Sat.1-Film über sexuelle Belästigung: Chef darf alles

Von Daniela Zinser

Zeugin wird Opfer: Hella beobachtet, wie ihr Chef ein Zimmermädchen belästigt. Sie will helfen, doch ihre Courage bringt sie in Schwierigkeiten. Der Sat.1-Film "Mit geradem Rücken" überrascht mit der sensiblen Aufarbeitung des heiklen Themas - vor allem dank der Hauptdarstellerin Ann-Kathrin Kramer.

"Mit geradem Rücken": Courage im Hotel Fotos
SAT.1

Zugegeben, am Anfang war da ein gewisser Widerwillen. Ein Sat.1-Film über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz - Zimmermädchen! - und das auch noch auf dem Romantic-Comedy-Sendeplatz am Dienstagabend. Wird das irgendwas bemüht Heiter-Tiefsinniges zwischen dem Jennifer-Lopez-Kitschwerk "Manhattan Love Story" und dem Fall Dominique Strauss-Kahn?

"Mit geradem Rücken" überrascht angenehm, und das liegt vor allem an dem berührenden Spiel von Ann-Kathrin Kramer. Sie ist Hella, "Floor Supervisor" in einer Herberge namens Grandhotel in Hamburg, unschwer als Atlantic zu erkennen. Mit liebevoller Strenge hat sie die Zimmermädchen im Griff. Ihre Welt ist unten, zwischen Wäschewagen, unter dicken Lüftungsrohren, in langen Gängen und hinter rostigen Schränken der Umkleideräume.

Geordnetes Leben aus der Bahn geworfen

Hinauf ans Licht, in den Empfangsraum des Hotels, in die Zimmer, kommt sie nur, wenn sie sich Arbeit abholt, kontrolliert oder ihren Kolleginnen mal schnell helfend zur Seite springt. In rostrotgoldenes Licht ist dort oben alles getaucht, alles wirkt weicher, ein Sehnsuchtsort. "In die obere Etage" will Hella möglichst schnell. Die Bewerbung läuft. Aber ihre Chefin ist vor ihr dran mit dem Aufstieg.

Es sind ganz ruhige Bilder, mit denen Regisseur Florian Froschmayer, eigentlich abonniert auf Krimis wie "Tatort", "Küstenwache" oder "Soko 5113", die beiden Welten, das Oben und Unten, einfängt, ebenso wie Hellas Routine. Die immergleichen Wege, die Grußformeln, die Handgriffe. Vom Durchziehen der Einlasskarte morgens bis zum Aufschließen des Wagens in der Tiefgarage nach Dienstschluss. Wie sie nachts noch den Frühstückstisch deckt, Tassen, Teller, Besteck immer im gleichen Winkel.

Die Routine hält Hellas Leben zusammen. Anders als ihr Teenagersohn und ihre Schwester, die nach einer gescheiterten Liebe bei ihr einzieht, kann Hella nicht einfach mal so drauflos leben, intuitiv handeln, spontan genießen. Dieses Charakterbild entfaltet der Film langsam und eindringlich, Drehbuchautorin Sonja Krapoth nimmt so Schwung, um die Wucht, mit der sich für Hella alles ändert, umso stärker spürbar zu machen.

Per Beförderung zum Schweigen genötigt

Denn eines Tages kommt sie zufällig ins Zimmer, als der überaus beliebte Hoteldirektor (angemessen schmierig: Kai Wiesinger) Zimmermädchen Shirin (Pegah Ferydoni, "Türkisch für Anfänger") eindeutig zu nah kommt. Haben die beiden was miteinander? Hat sie ihn angemacht? Belästigt er sie? Die völlig verstörte Shirin lässt nach und nach heraus, dass das nicht das erste Mal war. Hella spricht den Direktor darauf an, der sich an nichts erinnern will, der Personalchef spielt die Sache herunter, und Hella wird unerwartet in die obere Etage befördert.

Für Shirin wird es immer schlimmer. Hella überzeugt sie, zur Polizei zu gehen. Plötzlich werden die Kollegen zu Feinden, sie ist die Verräterin. Die Wäschereileiterin, mit der Hella eben noch ihren Aufstieg feierte, bricht ihr Vertrauen und führt sie öffentlich vor. Es sei doch eigentlich eine Auszeichnung, wenn der nette Chef sich so für einen interessiert, und Shirin, die "sieht doch schon so aus, als würde sie gerne mal die Unterwäsche weglassen". Hella schleudert zurück: "Kannst du dir unter Frauensolidarität irgendwas vorstellen?"

Alle Sicherheit ist verloren

Sie muss viel Rückgrat und Zivilcourage beweisen, um Shirin weiter beizustehen. Doch die zieht aus Angst vor ihrer muslimischen Familie die Anzeige gegen den Direktor zurück. Für Hella werden die Flure gefühlt immer enger, alles ist eine stumme Bedrohung, auch die Tiefgarage, wo plötzlich der Direktor vor ihr steht. Er bedroht sie, knöpft ihre Hose auf, schiebt die Hand zwischen ihre Beine. Ein Machtbeweis, eine Demütigung. Hella ist vor Angst wie gelähmt, orientierungslos. Die üblichen Handgriffe sitzen nicht mehr. Endgültig ist alles außer Kontrolle.

Eine Polizistin rät ihr von einer Anzeige ab: "Die krempeln Ihr ganzes Privatleben um, die Boulevardpresse zieht Sie durch den Dreck." Und was ist mit Gerechtigkeit, mit den anderen Opfern, fragt Hella. Sie sei doch immerhin nicht vergewaltigt worden, entgegnet die Polizistin. Im Hotel wird sie fristlos gekündigt. Nun ist alle Sicherheit weg. Hella kämpft, um ihre Selbstachtung wiederzugewinnen. Und vielleicht ist das Ende etwas zu gut, aber bis dahin zeigt der Film einfühlsam und ohne Kitsch, was hinter der nüchternen Bezeichnung "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" stecken kann.


"Mit geradem Rücken", Dienstag, 20. November, 20.15 Uhr, Sat.1

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Ich Chef Du nix
immernachdenklicher 20.11.2012
Und wenn Ihnen die Arbeittsbedingungen nicht passen, draussen stehen Tausend Andere die gern unter diesen Bedingungen arbeiten wollen.
2. comment
Eviathan 20.11.2012
Zitat von sysopZeugin wird Opfer: Hella beobachtet, wie ihr Chef ein Zimmermädchen belästigt. Sie will helfen, doch ihre Courage bringt sie in Schwierigkeiten. Der Sat.1-Film "Mit geradem Rücken" überrascht mit der sensiblen Aufarbeitung des heiklen Themas - vor allem dank der Hauptdarstellerin Ann-Kathrin Kramer. Sat.1-Film "Mit geradem Rücken" über sexuelle Belästigung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/sat-1-film-mit-geradem-ruecken-ueber-sexuelle-belaestigung-a-868047.html)
Ui, nochmal ein "böse, böse Männer"-"gute, gute Frauen"-Film? Das überwiegend weibliche Zielpublikum wird sich in seinen Vorurteilen bestätigt sehen und sich freuen. Zeit für eine Frauenquote im Hotelgewerbe? Kann ja so nicht weiter gehen. Deswegen habe ich meinen Fernseher abgeschafft. Kann's nicht mehr sehen. Übrigens, bei aller Frauensolidarität: Es heißt Rückgrat, nicht Rückgrad.
3. Wichtiges Thema
inver 20.11.2012
Es ist wirklich erstaunlich, dass dieses wichtige Thema erst jetzt filmisch dargestellt wird! Leider kommt es immer wieder zu Übergriffen, gerade auf junge Frauen. Eine realistische Lösung, außer einer Kündigung, ist kaum vorstellbar, denn alle müssen ja auch in der Zukunft noch miteinander arbeiten. Wenn es aber mehr Frauen in den Chefetagen gäbe, dann wäre auch dieses Problem kleiner.
4. Vielleicht ist Niveau ja ansteckend
spon-facebook-10000172069 20.11.2012
Wie bitte? Dienstagabend und ein teifgründiger Film auf SAT1? Sollten Verantwortliche sich eher die Hitlisten von fernsehstrom.de und sendungverpasst ansehen statt der Quoten der GfK? In jedem Fall scheint es so zu sein, dass in Mediatheken andere Sendungen gesehen werden. Wenn das Einfluss aufs Programm hat, freue ich mich jetzt öfter auf diesen Sendeplatz. Mal gucken.
5. ein mutiger Film!?
Goldes 20.11.2012
Seit mehr als dreißig Jahren wird nun dieses Klischee bedient: Alle Männer sind potentielle Vergewaltiger, und Chefs stehen erst recht unter Generalverdacht. Jetzt kommt noch die Komponente der armen, abhängigen Türkin dazu. Schön, daß mal wieder sämtliche Klischees bedient werden. Das Opfer ist nicht die arme Hella sondern unsere Gesellschafts-Ordnung, die hier ein weiteres Mal madig gemacht wird. Ein mutiger Film wäre gewesen, ausnahmsweise mal etwas anderes zu erzählen, als diesen Klischee-Käse, den wir seit Jahrzehnten vorgesetzt bekommen.
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