Sat.1-Vaterschaftstest Germany's Next Top-Gen

Ist Mama fremdgegangen? In "DNA unbekannt" sucht Moderatorin Karen Heinrichs Familien heim, um mit viel Spannungsbohei zu prüfen, ob Gen-technisch alles korrekt ist. Ein Vaterschaftstest nach Castingshow-Art inszeniert - ein neuer Tiefpunkt des deutschen Demütigungsfernsehens.

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Wenn es nach Sat.1 geht, muss keiner in diesem Land ohne Familienanschluss bleiben. In Kuppel-Soaps wie "Schwer verliebt" werden übergewichtige und deshalb aus Sat.1-Sicht schwer vermittelbare Menschen einander zugeführt, und in der groß angelegten Befruchtungskampagne "Deutschland wird schwanger" half der Sender schon mal Paaren mit Zeugungsproblemen dabei, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Dafür wurden die Eierstöcke der Frau einer öffentlichen Prüfung unterzogen und das Sperma des Mannes umständlich analysiert. Schlamperei kann man Sat.1 nicht vorwerfen; die Protagonisten der Doku-Soaps werden stets auf Herz und Hoden geprüft.

Nun kann Sat.1 leider nicht immer und überall dabei sein, wenn in diesem Land Paarungswillige mit offensichtlich beschränktem Reflexionsvermögen zur Vereinigung schreiten. Da kann dann schon mal, hoppla, ein Tröpfchen daneben gehen, sprich: Da kann schon mal die falsche Eizelle befruchtet werden. Oder die richtige vom falschen Mann. Um Malheure solcher Art aufzuklären, geht der Sender nun versuchsweise mit einem Format an den Start, in dem man den Kandidaten kostenlose Vaterschaftstests vermittelt. Eigentlich nur der nächste logische Schritt in der Sat.1-Familienplanungsoffensive.

Deshalb kann es nun neuerdings sein, dass Moderatorin Karen Heinrichs vor der Tür steht, um bei Familien mit unübersichtlichem Entstehungshintergrund die DNA-Feinanalyse anzusetzen. Durch ihre Arbeit als Moderatorin des "Sat.1-Frühstücksfernsehens" weiß sie mit einfachsten Mitteln ihr Publikum bei der Stange zu halten. In dem sonntags laufenden Format "DNA unbekannt - Familiengeheimnissen auf der Spur" braucht sie nicht mehr als Speichelstäbchen und Geheimniskrämerlächeln, um bei den aufgesuchten Menschen die schönsten und die schlimmsten Befürchtungen zu wecken.

Wenn die Python zärtlich wird

Samariterin oder Sadistin? Wie bei den Sat.1-Kolleginnen Britt Hagedorn oder Julia Leischik, die jene, denen sie zu helfen vorgeben, brutal vorführen, ist auch bei Heinrichs die Grenze fließend: Während die verzweifelten Menschen darauf warten zu erfahren, ob ihr Vater auch wirklich ihr Vater ist oder der verlorene Sohn auch wirklich der verlorene Sohn, wedelt die Moderatorin verheißungsvoll mit dem Umschlag. Doch statt endlich die so brennend erwartete Antwort zu geben, fällt sie erst mal über die Kandidaten her, um sie sehr lange und sehr fest zu umarmen. So muss es sich anfühlen, von einer Python liebkost zu werden.

Man hätte es ja kaum für möglich gehalten, dass es im deutschen Voyeurismus-Fernsehen noch einmal eine Steigerung in Sachen Menschenverachtung gibt - hier aber findet man sie. Nehmen wir zum Beispiel den Fall von Werner, der glaubt, seine Frau Rosalinde hätte ihn sein Leben lang betrogen. Die beiden Töchter Anke und Sandra, so sein Verdacht, habe ihm die Alte untergeschoben, der Vater der beiden sei eigentlich jemand anderes. In einem zäh in die Länge gezogenen Prozess aus Speichelproben und Würgeszenen nähert man sich nun dem Moment der Wahrheit.

Wie eine Casting-Jurorin verzögert Heinrichs die Verkündung des DNA-Tests: Die vor Aufregung weinenden Protagonisten werden in schockgefrorenen Schwarzweißbildern eingefangen, dazu gibt es Gruselmusik, und wie Heidi Klum in ihrem Model-Casting teilt Karen Heinrichs jeder Tochter einzeln und mit lustvoll ausgekosteter Verzögerungstaktik das Ergebnis des Vaterschaftstests mit. So folgt die Inszenierung hier dem Ausleseprinzip eines Talentwettbewerbs. Gesucht wird "Germany's Next Top-Gen".

Anke und Sandra sind dabei, sie werden via DNA-Test und Moderatorinnenglückwunsch bei der Familienauslese in die Siegerrunde geschickt. Aber was wäre eigentlich, wenn das Ergebnis anders ausgefallen wäre? Hätte Paps die beiden dann vor die Tür gesetzt?

Am nächsten Sonntag gibt es eine zweite Folge des Gen-Castings, der Zuschauerzuspruch soll entscheiden, ob demnächst eine ganze Staffel produziert wird. Schalten Sie diese Sendung also bitte nicht noch einmal ein.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund eines technischen Fehlers musste der Diskussions-Thread unter diesem Artikel entfernt werden. Wir bitten um Entschuldigung.



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