"Maischberger" zur Türkei-Krise "Herr Erdogan hat nichts in der EU zu suchen"

Sandra Maischberger wollte wissen: Kann die Eskalation zwischen Erdogan und Deutschland gestoppt werden? Dank Aydan Özoguz wurde die Sendung noch interessant - sie stellte die richtige Frage nach Identität und Loyalität.

Markus Söder, Tugrul Selmanoglu
WDR

Markus Söder, Tugrul Selmanoglu


Spät wurde es interessant, dann aber richtig, als Aydan Özoguz die entscheidende Frage des Abends stellte. SPD-Politikerin Özoguz ist, AfD-Freunde wissen das, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung und steht auf der Liste der Leute, die Alexander Gauland gerne "nach Anatolien entsorgen würde".

Mit Blick auf Tugrul Selmanoglu, in Heilbronn geborenes "einfaches AKP-Mitglied" und Befürworter der Politik von Recep Tayyip Erdogan, stellte Özoguz fest: "Sie sprechen immer so, als ob Sie aus der Türkei jetzt hier zu Gast wären." Wie könne es sein, dass sich hier lebende Menschen durch "irgendjemanden in der Türkei besser vertreten" fühlten? Moderatorin Sandra Maischberger: "Na, das interessiert mich aber auch!"

"Es geht um Menschenrechte"

Zuvor war die Debatte zur Frage, wie die "Eskalation" zwischen den beiden Ländern gestoppt werden könne, auf den üblichen Gleisen dahingezockelt. Markus Söder (CSU), bayerischer Finanzminister, will ein autoritäres "Übermaß" in Ankara verspüren, welches das Vertrauen in den türkischen Rechtsstaat untergrabe. Er wolle nicht nur die Beitrittsgespräche beenden, sondern auch "die Finanzbeziehungen noch mal intensivst prüfen, ob die so weitergehen".

Doris Akrap von der "taz" gibt zu bedenken, eine Beendigung der Gespräche spiele Erdogan in die Hände: "Es geht nicht darum, dass die Türkei nichts in der EU zu suchen hat. Herr Erdogan hat nichts in der EU zu suchen." Gut hätte Akrap allerdings gefunden, wenn "hier heute Abend auch mal ein Vertreter von Siemens" gesessen hätte, um über wirtschaftliche Hebel gegen die Türkei zu reden. Selmanoglu will wissen, wieso Druck auf die Türkei ausgeübt werden müsse. Akrap: "Es geht um Menschenrechte, das scheint Ihnen nicht ganz klar zu sein!"

Nachdem sie, eine enge Freundin von Deniz Yücel und sehr aktiv um seine Freilassung bemüht, dessen Alltag im Gefängnis schildert, meldet Selmanoglu sogleich weitere Einwände an: "Es werden Wahrheiten verdreht und verzerrt", das sei keine Isolationshaft. "Überlegen Sie nur", führte er ins Feld, "wie lange es bei den NSU-Prozessen gedauert hat, bis eine Anklageschrift steht".

Die türkische Justiz sei da "sehr penibel", der Vorwurf schwer. "Die türkischen Medien", so Selmanoglu weiter, "berichten ganz anders über diese Geschichte", was womöglich Teil des Problems ist.

Erdogans Verteidiger

Wiederum ganz anders über diese Geschichte berichtet der Schriftsteller Dogan Akhanli, auf Betreiben der türkischen Behörden in Spanien verhaftet und aus Madrid zugeschaltet. Er kennt den Staat als willkürlich und, anders als Selmanoglu, das türkische Gefängnis als einen "unangenehmen Ort".

Der AKP-Freund beharrt: "Es gibt kein Verständnis für die Situation der Türkei. Wir reden nicht über Schweden, wir reden nicht von Finnland." Da gebe es eine Sekte, die den Staat unterwandert habe; einen Krieg im Süden; einen Putschversuch; mehrere Terrororganisationen. Aydan Özoguz pflichtet deeskalierend bei und äußert Verständnis für die Perplexität der Türkei darüber, dass es nach dem Putsch keine unterstützenden Stimmen aus Deutschland gegeben habe.

Ähnlich bringt sich Günter Seufert ein, Experte für die Türkei. Er verweist auf das unterschiedliche "Demokratieverständnis", aber auch auf die migrationshistorisch bedingte, weltweit "einmalige Verbindung" beider Staaten. So seien Impulse, etwas über die Rolle der Religion oder über die Rolle der Frau in der deutschen Gesellschaft nachzudenken, auch aus der Herausforderung einer muslimischen Zuwanderung gekommen. Deshalb gebe es "eine große Bereitschaft, ein bisschen sehr aufgeregt zu sein, wenn es um die Türkei geht". Ergebnis dieser Aufregung sei die Bundestagsresolution zum Genozid an den Armeniern gewesen. Die etwa habe rein gar nichts erreicht, aber "die Reihen der Konservativen in der Türkei" geschlossen.

Und dann stellt, nachdem die Diskussion für eine Weile auf das Nebengleis der Leitkulturdebatte geraten ist, Özoguz unvermittelt ihre Frage nach Identität und Loyalität. "Es ist komisch", spottet Selmanoglu, "dass Sie mir die Frage stellen. Sie sind ja die Integrationsministerin". Aber dann erzählt er doch, wie er "erfahren habe, dass ich Türke bin".

Es folgt eine zunächst leicht läppisch wirkende Anekdote vom besten Freund im Kindergarten, Sohn eines CDU-Politikers, der ihn dann nicht zum Geburtstag eingeladen hatte - ein erster Baustein von vielen, die sich im Laufe seines Lebens zu einem echten Schatz aus manifesten Ausgrenzungserfahrungen auftürmten.

An diesem Punkt hat die Debatte ihren Kern erreicht, jenseits von Beitrittsverhandlungen, Boykotten und Schuldzuweisungen. Özoguz räumt ein, dass es solche Erfahrungen gebe. Und Seufert fügt aus wissenschaftlicher Sicht hinzu, dass unterschiedliche Gruppen aus diesen Erfahrungen unterschiedliche Schlüsse zögen: "Je konservativer man ist, je religiöser", desto eher sei man geneigt, der Argumentation des türkischen Präsidenten sein Ohr zu leihen.

Umgekehrt diene die Konfrontation mit der Türkei hierzulande vor allem der AfD. Es wäre also, so das sinngemäße Resümee, für alle Beteiligten das Gesündeste und ein konstruktiver erster Schritt, die jeweiligen Bedürfnisse, Neurosen und Kränkungen des Gegners zu verstehen. Es hilft ja nichts.

insgesamt 85 Beiträge
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axel.rex 07.09.2017
1. Hätte man auch Alice Weidel einladen müssen,
das wäre eine echte Diskussionssendung geworden. Schade, dass man nur Özguz ins Scene setzte und dieses Chance zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung links liegen gelassen hat.
Ambrosicus 07.09.2017
2. Solche Experten hab' ich gerne.
Wenn irgendwo in der Welt des Holocausts gedacht wird, denkt niemand darüber nach, ob damit in Deutschland "etwas erreicht" würde, die Frage stellt sich gar nicht. Es geht da zuallererst um die Opfer, nicht um das Land der Täter. Warum sollte es mit dem Gedenken an den Völkermord an den Armeniern anders sein?
eunegin 07.09.2017
3. Erdogan ungleich Türkei
Auch wenn Erdogan in unsäglicher Weise seine eigenen Landleute und jeden, der nicht 100%ig für ihn ist, drangsaliert: es gibt sie immer noch, die andere, die freundliche und westgewandte Türkei. Das sollten wir bei allem Frust über den politischen Geisterfahrer und Falschabbieger nicht vergessen. Hilft in diesem Augenblick wenig, lässt aber einen Funken Hoffnung für die Zukunft.
akohle 07.09.2017
4. Darf man das so schreiben...
Mir ist aufgefallen, das insbesondere Leute, die ihre Wurzeln in der Türkei haben, meist nicht hinter "Präsident" Erdogans (Die Gänsefüßchen... Ich denke, für das Amt eines Präsidenten braucht es mehr) Politik und Verfahrensweise stehen, sobald sie etwas gebildeter und mit emotionaler Intelligenz ausgestattet sind. Sobald das Sozialverhalten rauer ist, die Aggressionsschwelle niedriger, das Selbstbewusstsein weniger vorhanden ist, sind Leute viel häufiger "Anhänger" bis strikter Verfechter dieses "Präsidenten". Ein Freund von mir mit marokkanischen Wurzeln hat mal gesagt, dass die türkisch stämmigen Leute doch in die Türkei ziehen sollen, wenn es sich hier so schlecht leben lässt.
fred-vom-saturn 07.09.2017
5. Die Frage des Abend
Hätte lauten müssen: Weshalb jemand der Ausgrenzungserfahrungen gemacht hat sich plötzlich als Türke wähnt und allen ernstes an den schlimmsten Unsinn glaubt, welcher von Erdogan tagtäglich verzapft wird. Der sich in eine Fernsehsendung setzt und bereitwillig erklärt das Erdogan und die Türkei Super seien. Wieso fragt den keiner weshalb er dann nicht in Istanbul oder sonst wo im neuen Sultanat lebt. Das ist keine polemische Frage. Diese Frage muss man Menschen wie ihm stellen.
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