Von Nikolaus von Festenberg
Ein Mensch, der ohne die leiseste Ahnung von einem Tag zum anderen in die Fänge der Justiz gerät, ist großer Romanstoff: Dem Helden von Alexandre Dumas' Roman "Der Graf von Monte Christo" ist so etwas passiert; Franz Kafka schildert in "Der Process" einen solchen Schlag aus dem Dunkel. Marco aus Uelzen, der im April 2007, damals 17 Jahre alt, in einem türkischen Hotel bei Antalya urlaubt, wird wohl nicht an große Literatur gedacht haben, als er mit einer Engländerin auf deren Hotelzimmer geht, wo sie mit ihrer Schwester sturmfrei wohnt - die Mutter, die in Scheidung lebt, leistet sich ein Extra-Appartement.
Marco ist kein erfahrener Frauenheld. Später wird er sich erinnern: Nach ein paar Zärtlichkeiten kommt es ihm vorzeitig, die Hand des Mädchens unter seiner Hose hat ausgereicht. Marco verlässt die junge Engländerin. Am nächsten Tag will er mit seinen Eltern zurück nach Uelzen fahren. Weshalb er sich kurz vor der Abfahrt noch einmal an der Rezeption melden soll, weiß er nicht. Er erfährt, dass er von der Mutter der 13-Jährigen wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt worden ist. Er versteht die Welt nicht mehr.
Ob Marcos Version seiner vollkommenen Unschuld die Wahrheit beschreibt, weiß niemand. Ein Film kann kein Gericht ersetzen. Der Film muss sich aber bei seiner Erzählung für eine Position entscheiden. Der Sat.1-Film "Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis" tut es - so wie es Dumas getan hat. Er entscheidet sich für die Unschuld des Verdächtigten. Er beschreibt eine Passion. Er stützt sich auf das, was Marco 2008 als Buch veröffentlicht hat.
Mehr mutet sich das TV-Spiel nicht zu. Es vertraut der Macht einer Erzählung. Ob das, wie die "Süddeutsche Zeitung" ankreidet, ein künstlerisches und persönlichkeitsrechtliches Auf-Nummer-sicher-Gehen ist? Beethoven hat keine Note auf die Frage verschwendet, ob sein eingesperrter Held in der Oper "Fidelio" zurecht im Kerker schmachtet. Künstlerisch misslungen wird man das Werk deshalb nicht nennen.
"Ich lebe nur noch für euch"
Gezeigt wird eine 247 Tage lange Höllenfahrt durch die langsamen Mühlen einer selbstbewussten und selbstgerechten türkischen Justiz, durch die Qualen im türkischen Knast, gegen den das Verlies des Grafen von Monte Christo fast eine Erholungsstätte ist. Denn der war zunächst ganz allein, bis er Kontakt zu einem hilfsbereiten Mitgefangenen bekam. Marco aber landet in einer großen Massenzelle, als Ausländer eingesperrt mit Osteuropäern, die ihre Aggressionen gegen den jungen Deutschen auslassen. "Ich lebe nur noch für euch", schreibt Marco am tiefsten Punkt seiner Verzweiflung den Eltern; er weiß, dass ein Selbstmordversuch seinen leukämiekranken Vater umbrächte.
Es ist diese ans Herz gehende Geschichte eines gemarterten jungen Mannes, die der von Michael Souvignier produzierte Film in den Mittelpunkt stellt. Beim Kumpel-Rettungsdrama "Das Wunder von Lengede" und in der Arzneimittel -Tragödie "Contergan" hat Souvignier bewiesen, dass seine Kölner Produktionsfirma Zeitsprung meisterhaft Sachlichkeit und Sentiment zusammenführen kann. Und auch in "Marco W." glückt dieses Kunststück. Der Regie (Oliver Dommenget) und dem Buch von Johannes Betz gelingt es in diesem beinahe zu Tode boulevardisierten Fall, den Kern der Tragödie wiederherzustellen. Das ist alles andere als das Zuschminken von Abgründen.
Erst wenn man die anschließend auf Sat.1 (22.15 Uhr) gezeigte Dokumentation "Der Fall Marco W." sieht, entdeckt man, wie man die Geschichte anders, allerdings spekulativer, erzählen und dabei den Faden und den Mittelpunkt verlieren hätte können.
Da wäre die Geschichte der Mutter des Mädchens, die in Scheidung lebt und Angst hat, im Sorgerechtsverfahren schlechte Karten zu bekommen wegen der ferienbedingt vernachlässigten Aufsichtspflicht. Die Mutter ängstigt sich, weil ihre Tochter hätte schwanger werden können. Denn sie ist es, die mit Marcos Freundin am nächsten Tag zum Arzt geht. Der stellt fest, dass das Mädchen noch Jungfrau ist. Das Protokoll des Frauenarztes gelangt viel zu spät auf den Richtertisch. Warum die Mutter aus streng religiösem Milieu den Vorwurf der Vergewaltigung nicht zurückzieht, warum sie verhindert, dass das Mädchen vor Gericht erscheint - das alles zu erzählen, stünde auf wackligen Beinen. Die Kritik würde das anmerken, englische Anwälte zu Unterlassungsklagen greifen - ein möglicherweise teurer Spaß.
Das blonde Tuch
Mit reflexhafter Gewissheit schlägt dem Film Aversion entgegen, wenn in der Besetzungsliste der Name Veronica Ferres auftaucht. Sie spielt die Mutter von Marco, und natürlich sagen die, für die Ferres ein blondes Tuch ist, sie reiße wie immer den Film an sich, ihre Rolle werde ihretwegen aufgeblasen. Und überhaupt: Sie wirke nicht echt, nur vorhersehbar. Der Wille zur Kunst ersetze bei ihr die Kunst.
Einspruch, Euer Ehren! Ferres stellt sich in den Dienst dieses Films, der sich bewusst klein macht. Natürlich - was denn sonst? - ist die Mutter ein Opfer des hier gezeigten Unrechts, das an ihrem Sohn geschieht, so wie es der tumorkranke Vater (Herbert Knaup) ist. Und warum soll man ihre Tränen nicht sehen und sich davon beeindrucken lassen - auch wenn einem der Starglamour um die Schauspielerin nicht passt. Dienst ist Dienst und Drückerkönig Drückerkönig.
Der Film verunglimpft auch die türkische Justiz nicht, wie es in einem schlichteren Werk geschehen könnte. Das Gericht wird mit all seiner erschreckenden Würde dargestellt, nicht als verstockter lächerlicher Verein von Rachsüchtigen - auch das wäre so ein Nebenweg, auf dem sich das fiktive Fernsehen in innertürkischen Verhältnissen verlaufen könnte.
Und dass der heutige Bundespräsident und damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff Marco einen anrührenden Brief in den Knast schreibt, den Marco - von Vladimir Burlakov wunderbar gespielt - vor der Kamera verliest, erscheint nicht als Dankeschön der Produktionsfirma für 350.000 Euro Fördergeld aus Niedersachsen, wie die "FAZ" vermutet. Die Zeilen stehen für die allgemeine Solidarität, der Marco einiges verdankt. Sie sind fernsehtauglich, weil sie das Herz treffen.
Die ursprüngliche Fassung dieses Artikels nahm irrtümlicherweise auf Franz Kafkas "Das Urteil" Bezug, um zu illustrieren, wie ein Protagonist in die Fänge der Justiz geraten kann. Gemeint war "Der Process". Der Fehler ist korrigiert worden.
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