"Wanderhure"-Finale: Frau Neldel will eine Burg-Geburt

Von Daniel Haas

Die einen reiten Prinzen, die andern Geistpferde: Zwischen Soft-Porno-Szenen und Psycho-Eso-Blabla kommt Deutschlands "Wanderhure" Alexandra Neldel endlich zur Niederkunft - und die Sat.1-Trilogie zum Ende. Als gefilmtes Frauenmagazin für die moderne Fast-Feministin.

Marie, Michel, Hulda. Ach, die alten Namen, man hört sie bereits auf den Spielplätzen des Prenzlauer Bergs und in Hamburg-Eppendorf. Die "Wanderhuren"-Trilogie kommt zum Abschluss, "Das Vermächtnis" heißt der letzte Teil, und Sat.1 vermacht uns damit einen haarsträubenden Mix aus Geschichte und Feminismus, Politik und Sex, Klamauk und Drama.

Die Helden, allen voran die von der Prostituierten zur Freifrau aufgestiegene Marie, heißen nicht nur so wie die Kids aus den jungbürgerlichen Enklaven, sie reden auch wie deren Eltern. Sagt sie, kurz vor einem Abschied, mit Schmollmiene zum Rittergemahl: "Kann dein König nicht ein paar Tage auf dich verzichten?" Und er: "Gehen wir jetzt wirklich so auseinander?"

Familie und Job, das ist Kampfthema in jeder aufgeklärten Beziehung. Profilneurotischer Chef, hier König Sigismund aus Nürnberg, will gegen die Tataren reiten - da ist die Work-Life-Balance der Angestellten schneller futsch als eine Papplanze beim Ritterspiel. Das gibt's natürlich auch: Gleich zu Beginn fetzt Michel ein paar Recken aus dem Sattel, und Alexandra Neldel alias Marie macht ein von aller Nuttigkeit gereinigtes Honigkuchengesicht.

Und weil sie dann noch schwanger ist, geht's ans Eingemachte. Habituelle, kulturelle Fragen stehen zur Debatte. Zum Beispiel: Klinik oder Hausgeburt? "Wir wollen unsern Sohn lieber auf unserer Burg zur Welt bringen", sagt Neldelmarie und zupft sich eine Robe zurecht, die man so auch schon mal gesehen hat. Richtig, beim Hanfmode-Lädchen in Berlin-Mitte.

Kinder, ist das intrigant!

Fürs pseudofeministische Kolorit sind die Schlampen zuständig: Hulda von Hettenheim (Julie Engelbrecht), intrigante Mätresse des Königs mit verkümmertem Uterus, weshalb sie der Neldel das frisch geborene Baby entführt und als ihres ausgibt. Schauer des Entsetzens rieseln bis in die äußersten Nervenenden des Zuschauers: Ein Kind, die wichtigste Ressource im vergreisenden Deutschland, einfach so wegschnappen und um die schönsten Kita-Jahre bringen! Demografische Pornografie ist das, und entsprechend moralisch heimgeleuchtet wird dieser Hulda am Ende auch.

Bis dahin aber kopuliert sie sich durch die Betten der Mächtigen. Der Begriff Körperpolitik kommt in seiner vulgärsten Fassung noch einmal zu Ehren, wenn Hulda erst Sigi (Götz Otto), dann den Tataren-Prinz (Michael Steinocher) verführt. Dabei ritzt sie sich schon mal selbst beim Beischlaf zwecks blutiger Paktbesiegelung. Ganz klar eine, die "Shades of Grey" gelesen hat.

Auch der Neldel gönnt man einen Darkroom-Moment: In Ketten und auf schmutziges Stroh gelegt, angestrahlt vom Kerkerfeuer, bringt sie unter Stöhnen ihr Kind zur Welt. Heilige Empfängnis und Eros-Center-Kitsch in einer Szene, das kriegen nur wenige hin: Lady Gaga, Lars von Trier, Sat.1.

Und auf Tataren-Seite? Lebt man in Zelten wie im Bambule-Camp. Es sieht nach Kreuzberg in glücklichen Vorgentrifizierungsjahren aus, die Männer haben Goaties und Schlabbershirts.

Freud im Orakeldampf

Hinzu kommen Haremsdamen, die einem gedankenverlorenen Steppenfürsten im Bett Folgendes sagen: "Wenn du wirklich mich meinst, wenn du bei mir bist, können wir weitermachen." Wie meinen? Eine Sexsklavin des frühen 15. Jahrhunderts mit Therapiesprech aus der Nie-wieder-coabhängig-Achtsamkeitsschule? Wirklich?

Es wird noch besser: Neldelmarie verdonnert den Tatarenprinz zur Trauma-Aufarbeitung. Die Eltern hat man ihm gemeuchelt, angeblich war es König Sigi, deshalb auch die fanatischen Kriegswünsche. Die Dorfpsychologin vulgo Seherin gibt den Freud avant la lettre: "Reite dein Geistpferd", heißt es über Orakeldämpfen, und ab geht die Erinnerungsfahrt ins Unbewusste.

Ist die "Wanderhure" also gar keine Geschichtslektion? Sondern ein animiertes Frauenmagazin mit all den dazugehörenden Themen? Familiengründung, psychologische Paarhygiene, Selbstfindungsquerelen?

Tja, warum auch nicht? Das Eventfernsehen verwurstet aktuelle Probleme zur Operette. Leider sind auch die ideologischen Misstöne schrill: Huldas Wille zur Macht erscheint als pathologischer Ausreißer im allgemein gültigen Genderprofil. Neldelmaries Eifer gilt letztlich nur der Wiederherstellung des Status quo zwischen Mann (oben) und Frau (unten).

Es hätte, bei noch beherzterer Aussetzung der historischen Plausibilität, auch anders enden können. Wie? Reite dein Geistpferd, Sat.1-Redakteur! Reite dein Geistpferd!


"Das Vermächtnis der Wanderhure", Dienstag, 13. November, 20.15 Uhr, Sat.1

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Kaum zu glauben
Tom Joad 12.11.2012
Mit der entsprechenden Vorlage kann Herr Haas ja richtig witzig sein!
2. Kulturbürgertum ?
bluereader 12.11.2012
Für die einen ist es die "Wanderhure" für mich ist es die "Outdoor-Nutte" oder die "Globetrotter-Schlampe". Alleine die Vorschau, gefühlte 99 mal pro Abend, in den Werbeblöcken nervt.
3. wanderhure?
Maxjonthal 12.11.2012
Noch nie gesehen,aber da hat sich doch jemand ganz schön was von der Seele schreiben müssen.So viel Häme und Spott gibt's ja sonst nur bei Til Schweiger... Irgendwie riecht das nach einem unbewältigtem Kindheitstrauma.Vielleicht ist es der Name?Die Eltern haben vielleicht zuviel 'Daniel Boone'gesehen?
4. ich liege unterm Tisch und habe Bauchschmerzen - vom Lachen
KarlNielz 12.11.2012
dazu eine sehr präzise Analyse. Für eine Raabanalyse aus derselben Feder würde ich viel geben
5. Chapeau, Herr Haas!
hatem1 12.11.2012
Sehr hübsch geschrieben! Wer braucht da noch den Film? (Wer braucht den überhaupt?)
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