16. Januar 2013, 08:00 Uhr

Maischberger-Talk zu Übergewicht

Einfach Hara hachi bu

Von Torsten Landsberg

Was tun gegen Übergewicht? Die Gäste bei Sandra Maischberger präsentierten ausgefallene Rezepte - Graszupfen zum Beispiel oder "Friss die Hälfte" auf japanisch. Dabei ist das Thema durchaus ernst, jeder zweite Deutsche hat zu viele Pfunde. Nur wo ist Oliver Kahn, wenn man ihn mal braucht?

Weihnachten liegt drei Wochen zurück, höchste Zeit also für den Kampf gegen die Pfunde. Unter dem etwas ungelenken Titel "Krieg den Kilos: Wie geht schlank?" ließ Sandra Maischberger in ihrer ersten Sendung des Jahres mit der Mär aufräumen, die traditionelle Gewichtszunahme zum Fest bewege sich im mehrstelligen Kilobereich. Tatsächlich liege das Plus durchschnittlich bei 350 Gramm, was ja erst mal beruhigend klingt, auch wenn sich die Realität anders anfühlt.

Also alles halb so wild, das mit dem Zunehmen, kann doch jedem mal passieren. Diesen Eindruck vermittelt auch Oliver Kahn, der neuerdings für Weight Watchers werbende Ex-Titan. Der einst Unbesiegbare fordert in seinen Spots gar: "Verlier wie ein Mann." Dass Kahn nicht in der Runde sitzt, soll sich später noch als Makel erweisen.

Dafür ist die frühere Eisprinzessin Katarina Witt gekommen, auch sie wirbt für das Punktezähl-Unternehmen, das Gefahr läuft, als exklusive VIP-Diätlösung für Ex-Sportler missverstanden zu werden. Die Testimonials Kahn und Witt sollen dem Normalsterblichen wohl verdeutlichen: Wenn sogar die Probleme mit dem Gewicht haben, ist das bei mir bestimmt nichts Besonderes.

"Die falsche Frage"

Ist es auch nicht, denn laut Statistischem Bundesamt ist fast jeder zweite Deutsche übergewichtig. Darüber, wann Übergewicht denn nun eigentlich anfängt, ist die Runde jedoch uneins. Ein bisschen ratlos schaut zu, wer zwar schon mal vom Body-Mass-Index (BMI) gehört, aber keine Ahnung davon hat, wie man den berechnet (Körpermasse in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat). Der Medizinjournalist Werner Bartens hält vom BMI ebenso wenig wie von Selbstkasteiung. Als die Gastgeberin die "wichtige Frage: Was ist Normalgewicht?" stellt, widerspricht Bartens, das sei "doch die falsche Frage".

Witt rückt ihr Oberteil in Bauchhöhe zurecht, wenn ein anderer spricht, und gesteht, schon als Teenie während der Karriere mit ihrem Gewicht gekämpft zu haben. Mit dem Altern sei es dann schwerer geworden, die Pfunde zu reduzieren, sagt die 47-Jährige, die weder ihr Körpergewicht noch die Konfektionsgröße preisgibt. Ist sie verschämt, weil sie mit ihrer eigenen Vergangenheit konkurriert? Schließlich posierte sie schon zweimal für den "Playboy", die letzten Nacktaufnahmen liegen zwölf Jahre zurück.

Diese Bilder scheint Medizinjournalist Bartens im Kopf zu haben, als er Witt attestiert, sie wäre auch "mit sechs Kilo mehr noch schlank". Bartens spricht von der "Absurdität", dass die durchtrainierten Ex-Sportler nun von überhöhtem Gewicht sprächen. Witt habe ja vielleicht ein "persönliches Problem". Als die ihre eiserne Disziplin als unzureichend wertgeschätzt empfindet, sagt sie, das sei "wirklich Arbeit". Der Journalist bleibt unverbesserlich: "Ja, aber wofür denn?"

Löwenzahn zum Frühstück

Bartens ist unzufrieden mit der missionierenden Bevormundung gewichtiger Menschen, womit er zwar unterhaltsam ist, aber eben auch die Sendung von der Beantwortung der Frage abhält, die sie selbst gestellt hat. Übergewicht könne im Alter gar gesund sein, sagt er, das Übergrößen-Model Rebecca Jahn, 140 Kilo schwer, verteidigt er gegen die "erzieherische" Hera Lind.

Der als "Rohkost-Guru" vorgestellte US-Amerikaner Markus Rothkranz schaltet sich ein. Mit dem Dauergrinsen eines Fernsehpredigers berichtet er von sinnstiftenden 40 Tagen, die er nackt in der Wüste verbracht hat. Seitdem ernährt er sich von veganer Rohkost, zupft morgens Gras und Löwenzahn zum Frühstück. Das schütze ihn vor Übergewicht, sagt er, derweil parallel im RTL-Dschungelcamp Kotzfrucht und pürierte Käfer serviert werden. Auch eine Art, Gewicht zu verlieren - wenn auch nur kurzfristig.

Für die Dschungelshow hat die frühere Bestsellerautorin Lind mal eine Einladung ausgeschlagen, jetzt erzählt sie bei Maischberger, nach vier Schwangerschaften darauf zu schwören, sich jeden Tag eine Stunde zu bewegen. Sie nickt anerkennend, während der Grünzeug-Guru predigt und man als Zuschauer denkt: Hm, schaden kann's ja nicht. Bartens weiß es besser, er lächelt überlegen und sieht davon ab, auf die Ausführungen des Brennnessel-Fürsprechers zu reagieren. Stattdessen sagt er an Maischberger gerichtet: "Es sind ja immer sehr interessante Gäste bei Ihnen in der Sendung."

Bartens spricht auch noch von "Hara hachi bu", der japanischen Variante von FDH (Friss die Hälfte), und widerspricht dem Internisten Alfred Wirth, der Proteine in Form von Dosenpulver empfiehlt. Eiweiß, das muss man wissen, gilt in der gegenwärtigen Lehre des Gewichtsverlusts als Nonplusultra. Umso betrüblicher: das Fehlen Oliver Kahns, dem die einmalige Chance entgeht, im Kampf gegen die Pfunde seiner alten Forderung Nachdruck zu verleihen: "Eier, wir brauchen Eier!"


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