Sarrazin-Zirkus bei "Beckmann" Thilo springt, und alle schauen hin

Sarrazin überall, auch beim ARD-Talk "Beckmann". Die Redaktion versuchte, die kruden Integrationsthesen des Bundesbankers zu entlarven: mit lebendigen Gegenbeweisen und einem Moderator, der den kritischen Journalisten gab. Doch am Ende nützte es nur: dem Gast.

Von

Thilo Sarrazin zu Gast bei "Beckmann": "Ich arbeite hier an der Erhöhung meiner Auflage"
DPA

Thilo Sarrazin zu Gast bei "Beckmann": "Ich arbeite hier an der Erhöhung meiner Auflage"


Es geht schon los, bevor es überhaupt losgegangen ist - den ganzen Tag über Sarrazin rauf und Sarrazin runter auf allen Kanälen, ohne Pause, bis zur letzten ARD-Sendung des Tages. Aber "Beckmann" mit Thilo Sarrazin hat noch gar nicht begonnen, da wird das offenbar nicht zu ermüdende Publikum schon auf die kommende Ausgabe von "Hart aber fair" hingewiesen, zu Gast: Thilo Sarrazin, wer sonst?

Wenn Sie jetzt sagen, ha, und dieser Artikel, der ist doch auch nur wieder über Sarrazin, also Teil dieses schrecklichen Medienhypes! Dann kann ich Ihnen erstens nur antworten: stimmt - das ist das Sarrazin-Paradox. Zweitens muss ich Sie jedoch darauf hinweisen, dass Sie diesen Text über das Medienmonster Sarrazin offenbar gerade lesen. Zwingt Sie ja niemand dazu. Und drittens muss ich gestehen, dass ich mich selbst ein wenig schäme, mich als seriöser, der Aufklärung verpflichteter Journalist am Zirkus Sarrazini zu beteiligen. Ehrlich.

Nach dieser ersten Entschuldigung folgt sogleich eine zweite: Die für die Formulierung "Zirkus Sarrazini". Sie ist sehr alt. Wenn man diese irgendwann mal lustig gewesene Wortschöpfung googelt, bekommt man 51.200 Ergebnisse in 0,21 Sekunden angezeigt, und es werden stündlich mehr. Wenn wir dieses Bild dennoch ein letztes Mal bemühen wollen, dann nur deshalb, weil das, was Thilo Sarrazin gerade tut, tatsächlich eine Zirkusnummer ist, ein Stunt: Hochverehrtes Publikum, sehen Sie nun den unglaublichen Thilo Sarrazin, wie er mit seinen hart am Rassismus schrammenden Thesen durch den brennenden Reifen der Medienaufmerksamkeit springt und dabei seine berufliche und politische Existenz aufs Spiel setzt! Staunen Sie darüber, wie er es dabei mühelos schafft, wissenschaftliche Erkenntnisse aus ihrem Zusammenhang zu reißen und nur kraft seiner Vorstellungskraft wieder zusammenzusetzen!

Die perfekte Illusion, live und in Farbe!

Aber nicht nur das! Der sensationelle Sarrazin vermag es, mitten im Sprung die Richtung zu wechseln und direkt wieder zurückzuspringen, indem er betont, er sei kein Rassist! Werden Sie, hochverehrtes Publikum, Zeuge eines Vorgangs, der den Gesetzen der Physik vollkommen widerspricht! Doch was Sie sehen, ist keine Hexerei, denn Sarrazin springt so schnell vor und zurück, dass er dabei in der Luft stehenzubleiben scheint, mitten im Lichtschein des brennenden Reifens! Sehen Sie, wie er dabei Zahlen in beide Richtungen spuckt! Die perfekte Illusion, live und in Farbe!

Auch die Redaktion des ARD-Talks "Beckmann" hat sich nicht dazu durchringen können und wollen, Thilo Sarrazin zu ignorieren. Sie hat es sich stattdessen zur Aufgabe gemacht, ihn zu entlarven. Das ist - jetzt bloß nicht an das Sarrazin-Paradox denken! - selbstverständlich ein ehrenwertes Ansinnen und in Ansätzen auch gut gelungen. Zum Beispiel durch die Auswahl der Gäste. Da ist zunächst der hervorragend vorbereitete Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, erstens in seiner Funktion als hervorragend vorbereiteter Wissenschaftsjournalist und zweitens als höchst erfolgreicher Mensch mit Migrationshintergrund. Integration soll nicht funktionieren in diesem Land? Er ist der lebendige Gegenbeweis.

Denselben Gegenbeweis tritt die niedersächsische Integrationsministerin Aygül Özkan (CDU) an. Dann sitzt da noch Renate Künast von den Grünen, scharfzüngige Vertreterin ihrer Partei und erfahren genug, dem alten Medienfuchs Sarrazin zumindest theoretisch beikommen zu können. Und auch Olaf Scholz von der SPD ist da, wobei sich allerdings im gesamten Verlauf der Sendung nicht so recht herausstellen mag, warum eigentlich. Denn die Probleme, die das Noch-SPD-Mitglied Sarrazin seiner Partei verursacht, kommen in der Sendung kaum vor, und da wird Scholz einen Teufel tun, selbst mehr zu reden als unbedingt nötig.

Dank für die Dackelhaare

Und selbstverständlich ist da Reinhold Beckmann, der Gastgeber, der sich entschieden hat, mal wieder den kritischen Journalisten zu geben, indem er Thilo Sarrazins Monologe immer wieder konsequent unterbricht - was den aber wiederum in die Lage versetzt, sich immer wieder als Opfer zu gerieren, das nicht ausreden darf. So wird das nichts. Aygül Özkan versucht es anders. Sie kritisiert, dass Sarrazins Buch nicht die großen Leistungen der vielen Migranten in Deutschland würdige, die es doch auch gebe. Diese Argumentation läuft ins Leere. Denn es ist ja kaum anzunehmen, dass Sarrazin nichts von diesen Leistungen weiß. Er hat sich nur eben entschieden, sie nicht zu thematisieren. Renate Künast verheddert sich leider ein wenig in ihren eigenen Sätzen, als sie Sarrazin etwas langwierig logische Widersprüche in seiner Argumentation nachweisen will und verstolpert so wichtige Punkte.

Am meisten verspricht der Ansatz Yogeshwars: Detailliert erklärt er an Beispielen, wie überholt die Thesen Sarrazins sind, kontert dessen Studien mit anderen Studien. Und schleudert Sarrazin noch hin, sein Werk sei wie "nasse Dackelhaare". Aber auch so kann man Sarrazin nicht schlagen. Denn für die schöne Formulierung mit den Dackelhaaren bedankt sich der sogleich. Und inhaltlich ist bei ihm sowieso kein Blumentopf zu gewinnen. Er habe nun mal Recht, Intelligenz sei vererbbar, Zuwanderung von Muslimen eine Gefahr, davon ist er überzeugt und Punkt.

Erfolgreich darin, sich selbst mit Bedeutung aufzuladen

Aus Berlin live zugeschaltet wird die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan von der Humboldt-Universität. Im Gegensatz zu Sarrazin beschäftigt sie sich wissenschaftlich mit dem Thema Migration und Integration, und während sie ihre völlig von Sarrazin abweichende Einschätzung der Lage referiert, ist ihr deutlich der Ärger über dessen Stimmungsmache anzumerken. "Ich empfinde mich als Teil dieses Landes, und mein Deutschland möchte ich mir von Herrn Sarrazin nicht vermiesen lassen", sagt sie zum Abschluss ihrer Schalte, und das wäre ein wunderbarer Schlusssatz gewesen und auch das beste Argument gegen Sarrazin: Eine junge Frau, die selbstverständlich Deutsche ist und sich nicht bevormunden lassen will. Aber dann fühlt sich Beckmann berufen, sie mit folgenden Worten zu verabschieden: "Frau Foroutan, herzlichen Dank. Zur Erklärung: Sie sind in Boppard am Rhein zur Welt gekommen. Vater ist Iraner, dann ging's danach nach Teheran, mit zwölf Jahren sind sie zurückgekommen." Als ob das irgendetwas mit den von ihr vorgestellten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun hätte.

Eine der Zahlen, die Foroutan zitiert, bezieht sich auf die latente Ausländerfeindlichkeit in Deutschland: 52 Prozent der Befragten sind der Auffassung, es gebe hierzulande zu viele Ausländer. Das ist eine Menge, aber wenn man zum Beispiel schon einmal erlebt hat, dass die ansonsten vollkommen vernünftige Nachbarin sagt, die Post komme zur Zeit so spät, weil die jetzt "ein Neger" austrägt (und nicht etwa, weil der neue Mitarbeiter noch nicht ausreichend eingearbeitet ist), glaubt man die Zahl sofort. Für dieses riesige Publikum schreibt Sarrazin. "Ich arbeite hier an der Erhöhung meiner Auflage", bekennt er ganz offen. Und alle, die sich mit ihm öffentlich messen, helfen dabei kräftig mit.

Wie erfolgreich Sarrazin damit ist, sich selbst mit Bedeutung aufzuladen, zeigt sich an dem Berliner Streetworker Thomas Sonnenburg, der von Beckmann zwischendurch zur Situation der Migrantenkids in der Hauptstadt befragt wird. Sarrazins Buch werde bei denen Hass auslösen, sagt der Sozialarbeiter und berichtet von seinen Versuchen, diesen Jugendlichen eine Perspektive zu geben und sie mit positiven Anreizen zum Erwerb der deutschen Sprache anzuregen. Am Ende des Kurzinterviews äußert der Coach der RTL-Dokusoap "Die Ausreißer - der Weg zurück" einen Wunsch; er will jemanden einladen, sich die Arbeit seines Vereins mal anzusehen. Er könnte jetzt die Integrationsministerin Özkan auswählen oder die mächtigen Parteifunktionäre Scholz und Künast. Aber er wählt den, den er offenbar für den wichtigsten und einflussreichsten in der Runde hält: Den unglaublichen Thilo Sarrazin, Illusionist und Reifenspringer.

Im Anschluss berichtet das Nachtmagazin. Über wen wohl?



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 309 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
supertom 31.08.2010
1. Die Motive des Herrn Sarrazin
Ich finde gestern bei Beckmann wurde Sarrazin schon entlarvt. Und zwar hauptsächlich hat er sich selber entlarvt mit seinen wirren Erklärungsversuchen. "Pseudowissenschaftlich" nannte das Frau Künast und da hat sie nun vollkommen recht. Und mit Ranga Yogeshwar und Aygül Özkan sass der Gegenbeweis doch auch bei Tisch. Ich glaube einziger Sinn und Zweck dieses Buches ist das Herr Sarrazin damit Geld verdienen will und das wird ihm gelingen. Marketing ist doch alles. Trotz diesem profanen Hintergrund hat er schon ein allgemein wichtiges Thema für diese Gesellschaft angestossen. Wie wollen wir in Zukunft leben ? Wie soll sich unsere Gesellschaft entwickeln ? Und da gibt es nicht nur Probleme mit "lernunwilligen" Immigrantenkindern sondern z.B auch amoklaufende deutsche Jugendliche oder jede Menge junger Computersüchtiger die auch nicht mehr richtig schreiben und sich artikulieren können. In dieser Gesellschaft herrschen auch viel zu viele Illusionen über das was tatsächlich geschieht im Zuge der Globalisierung und der rasant wachsenden Weltbevölkerung. Ein "zurück" wird es definitiv nie mehr geben. Wir müssen also mit den Ausländern leben und das ist auch gut so. Man soll aber Probleme nicht nur erkennen sondern auch konkret daran arbeiten. Kritik ist wichtig und Kritikfähigkeit auch Ausdruck einer hochzivilisierten Gesellschaft aber neben der Kritik müssen auch Lösungswege gefunden werden. Herrn Sarrazin ist das doch vöölig schnuppe...er will Geld verdienen, thats it....!
kimba2010 31.08.2010
2. nope
Ein gehässiger Kommentar in Richtung Sarrazin. Die Rollen sind klar verteilt : Sarrazin ist "der Böse", der "Rassist", die anderen "die Guten" und "Aufgelärten", die einen "Unbelehrbaren" belehren wollen aner an seiner "Dummheit scheitern". Eine Weltsicht wie aus dem Lehrbuch der linken Political Correctness. Dabei übersieht der Autor : Sarrazin hat Recht und Fakten auf seiner Seite, daher musste er als Sieger vom Platz gehen. Natürlich gibt es "Vorzeigemigranten" wie Yogeshwar, aber sie bilden eine Ausnahme, sie sind nicht die Regel. Nicht Yogeshwar ist die Norm, sondern der Migrant, der nicht Deutsch spricht, sich nicht anpassen will oder kann und dafür noch Geld erwartet. Sarrazin hat das jahrzehntelang in Berlin beobachtet, Statistiken sprechen für ihn. Nun will man ihn mit der Rassismuskeule totschlagen anstatt eine ehrliche Diskussion zum Thema zu führen. Das alles ist ein erbärmliches Zeugnis über die sogenannte "Meinungsfreiheit" in der BRD.
kimba2010 31.08.2010
3. ...
Sarrazin als klarer Gewinner der Diskussion. Die anderen Gäste hatten ausser leeren Parolen nichts zu bieten.
hausmeister hempel 31.08.2010
4. Widerspruch
Zitat von supertomIch finde gestern bei Beckmann wurde Sarrazin schon entlarvt. Und zwar hauptsächlich hat er sich selber entlarvt mit seinen wirren Erklärungsversuchen. "Pseudowissenschaftlich" nannte das Frau Künast und da hat sie nun vollkommen recht. Und mit Ranga Yogeshwar und Aygül Özkan sass der Gegenbeweis doch auch bei Tisch. Ich glaube einziger Sinn und Zweck dieses Buches ist das Herr Sarrazin damit Geld verdienen will und das wird ihm gelingen. Marketing ist doch alles. Trotz diesem profanen Hintergrund hat er schon ein allgemein wichtiges Thema für diese Gesellschaft angestossen. Wie wollen wir in Zukunft leben ? Wie soll sich unsere Gesellschaft entwickeln ? Und da gibt es nicht nur Probleme mit "lernunwilligen" Immigrantenkindern sondern z.B auch amoklaufende deutsche Jugendliche oder jede Menge junger Computersüchtiger die auch nicht mehr richtig schreiben und sich artikulieren können. In dieser Gesellschaft herrschen auch viel zu viele Illusionen über das was tatsächlich geschieht im Zuge der Globalisierung und der rasant wachsenden Weltbevölkerung. Ein "zurück" wird es definitiv nie mehr geben. Wir müssen also mit den Ausländern leben und das ist auch gut so. Man soll aber Probleme nicht nur erkennen sondern auch konkret daran arbeiten. Kritik ist wichtig und Kritikfähigkeit auch Ausdruck einer hochzivilisierten Gesellschaft aber neben der Kritik müssen auch Lösungswege gefunden werden. Herrn Sarrazin ist das doch vöölig schnuppe...er will Geld verdienen, thats it....!
Nein, Herr Beckmann hat sich mit seinen Fragen (vor allem Nachfragen) entlarvt. Ein sehr schaler Nachgeschmack ist mir geblieben. Irgendwie Inquisition ......
perdido 31.08.2010
5. Schlafmittel
Wollte gestern Abend diese Sendung sehen, aber es ging mir genau wie vor einer Woche als ich Ausschnitte des Buches im SPIEGEL gelesen habe: mir war stinklangweilig. Ich verstehe nicht recht die ganze Aufregung, er schreibt genau so schlecht wie er spricht. Davon abgesehen dass seine Rhetorik nur populistisch und durchschaubar ist. Die Sendung war langweilig (nichts neues), eigentlich habe nur zehn Minuten ausgehalten, am liebsten hätte ich die Sendung aufgenommen und als Schlafmittel zu benützen. Lassen Sie alle Herr Sarrazin wo er hingehört: in die BILD Zeitung und die Nachahmer Pseudozeitungen, die einzige, ausser die dumme Selbsternannte Politiker der NPD und DVU und ähnliches, die es wirklich davon profitieren können. Eigentlich sollte die ganze Nation diesen dummen Mensch prominent ignorieren!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.