"Tatort" über Afghanistan-Heimkehrer: Unter Männern

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Ein öder Erklär-Krimi? Überhaupt nicht! Im Kölner "Tatort" geht es um Afghanistan-Heimkehrer, die nicht in ihre Familie zurückfinden. Regie-Großmeister Andreas Kleinert stürzt den Zuschauer in einen nachtschwarzen Trip - mit unverhofft zärtlichen Momenten zwischen den Kommissaren.

Köln-"Tatort": Freddy, komm kuscheln! Fotos
WDR

Sie sabbern, schnarchen und schmiegen sich aneinander: Die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) sind das perfekte Paar, das wussten wir schon immer. Nach der Party eines Freundes kommen sie sich auf der Auslegeware in dessen Wohnzimmer näher, der Alkohol lässt sie die letzten Hemmungen überwinden.

Zärtlichkeiten gibt es in diesem nachtschwarzen Kölner "Tatort" reichlich. Allerdings fast ausschließlich unter Männern, das komatöse Kuscheln zwischen Schenk und Ballauf ist da nur der Anfang. Die Verbindungen zu den Frauen sind in dieser Episode gekappt, das liegt in der Natur des Themas: Es geht um Afghanistan-Heimkehrer, die nach ihrer Ankunft in Deutschland keinen Weg zurück in ihr altes Leben und ihre alte Liebe finden.

Da ist zum Beispiel der Bundeswehrübersetzer Sebastian (Roeland Wiesnekker), der nach sieben Monaten endlich vom Hindukusch in sein Einzelhaus zurückkehrt. Die Willkommensparty aber, die ihm seine Frau Lissy (Anna Loos, früher selbst Ermittlerin beim Kölner "Tatort") schmeißt, verlässt er panisch. Zu viele Menschen, zu viele potentielle Feinde für Sebastian.

Zärtlich geht die Welt zugrunde

Nur bei seinem Kameraden Thomas (Godehard Giese) findet er Verständnis. Der Freund aus dem Bundeswehrlager in Kandahar hat neuerdings durchgehend sturmfreie Bude; die Frau ist mit Sack und Pack ausgezogen, zum Liebkosen hat sie ihm die beiden Kaninchen auf dem Balkon dagelassen. Nun sitzen Sebastian und Thomas in der kahlen Wohnung, streicheln die Hoppler und reichen sich liebevoll eine Bierflasche nach der anderen.

Dritter im Bunde der Heimkehrer ist Matthias (Wanja Mues), der am Hindukusch seinen Arm gelassen hat. Er ist der einzige, der Kontakt zum anderen Geschlecht hält. Wenn auch nur zur eigenen Mutter: Die krault ihm mit seiner zur Nacht abgeschnallten Prothese kokett das Kinn; er deckt die drollige Alte, die mal wieder zu tief ins Likörglas geschaut hat, mit dem verbliebenen Arm sanft zu.

Zärtlich geht die Welt zugrunde: Wie kein zweiter Regisseur in Deutschland kümmert sich Andreas Kleinert um die Aussortierten und die Abgewrackten. Doch egal, wie rigoros er deren Schicksal aufzeigt, er lässt ihnen immer eine gewisse Restwürde. So wie zuletzt in seinem elegischen Stricher-Krimi "Nacht ohne Morgen" mit Götz George. Der gefiel dem verantwortlichem WDR so gut, dass man bei Kleinert gleich noch den aktuellen Heimkehrer-"Tatort" bestellt hat.

Der Krieg bleibt im Kopf

Eine gute Wahl. Hätten die in letzter Zeit leider immer weniger zum Experiment neigenden Kölner "Tatort"-Entscheider einen ihrer Hausregisseure verpflichtet, wäre am Ende doch nur einer dieser Redlichkeitskrimis herausgekommen, in denen die Kommissare über die Legitimierung oder Nicht-Legitimierung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr sowie über posttraumatische Belastungsstörung diskutiert hätten.

Das aber ist ja bereits in etlichen Krimis geschehen. Eher schlecht etwa in einem Saarbrücken-"Tatort" mit hysterisch dilettierenden Jungschauspielern, etwas besser in einem Münchner "Polizeiruf" mit Bjarne Mädel als Neuauflage des klassischen Vietnam-Heimkehrers und richtig gut in einer "Bloch"-Episode mit Jochen Nickel, in der sich der Traumatisierte ein Loch im Wald gräbt, in dem er sich vor den Zumutungen der als feindlich empfundenen Zivilgesellschaft in Sicherheit bringt.

Der Krieg bleibt im Kopf, die Erkenntnis ist nicht neu. Für "Fette Hunde" holen Regisseur Kleinert und sein Drehbuchautor André Georgi (schrieb zuvor den kontrovers diskutierten Sterbehilfe-"Tatort" "Der glückliche Tod" mit Susanne Lothar) diesen Krieg nun in die Realität zurück: In einer Parallelhandlung folgen wir zwei afghanischen Bodypackern, also Heroin-Kurieren, die ihre Fracht in Kondomen in ihrem Magen schmuggeln. So holt man den Verteilungskampf am Hindukusch in die bundesdeutsche Wirklichkeit.

Der männliche Bodypacker wird schnell nach seiner Ankunft erschossen und landet auf dem Seziertisch der Gerichtsmedizin, seine Begleiterin irrt mit der gefährlichen Ware im Darm durch Köln. Offensichtlich pflegt sie eine amouröse Verbindung zu einem der Afghanistan-Heimkehrer. Doch was ist die schon wert: In diesem "Tatort" mit seinem pathologischen Beziehungsgeflecht gibt es echte Nähe und wahre Zärtlichkeit nur unter Männern.

Nur unter jenen Heimgekehrten, die stillschweigend teilen, worüber sich nicht sprechen lässt.


"Tatort: Fette Hunde", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Es muss ja nicht immer...
RaoulLübeck 31.08.2012
...der klassische Krimi sein und gesellschaftlich relevante Themen können Berücksichtigung finden. Die Frage ist nur wie es dargestellt wird. Da habe ich bei Ballauf und Schenk keine Sorge, denn auch in früheren Fällen ist es nicht aufgesetzt. Im Gegensatz dazu ist Kommissarin Odenthal für mich dabei die Welt zu retten und die Fälle sind wahrlich nicht immer nachvollziehbar. Am Ende steht eine Story, die immer noch ein Krimi bleibt und im besten Fall zum Nachdenken anregt. Und wenn das dann nicht noch bei Jauch totgeredet wird umso besser. Als langjähriger Tatort-Fan hab eich mir mal meine Gedanken zur Serie gemacht (nichtkommerzieller Link) - Seit meiner Kindheit ist der Tatort am Sonntag eine Konstante (http://goodnewstoday.de/gute_nachrichten/2010/02/15/der-tatort-eine-schone-konstante-im-tv/)
2. schon wieder?
cobaea 31.08.2012
Schon wieder ein "Tatort" mit Afghanistanbezug und schon wieder Soldaten, die mit ihrem Einsatz dort nach ihrer Rückkehr nicht zurecht kommen. Gähn. Das gab's doch schon einmal in einem "Tatort" aus Saarbrücken - von anderen Filmen zum selben Thema ganz zu schweigen.
3. Sag hallo zum Betroffenheits- Fernsehen
produster 31.08.2012
Sag hallo zum Betroffenheits- Fernsehen. Alles wird verbraten. Bis alles schmeckt wie fader Brei. Wahrscheinlich ist der Tatort wirklich das perfekteste Abbild bundesdeutscher Befindlichkeiten. Nicht Afghanistan wirft Fragen auf, sondern der psychische Zustand der "Verteidiger unserer Freiheit", die nach (letzlich freiwilligem) Einsatz dort feststellen müssen, dass Krieg keine lustige Computersimulation ist. Hoffentlich ist dies nicht der Anfang einer hemmungslos egomanen Aufarbeitungsphobie, wie sie die Amis nach ihrer grandiosen Schlappe in Vietnam per Hollywood hundertfach zelebriert haben: endlich haben wir unsere eigenen Veteranen. An deren Leid sollen wir uns abarbeiten, Fragen zu dessen Ursachen aber lieber vermeiden. Wahrscheinlich gab's hier noch einen netten Zuschuß vom Verteidigungsministerium... Wirklich psycho!
4. Oh Gott jetzt gehts wieder los
hartholz365 31.08.2012
Die mediale Partnerschaft zwischen ARD-Tatort und Spiegel wurde offenbar verlängert oder ist noch nicht abgelaufen. Jetzt müssen wir wieder jede Woche gepushte Kritiken abgelutschter Durchschnittsserienkost ertragen. Sind euch diese Jubelkritiken nicht selber peinlich? Schreibt doch einfach mal was Sache ist: Tatort - ein Zobie der schon über 30 Jahre durch die ÖR geistertert und in der Dauerwiederholungsvorhölle der Dritten umhergeistert.
5. optional
DerZauberer 31.08.2012
So schön er gemacht sein mag - wie viele Ex-Soldaten/Veteranen/Polizisten/Polizeischulen/Bundeswehrausbildungs Tatorte hatten wir in den letzten 1-2 Jahren? Was spricht denn so gegen den guten alten Krimi?
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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Buß, Jahrgang 1968, ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Seine Kollegen denken, er hat eine Macke, weil er nicht nur gefeierte US-Serien schaut, sondern auch jeden noch so schlechten "Tatort". Doch der TV-Krimi ist für ihn nun mal mehr als ein Täterrätsel - er öffnet ihm ein Fenster in die bundesrepublikanische Wirklichkeit. Wer wissen will, wie das Land tickt, der kommt um den "Tatort" nicht herum.