"Maischberger" zu Flüchtlingen "Führen 100.000 Abgeschobene dazu, dass wir uns sicherer fühlen?"

Nach dem Mord an der Studentin in Freiburg diskutierte Maischberger über "Angst vor Flüchtlingen". Zwar gab die AfD-Politikerin in der Runde Merkel eine Mitschuld an dem Tod. Sonst ging es aber mit Verstand zu.

WDR/ Melanie Grande

Der Fall der getöteten Studentin Maria L. in Freiburg hat die ohnehin schon aufgeheizte Stimmung gegen Flüchtlinge im Land noch einmal verschärft, die Polizei nahm einen 17-jährigen Asylsuchenden aus Afghanistan fest. Moderatorin Sandra Maischberger nahm die Freiburg-Debatte zum Anlass für ihre aktuelle Talkrunde und fragte: "Angst vor Flüchtlingen: Ablehnen, ausgrenzen, abschieben?"

Unter solchen Umständen ist es umso bemerkenswerter, wenn es in einer Talkshow gelingt, ein paar Dinge mit Anstand und Verstand zurechtzurücken, ohne dabei die Realität aus den Augen zu verlieren: weit weg von den Tagen des Sommermärchens 2015, dominiert mittlerweile von Unsicherheitsgefühlen, mit denen auch versucht wird, politisches Geschäft zu machen.

Richtige Fragen können da einen Beitrag zur Klärung leisten. Maischberger selbst traf den Kern, als sie wissen wollte, ob es tatsächlich einen Unterschied mache, wenn solch ein Verbrechen von einem jungen, unbegleiteten Flüchtling oder einem Bio-Deutschen begangen werde.

Gesine Schwan, Sozialdemokratin und Politologin, erwiderte, natürlich sei die moralische Qualität hier wie dort keine andere. Oder ob es etwa eine spezielle Moral-Prüfung für Migranten geben solle? ARD-Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar gab zu bedenken, dass solche Taten immer "die absolute Ausnahme" seien, unabhängig von der Nationalität. Daraus Verallgemeinerungen abzuleiten sei ähnlich geistreich, wie die These, alle Deutschen seien Nazis. Es sei "ein absurdes Konstrukt", dass Flüchtlinge nichts anderes im Sinn hätten, als über deutsche Frauen herzufallen.

Das ging nicht zuletzt an die Adresse der neben ihm sitzenden Deutschen Alice Weidel von der AfD. Die hatte sich zu diesem Zeitpunkt weitgehend aus der ernsthaften Diskussion verabschiedet. Zum einen mit ihrer Behauptung, die Kanzlerin und ihre Regierung trügen eine Mitverantwortung am Tod der Studentin. Zum anderen mit ihrem Mantra, es handele sich bei der Flüchtlingskriminalität um ein strukturelles Problem.

Da war selbst Paul Ziemiak, Vorsitzender der Jungen Union ("Nicht jeder, der in Deutschland leben will, kann auch in Deutschland bleiben") und gerade vom CDU-Parteitag zurück, fassungslos: "So ein dummes Zeug." Trockener Kommentar Maischbergers zum Vorwurf fehlender Kontrollen: Man könne doch an der Grenze nicht feststellen, ob jemand ein potenzieller Mörder sei.

Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister von Tübingen, wird wegen seines allzu großen Verständnisses für die besorgten Bürger von manchen schon einer gewissen AfD-Nähe bezichtigt. Er mahnte nun zwar eine offene Diskussion über das allgemeine Sicherheitsbedürfnis an, warnte aber zugleich davor, daraus die falschen Schlussfolgerungen zu ziehen und sich abschotten zu wollen.

Mit dem Schlussfolgern ist es bekanntlich eine besondere Sache, sobald die Statistik ins Spiel gebracht wird. Palmer und vor allem Yogeshwar gaben sich Mühe, der AfD-Politikerin zu erklären, dass man die Erhebungen des BKA zur Ausländerkriminalität eben nicht nur lesen, sondern auch richtig zu deuten wissen müsse. Unter Einbezug der entsprechenden Korrekturfaktoren ist sie nicht höher als die der Deutschstämmigen. Insgesamt geht die Schwerkriminalität sogar kontinuierlich zurück.

Yogeshwar wies mit milder Süffisanz darauf hin, dass 16-mal mehr straffällige Männer als Frauen in Gefängnissen sitzen. Ob man die Männer deswegen abschaffen solle? Und Schwan fragte rhetorisch: "Führen 100.000 Abgeschobene dazu, dass wir uns in Deutschland sicherer fühlen?"

Hans Lehmann, pensionierter Schuldirektor und Flüchtlingshelfer in Freiburg, saß nicht mit in der Runde, sondern war anfangs nur zeitweilig zugeschaltet. Doch was er sagte, blieb haften. Da war jemand über die in keiner Weise absehbare Tat des betreuten jungen Afghanen einfach nur ratlos und bestürzt, auch wegen der "furchtbaren Schmähungen", die er nun erhalte. Die Konsequenz? "Jetzt erst recht." Das werde "Freiburg nicht umhauen".

Dann erinnerte er an einen ähnlichen Fall vor einem Jahr, in dem ein Deutscher seine Nachbarin umgebracht hatte. Er habe damals keine Forderungen gehört, dass deswegen Nachbarn abgeschafft werden sollten, sagte Lehmann - und damit war zum Thema Pauschalisierung und Generalverdacht eigentlich schon das meiste gesagt.

Ganz zum Schluss gab es dann noch einen Moment, in dem sich plötzlich alle einig waren, dass es unbedingt ein Zuwanderungsgesetz geben müsse. Dass die AfD-Politikerin dies als exklusives Projekt ihrer Partei reklamierte - geschenkt. Aber auch der CDU-Politiker war sich sicher, dass die Union in der nächsten Legislatur dafür sein werde. Und das war an diesem Abend dann doch ein bisschen überraschend.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.