"Schlag den Star" Gafflust mit Gesäßfalte

Vielleicht ist die Samstagabendshow doch noch nicht tot. Tim Mälzer und Sasha kämpften bei "Schlag den Star" gegeneinander und lieferten fünf Gründe, warum das abwrackreif geglaubte Format immer noch glänzend funktionieren kann.

Willi Weber Fotografie

Von


1. Man sieht den Schweiß und die Qual.

Weder Sasha noch Tim Mälzer sind pulsbetonierte Fitmaschinen, schon nach dem ersten Spiel, bei dem sie Nägel in eine Planke schlagen müssen, jammern sie schnaufend über Armschmerzen.

Und das sieht man gerne, auch wenn das natürlich aus niederster Gafflust gespeist ist: Sonst samtgebettete und scheckheftgepflegte Promis, die sich zu unserem Amüsement ein bisschen wundreiben. Mälzer erweist sich schnell als die perfekte Dampflok, die eine Sendung, die fünf Stunden und länger dauern kann, unbedingt braucht: Ein schwitzender Triebwagen, der brodelt, keucht, geifert und auch mal buchstäblich aus dem letzten Loch pfeift.

Das erinnert natürlich an Showvater Stefan Raab, den pumpenden Maikäfer, und ist das Gegenmodell zum stets etwas abgekocht-aseptisch wirkenden Ex-Gastgeber Steffen Henssler. Mälzer brüllt "Fickscheiße!" und beschimpft einen Tischtennisball, der sich nicht dahin pusten lässt, wohin er soll, als "blöde Drecksau". Wenn er sich unglücklich bückt, sieht man unter der verrutschtem Hose auch schon mal seine klaffende Gesäßfalte. Das ist alles nicht appetitlich, aber - siehe niederste Gafflust - eben auch verlässlich unterhaltend.

Fotostrecke

10  Bilder
"Schlag den Star": Schweiß und Qual

2. Die Sympathiedramaturgie stimmt.

Was für ein Bollerkopf, denkt man in der ersten halben Stunde, wenn Mälzer beim Auftakt-Nagelspiel prollomäßig erzählt, er könne nicht einmal selbständig eine Glühbirne wechseln: "Ich bin das Weibchen bei uns zuhause".

Sein Kontrahent Sasha hat leichtes Spiel, sich im Kontrast supersympathisch und voll mehrheitsfähig zu präsentieren. Man aalt sich wohlig in Schadenfreude, als Mälzer die ersten fünf Runden in Reihe verliert - bis sich die Sympathien irgendwann fast unbemerkt verschieben, weil Mälzer so terriermäßig weiter rackert und scheitert und wieder rackert und dabei so viel entwaffnende Identifikationsfläche bietet.

Ist Sasha nämlich eigentlich zwar sehr nett, aber eben auch: einfach nur sehr nett? Wie ein geladenes Teilchen zwischen zwei Platten saust die Sympathie an diesem Abend zwischen den Kandidaten hin und her, das erhält die emotionale Spannung.

3. Man erfährt überraschende Details über die Kandidaten.

Etwa, als Mälzer bei "Blamieren oder Kassieren" mit Rosamunde-Pilcher und "Traumschiff"-Kennerschaft reüssiert und sich damit quasi selbst fachkundig mit einer feinen Schmalzschicht glasiert, als sei er ein Prunkspanferkel auf einem Showbüffet.

4. Es gibt genügend Einstiegs- und Ausstiegspassagen.

Wirklich lange und linear bei einer Sendung zu bleiben, das ist der durch Streamingangebote und Mediatheken völlig verwilderte Zuschauer längst nicht mehr gewohnt.

Idealerweise funktioniert ein Mammutformat wie "Schlag den Star" darum wie eine Hop-on-hop-off-Bustour: Zwischendurch gibt es immer wieder mal Passagen, in denen man kurz aussteigt, Schnittchen schmiert, mit dem Hund geht und nicht wirklich Entscheidendes verpasst, weil in der Zwischenzeit einfach nur sehr lange Luftballons mit nagelbewehrten Modellautos attackiert werden.

Und es gibt Andockspiele, die dann den Wiedereinstieg erleichtern, weil man sie im Kopf mitspielen kann: Zum Beispiel das Spiel Zahlenschreiben, bei dem die Kontrahenten in Worten ausformulierte Zahlen - etwa viermilliardenzwanzigtausendvierundfünfzig - wieder in Ziffern übersetzen müssen. Und dabei gnadenlos scheitern, weil sie regelmäßig ein paar Stellen vergessen.

5. Das perfekte Ende ist eine milde Kontroverse.

Wie man am Ende eines opulenten, sehr langen Vielgangdinners die ganze Fresserei gerne noch mit einem abschließenden Stückchen Stinkekäse versiegelt, hält nach dem idealen Showfinale ein hauchfeiner, kaum spürbarer Missgeschmack das Geschehene noch länger im Gedächtnis.

Beim entscheidenden Spiel müssen die Kandidaten auf eine Art Schafott steigen und von dort oben einen sehr langen Faden ohne Zuhilfenahme der Hände in ihren Mund aufwickeln. Es kommt zu Komplikationen: Hat der siegreiche Sasha das Endstück des Fadens unrechtmäßig eingesaugt? Hätte man darum Mälzer den Sieg zuerkennen und ihm in einer weiteren Runde die Chance auf die 100.000 Euro Preisgeld geben müssen - oder wurden die Regeln vorher einfach nicht genau genug erklärt, und Sasha konnte nicht wissen, dass er spielwidrig handelte?

Elton entscheidet auf Wiederholung, Sasha gewinnt erneut und schlägt damit Mälzer, die Show ist vorbei.

Wenn man dann am Sonntagmorgen aufwacht und zuallererst darüber nachdenkt, ob das nicht doch auch ein bisschen unfair war, dass Sasha den Faden erst einmal etappenweise auf seiner Zunge aufgespult hat, um ihn dann gebündelt in den Mund zu befördern - dann hält der Absurditätskokon des Vorabends, an dem man fünf Stunden dabei zusah, wie ein Koch in einer endlosen Reihe von Quatschspielen gegen einen Sänger antrat, noch eine kleine, glückliche Weile dicht. Bevor der unalberne Alltag ihn wieder gnadenlos perforiert und das echte Leben eindringen lässt.

Mehr kann man von einer Samstagabendshow nicht erwarten.



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dasfred 10.02.2019
1. Der Tag, an dem Anja Rützel fünf Stunden genutzt hat
Diese fünf Stunden Lebenszeit hat sie für uns auf sich genommen, damit wir köstlich wie immer, über alles informiert werden können, ohne auf den Schlaf der Gerechten verzichten zu müssen. Mein Wort des Tages ist heute Scheckheft gepflegt für den Koch und den Musikus.
gerdimaus 10.02.2019
2. ..
Abgesehen von dem fürchterlichen Deutsch der Autorin ,lief die Sendeng locker vom Hocker. Diese ganzen Krimis im ARD und ZDF braucht niemand mehr.
stefanmargraf 10.02.2019
3. Nur, warum muss ein Star Geld gewinnen?
Für sich? Sich selbst? Reicht doch, wenn er König wird!
Harry Hutlos 10.02.2019
4. Ein Glück
dass ich das nur lesen musste. Amüsanter Text, weniger amüsante Sendung. Auch gebe ich zu: bei dem fünfstündigen Kindergeburtstag wird man bei ProSieben mit wenigstens 10 Werbeunterbrechnungen verwöhnt, das sind an die 100 Minuten, vieleicht mehr. Ich bin doch nicht bescheuert. Das sollen sich Leute antun, die es nicht stört, wenn das Wort "jetzt" seine Bedeutung verliert und am Ende daraus sehr lange zehn Minuten werden, und das gleich zehn mal..
testuser2 10.02.2019
5. Samstag TV Show nicht mehr auf ARD und ZDF
Natürlich sitzt der Zuschauer nicht 5 Stunden vor einer TV Show und das Fernsehverhalten hat sich durch Netflix und co verändert. Allerdings wird der Zuschauer eher auf Pro7 fündig als bei den Öffentlich-Rechtlichen, wenn er (oder sie) eine Samstag-Abend-Show und -- Unterhaltung sucht. ARD und ZDF haben das Feld geräumt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.