"Maischberger"-Talk zu US-Vorwahlen "Trump ist so'n bisschen Ekel Alfred"

Clinton-Fans, eine Trump-Anhängerin und Debra Milke, die 22 Jahre im US-Todestrakt saß - sie alle versuchten gemeinsam mit Sandra Maischberger die Frage zu klären: "Wer versteht die Amerikaner?"

WDR/ Max Kohr

Zur Sendung: Bei den US-Vorwahlen ist der Republikaner Donald Trump auf Erfolgskurs. Dass seine radikalen Ansichten bei vielen Amerikanern ankommen, hat jüngst sein gutes Abschneiden beim Super Tuesday gezeigt (alle wichtigen Informationen zu den Vorwahlen lesen Sie hier). Sandra Maischberger nahm das zum Anlass für ihre aktuelle Sendung, sie stand unter dem Motto: "Trump for President: Wer versteht die Amerikaner?"


Ein Phantom geht um in Amerika - und viele sind überrascht und ratlos, wenn der Name Donald Trump fällt. Selbst ausgewiesene Kenner des uns so fremden politischen Systems, das keine klassischen Parteienstrukturen hat und schon mal einem Erdnussfarmer und einem Hollywood-Cowboy den Einzug ins Weiße Haus ermöglichte, tun sich offenkundig nicht ganz leicht mit ihrem Urteil über den Tycoon mit der komischen Frisur.

Was soll man nun halten von einem Mann, der so ziemlich alles beleidigt, was sich bewegt und der permanent durch irres Gerede mit hohem Sexismus- und Rassismus-Anteil auffällt? Hans-Christian Ströbele gestand in der "Maischberger"-Sendung, hin- und hergerissen zu sein, ob er Trump bei all der "Unanständigkeit" wirklich ernst nehmen solle - und zwar schlicht wegen des Fehlens erkennbarer Positionen. Ein bisschen illusionär wünschte sich der Alt-Grüne, es möge doch am besten sein Favorit, der Sozialist Bernie Sanders, gegen den Kapitalisten Trump zur Präsidentschaftswahl antreten.

Das hatte unter anderem zur Folge, dass die einzige bekennende Trump-Anhängerin in der Runde offenbarte, auch sie sei Sanders-Fan. Und damit war man dann auch schon mittendrin in dem Versuch, sich einen Reim auf das zu machen, was die Gastgeberin zu dem wahrhaft fragwürdigen Titel ihrer Sendung veranlasst hatte "Trump for President: Wer versteht Amerika?" Nadja Atwal, aus Deutschland stammende PR-Unternehmerin und auch schon in Diensten des Immobilien-Moguls tätig, formulierte es so: Trumps Feind sei das Establishment der Republikaner, es gehe um Reformen, auch bei der illegalen Einwanderung, klar. Aber tatsächlich sei er selbst, allen Äußerungen zum Trotz, weniger rechts und rigide als etwa Ted Cruz.

"Herr und Frau Kleinbürger denken auch so"

Da konnten auch der WDR-Intendant und langjährige USA-Korrespondent Tom Buhrow und der frühere Deutschland-Botschafter John Kornblum anknüpfen. Beide sind überzeugte Anhänger von Hillary Clinton und ihres Sieges gewiss. Und beide mochten den Sprücheklopfer nicht unbedingt als Rassisten verortet sehen. "Herr und Frau Kleinbürger denken auch so", sagte Kornblum. Es gebe viel tiefe Verbitterung über die etablierte Politik und Trump habe nun mal gelernt, dass er umso erfolgreicher sei, je dreister er auftrete.

Buhrow stimmte ein, es gehe Trump und seinen Anhängern darum, dem herkömmlichen Politikbetrieb "den Stinkefinger zu zeigen" - ähnlich wie es derzeit hierzulande seitens der Rechtspopulisten geschehe: "Dasselbe Phänomen." Zugleich warnte er aber auch vor "politisch-korrekter, elitärer Arroganz" beim Blick auf ein großes Land, in dem immer schon auch Exzentriker ihre Chance gehabt hätten, eben weil sie sich der Direktwahl zu stellen hätten.

Auch der amerikanische Ex-Diplomat verwies mit Blick auf die AfD oder Marine Le Pen auf die Parallelen zu den aktuellen deutschen und europäischen Verhältnissen und auf die vergleichbaren Stimmungslagen der Nationen. Da konnte dann sogar Konsens unter Einschluss Ströbeles erzielt werden. Den originellsten Einfall des Abends hatte Kornblum jedoch in Bezug auf die titelgebende Hauptfigur, die bei allen Charakterisierungsbemühungen irgendwie doch nicht so richtig zu packen schien.

Ist Trump nur ein Maulheld? Ein Schwindler? Wirklich erfolgreich oder bloß reicher Erbe? Womöglich gar ein verkappter Liberaler?

Kornblum jedenfalls fühlte sich durch ihn an eine deutsche Fernseh-Legende erinnert, an Tetzlaff, das "Ekel Alfred". Das kam der Sache sicherlich näher als jener Vergleich, den Maischberger zuvor angestellt hatte, indem sie Dieter Bohlen ins Spiel brachte - ungeachtet der Gefahr, diesen indirekt zu beleidigen.

Folgt man Buhrow und Kornblum, wird Trump allen Hoffnungen von Frau Atwal und den alarmistischen Sorgen Ströbeles ("neue Kriege") zum Trotz ohnehin nie mehr werden als maximal Kandidat, da Hillary Clinton letztlich das Rennen machen werde - gerade wegen ihrer professionellen Vorteile gegenüber dem Polit-Amateur und der von ihr wohl doch eher zu erwartenden Fähigkeit, die notwendige "Regenbogen-Koalition" in einer breiten Mitte hinter sich zu sammeln. Das klang dann doch ganz beruhigend.

Von dem etwas unmotiviert anmutenden Auftritt der Deutsch-Amerikanerin Debra Milke, die gegen Schluss zu der Runde stieß, ließ sich das weniger sagen. Sie hat aufgrund eines Justizskandals 22 Jahre unschuldig in der Todeszelle verbracht und damit "einen amerikanischen Albtraum" hinter sich, wie es der SPIEGEL nannte.

Ein Gericht hatte sie schuldig befunden, zwei Männer zum Mord an ihrem Sohn angestiftet zu haben. Es gab jedoch keine direkten Beweise für ihre Verwicklung. 2013 wurde Milke gegen Auflagen aus der Haft entlassen, im vergangenen Jahr wurde das Verfahren endgültig eingestellt. Die 51-Jährige hat inzwischen eine Zivilklage gegen die Behörden in Arizona eingereicht, um Schadensersatz für die Zeit der Haft zu bekommen.

Ihr Schicksal bot Anlass, noch über einiges andere nachzudenken und zu reden, was es uns oft schwer macht, Amerika zu verstehen.

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Olaf 03.03.2016
1. Silvio Berlusconi der Amerikaner
Nein, Donald Trump ist für die Amerikaner, was Silvio Berlusconi für die Italiener war. Da haben sich ja auch immer alle gewundert, wie der gewählt werden konnte, aber er hat eben eine Mehrheit der Italiener angesprochen. Und den musste Europa auch ertragen.
Ossifriese 03.03.2016
2. Aufklärung
Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, sich um Trump zu kümmern, vielleicht sollte man stärker auf die Frau Clinton fokussieren. Nachdem, was ich bisher - und das ist nicht viel - gelesen habe, geht offenbar eine außenpolitische Bedrohung von dieser Kandidatin aus, die mir zur Zeit genau soviel Angst macht, wie die Ausfälle Trumps. Durchleuchten bitte, SPON!
Hamada 03.03.2016
3. Das hat doch nichts mit Demokratie zu tun
Wenn ein paar reiche US-Amerikaner sich die politischen Ämter mit einem fragwürdigen Wahlsystem angeln. Ich wüsste keinen europäischen Regierungschef, die alle demokratisch an die Macht gekommen sind, die in den USA nur den Hauch einer Chance hätten gewählt zu werden.
bluesbrother54 03.03.2016
4.
Ein Mann der klaren Worte oder eine scheinheilige, machtgeile Kandidatin des Establishment. Mehr Auswahl haben die Amerikaner nicht. Aber, wenn man Trumps überspitzte Rethorik und einige verbale Ausfälle weglässt, was bleibt dann? Keine illegale Einwanderung, Syrer sollen in Syrien bleiben, Stärkung der einheimischen Wirtschaft, Steuersenkungen. Dies sind natürlich Themen, mit denen man in Deutschland, auch keinen Wahlkampf machen darf. Vielleicht deshalb, das Unverständnis unserer Medien, inklusive Frau Maischberger.
diggson 03.03.2016
5. Warum nicht?
Sollen doch alle LePens, Petrys und Trumps dieser Welt ihre Chance erhalten. Raus aus der Großschnauzen-Opposition hin zum "Realpolitismus". Schnell würden den Pegida-Heineis und 'besorgten Bürgern' die Augen geöffnet, was da eigentlich für Flöten im Sattel sitzen. Die 80% meist jungen, offenen politisch interessierten Leute hier in Deutschland und in Übersee sollten sich nicht von den 20% alten vergrätzten, Jammerossis und rechten Vollidioten das Land versauen lassen. Man muss die faule unpolitische Wurzel dieser verkappten Nazis ausbuddeln und in die Sonne halten, schnell würden (wie bei den Piraten) die Kartenhäuser zusammenfallen
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