Hand reichen oder er hat zu viel mit Marie Luise Beck geredet. Übrigens war das für mich absolut keine Kabarett sondern eher total beängstigend. Zum Schluss hat es mich mehr an eine Exkurs in alte DDR-Zeiten erinnert. "Der Frieden muss bewaffnet sein", halt nur in spiegelbildlicher Form.
andreashirsch 25.02.2015
4.
Werner Schulz fiel Frau krone-schmalz ständig ins Wort mit unqualifizierten und unhöflich Bemerkungen. Zudem sagte schulz schon in seiner ersten Wortmeldung zwar verklausuliert aber dennoch für jeden verständlich, dass Waffen in die Ukraine geliefert werden sollen. Es waren diese unbelehrbaren und kriegstreiberischen Sätze, die auch einem Zuschauer Angst machten. Frau Krone-schmalz hat sich als einzige gut geschlagen. Und Baring mit seiner Forderung nach mehr Säbelrasseln war einfach nur gefährlich gestrig. Schlimm dass solche wie er oder Schulz ernst genommen werden.
and_one 25.02.2015
5. Die Frage von Krieg oder Frieden ist schon lange beantwortet
Es ist wie bei einer Schwangerschaft: Ein bisschen Krieg gibt es nicht! Natürlich verhindert Einkinicken vor der Aggression einen Krieg, aber wohin Appeasement führt haben wir in Europa schon einmal ausprobiert.
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